Es stinkt und dampft nicht. Weder Bunsenbrenner noch Mikroskope sind das Inventar dieses Forschungslabors. Die Materie, um die es hier geht, kann mal schlüpfrig und mal hammerhart sein – ein Wirkstoff, dessen Reaktion den Beteiligten buchstäblich ins Gesicht geschrieben ist. „Treffen sich zwei Yetis. Sagt der eine: ,Du, ich hab den Reinhold Messner gesehen.‘ ,Wie – den gibt’s wirklich?‘ ” Aufgerissene Augen bei der Versuchsperson, Zucken um die Mundwinkel, sie wirft den Kopf in den Nacken, ein brüllendes Hahahaaa.
In ihrem „Laughlab” untersuchen britische Wissenschaftler der Universität Hertfordshire die Psychologie des Humors – und zwar weltweit. Dazu haben der Psychologe Dr. Richard Wiseman und seine Kollegen das Lachlabor im Internet eingerichtet. Ein Jahr lang konnte bis vor kurzem jeder Besucher seinen Lieblingswitz online präsentieren und die bereits erfassten Späße auf einer Lachskala im Netz bewerten.
Rund um den Globus waren zwei Millionen Teilnehmer bemüht, Lachhaftes beizusteuern. Mit dem reichen Ertrag von 40000 Witzen füllten die Forscher die Ranglisten und ließen Vertreter aller Herren Länder ihren Lieblingswitz ausloben. So kürten die Belgier folgenden Ratespaß zum Favoriten: „Warum haben Enten Füße mit Schwimmhäuten? Um Feuer auszutreten. Und warum haben Elefanten so platte Füße? Um brennende Enten auszutreten.” Die Verwandten von Donald Duck zählen zu den beliebtesten Witzfiguren – das ist eines der vielen Ergebnisse aus dem Lachlabor. Der wichtigste und ehrgeizigste Teil der Internet-Aktion war jedoch, den „lustigsten Witz der Welt” zu identifizieren. An die Spitze der Lachstatistik wählten die Teilnehmer einen Jägerwitz (siehe oben: „Der Champion aller Witze”). Der habe offenbar einen universellen Reiz und spreche daher weltweit die meisten an, deutet Versuchsleiter Wiseman den Erfolg.
Doch nicht alle können über das Laughlab und seine Witz-Hitliste lachen. Der Humor-Psychologe Prof. Willibald Ruch von der Universität Zürich, Präsident der International Society for Humor Studies, bewertet die Fragestellung der britischen Forscher als unwissenschaftlich: „Es wird immer jemanden geben, der einen Witz nicht komisch findet.”
Ruch, der selbst seit rund 20 Jahren anhand ausgeklügelter Witztests den Sinn für Humor erforscht, hält zudem den Versuchsaufbau des virtuellen Witzlabors für fehlerhaft. Denn schließlich repräsentierten Internet-Nutzer nur eine kleine Untergruppe der weltweiten Lachkultur, und längst nicht jeder Witzbold habe Zutritt zum Netz der Netze. Viele Witzforscher sehen in der jeweiligen Kultur die Basis gemeinsamer Späße. „Die universelle Hauptquelle des Witzes ist eine Grenzziehung”, sagt die Volkskunde-Professorin Regina Bendix von der Universität Göttingen. „Indem man die kulturspezifischen Sitten der anderen im Witz quasi vernichtet, wird die eigene Position bestärkt.” Wie foltern die Belgier ihre Gefangenen? Sie sperren sie in eine runde Zelle und erzählen ihnen, dass in einer Ecke ein Pommes Frites liegt. So verspotten Holländer und Franzosen grenzübergreifend ihre belgischen Nachbarn.
Selbstbestätigungen dieser Sorte zeigen sich besonders im „ ethnischen Witz”: Nationale Mehrheiten machen sich über Minderheiten lustig. Berühmt-berüchtigtes Musterbeispiel ist das Einwanderungsland Nummer eins – die USA. Dort sind Witze, die die Grenzen zu nichtsnutzigen Mexikanern, trinkfreudigen Iren oder Sauerkraut essenden Deutschen ziehen, fester Bestandteil des Kulturgutes.
Prof. Gert Raeithel vom Institut für Amerikanistik der Ludwig-Maximilians-Universität München hat viele dieser eher aggressiven als lustigen Gags in seinem Buch „Lach, wenn Du kannst” zusammengetragen. Gelegentlich finden sich darin sogar Anflüge von Selbstironie. Ein Yankee sagt zu einem Chinesen, der Reis über das Grab seiner Angehörigen streut: „Wann, glaubst du, werden deine Vorfahren aufwachen, um deinen Reis zu essen?” „Im selben Moment, wo deine Vorfahren aufwachen, um an deinen Blumen zu riechen.”
Das Verhöhnen anderer ist weltweit zu finden, ob auf nationaler oder regionaler Ebene. So witzeln die Australier über Neuseeländer und die Engländer über Iren. Die Italiener in Mailand und Neapel lästern mit Vergnügen über die sizilianische „ Mafia”, die Schweizer hänseln die Bewohner des Nachbarkantons, und nicht nur in China necken Städter die Dörfler. In Dänemark sind speziell die Einwohner der Stadt Aarhus die Dummen, und in Deutschland mussten eine Zeit lang die Ostfriesen herhalten. Doch nicht nur sie: Was macht ein Schwabe mit einer Kerze vor dem Spiegel? Er feiert den zweiten Advent.
Rund um den Globus kursieren Witze über die Dummheit oder den Geiz der anderen, bilanziert der Soziologe und Humorforscher Prof. Christie Davis von der Universität Reading. Vielleicht erklärt sich damit auch der große Erfolg des Witz-Champions in der Laughlab-Liste – von dem mit dem einfältigen Jäger: Seine Dummheit, eine Anweisung zu wörtlich zu nehmen, führt zu einem Ende mit Schrecken. Daran gibt es eigentlich nichts zu lachen. Oder doch?
Dass vor allem das Verbotene zum Lachen reizt, diagnostizierte Sigmund Freud bereits Anfang des 20. Jahrhunderts. In seiner Abhandlung „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten” kam er zum Ergebnis: Wir finden gerade solche Scherze am lustigsten, die gesellschaftliche Konventionen übertreten. Verbotene Lust, Aggression, Ekel und Tod sind beliebte Beweggründe, sich vor Lachen zu schütteln.
Die Ethnologen gehen heute davon aus, dass vor allem die obszön-erotische Geschichte in allen Witzkulturen der Erde zu finden ist. Ein weiteres gemeinsames Phänomen aller Lachkultur sei Schadenfreude, meint der Anthropologie-Professor Rolf Brednich von der Universität Göttingen: Weil man sich gerne überlegen fühlt, macht man sich über andere lustig. Die moralischen Grenzen, die ein Witz oder eine zum Lachen reizende Aktivität sprengen darf, verschieben sich abhängig von Kultur und Zeitgeist. So verhöhnten die alten Griechen Stotterer und behinderte Menschen. Im heutigen China werfen Zoobesucher Krokodilen kleine Küken zum Fraß vor – und amüsieren sich dabei königlich.
Doch nicht nur Nationen haben ihre eigenen Humor-Präferenzen. Auch das geschlechterspezifische Lustprinzip ist gespalten: Frauen und Männer, so die ernüchternde Quintessenz aus dem britischen Laughlab, finden völlig unterschiedliche Dinge lustig. Die Weiblichkeit ergötzt sich an geistreichen Wortspielen. Das „ starke Geschlecht” dagegen mag das selbstgefällige Spiel mit Überheblichkeiten. Ein echter Herrenwitz: Ein Mann kommt aufgeregt nach Hause und schreit: „Pack deine Koffer, Schatz, ich habe im Lotto gewonnen – sechs Richtige!” Sie: „Oh, das ist ja toll! Soll ich für den Strand oder für die Berge packen?” Er: „ Das ist mir egal. Pack einfach und verschwinde!”
Auch wenn „Frau” das Lachen jetzt vergangen ist: Dieser Spaß besitzt einen springenden Punkt, den jeder Mensch als lustig empfindet – die unerwartete, unvorhersehbare Pointe. Wir lachen, wenn der gewohnte Lauf der Dinge plötzlich einen anderen Weg nimmt. Solche „Kontraste” gelten als universelle Motoren für das Zwerchfell.
Ein starkes „Kontrastmittel”, eine ungehörig große Portion Verbotenes und eine Prise Schadenfreude sind also die Zutaten, die einen ultimativen Witz mit Breitenwirkung ausmachen. Qualitäten, die die kurzweilige Geschichte um den begriffsstutzigen Jägersmann durchaus besitzt. Doch das Forschungsobjekt „Witz” ist trotzdem nicht leicht zu analysieren. Der Lachlaborkritiker Willibald Ruch verweist auf ein grundsätzliches Problem, das sich der Entdeckung eines kollektiven „lustigsten Witzes” entgegen stellt: Zwei grundsätzlich verschiedene Patentrezepte, so Ruch, trennen die Welt der Witze – nicht der Inhalt, sondern die Struktur entscheidet seiner Ansicht nach über den Lacherfolg.
Unzählige Witzanalysen und zigtausend Humorkontrollen an Testpersonen aus verschiedenen Ländern führten Ruch zu dem Ergebnis: Einerseits gibt es den klassisch-logischen Witz (zum Beispiel den „Jägerwitz”), andererseits den Nonsens-Witz: Warum überquert ein Huhn die Straße? Antwort: Um auf die andere Seite zu kommen. Je nach Persönlichkeit ist entweder die eine oder die andere Witzstruktur Quelle der Belustigung. bdw-Leser können sich im bdw-Schnelltest auf der linken Seite selbst erkunden: Was für ein Witz-Typ sind Sie?
Auch die britischen Lachlaboranten um Richard Wiseman nahmen strukturelle Eigenheiten unter die Lupe. Dabei fanden sie heraus, dass nicht zuletzt die Textlänge ein wichtiges Indiz für einen wirklich guten Witz ist. So zählen Witze mit 103 Wörtern im statistischen Mittel zu den am lustigsten empfundenen – zumindest was den Geschmack der Englisch sprechenden Internet-Gemeinde betrifft. Der siegreiche Jägerwitz liegt mit 102 Worten Umfang im englischen Original perfekt in diesem Längenbereich.
Die Kürze und Würze der Textsorte Witz scheint jedoch ein Phänomen der modernen Welt zu sein. Viele Naturvölker erheitern sich eher an längeren, lustigen Erzählungen, sagt der emeritierte Volkskunde-Professor Hermann Bausinger von der Universität Tübingen. Noch im Mittelalter waren auch in Europa umfangreiche Schwankgeschichten die Quelle von Humor.
Seit den Menschen jedoch die Zeit zum Erzählen und die Geduld zum längeren Zuhören fehlt, hat die geschäftige Gesellschaft kurzerhand umgestellt: auf die schlagkräftige, komprimierte Spezies – den Witz.
Susanne Wagner




