Odysseus ließ sich an den Mast seines Schiffes ketten, um den Gesang der Sirenen zwar zu hören, dessen tödlicher Versuchung jedoch zu widerstehen. Diese heroische Psychotechnik, genannt Selbstbindung, hat sich in neuesten Studien als Erfolgsrezept gegen den “inneren Schweinehund” bewährt.
Oft im Leben werden unsere guten Vorsätze von Bequemlichkeit und Gier durchkreuzt. Wir beschließen, eine Diät zu beginnen, aber dann erliegen wir der Versuchung eines Schokoladensoufflés. Wir nehmen uns vor, regelmäßig zu joggen, finden aber nie die Zeit dazu. Im Prinzip sind Menschen durchaus in der Lage, Bedürfnisse aufzuschieben und die “weisere” Alternative zu wählen. Allerdings nur, wenn der emotionale Gewinn der Alternativen erst in der Zukunft liegt. Konkret hat das jetzt der Psychologieprofessor George Loewenstein von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, USA, mit Experimenten gezeigt, deren Teilnehmern Gutscheine für Gratismahlzeiten angeboten wurden:
• Vor die Wahl gestellt, einen Gutschein zu erhalten, der sich frühestens nach 100 Tagen einlösen lässt, oder zwei Gutscheine, die sich frühestens nach 101 Tagen einlösen lassen, zogen fast alle Experimentteilnehmer Letzteres vor.
• Wenn die Entscheidung in die Gegenwart verlagert wurde, kehrten sich die Präferenzen um: Ein großer Teil der Konsumenten zog einen sofort einlösbaren Gutschein zwei Gutscheinen vor, die erst am nächsten Tag fällig wurden.
Ein zukünftiger Lustgewinn wird, ökonomisch gesprochen, stark “abdiskontiert”. Dadurch wirken selbst zwei Mahlzeiten morgen nicht so attraktiv wie eine Mahlzeit heute. Bei den Alternativen, die 100 oder 101 Tage in der Zukunft liegen, fällt die zeitliche Abfolge dagegen nicht mehr ins Gewicht.
Viele Menschen vermuten offenbar, dass ihre Widerstandskraft gegen zukünftige Verlockungen stärker ist als die in der aktuellen Versuchungssituation. Darum greifen sie instinktiv auf die Selbstbindungs-Strategie des Odysseus zurück: Wer Probleme hat, einer Diät zu folgen, bewahrt keine Wurst im Kühlschrank auf. Wer dazu neigt, den Wecker morgens abzustellen, platziert ihn am besten ein paar Meter vom Bett entfernt.
Das selbstgesetzte Täuschungsmanöver funktioniert. Offen war jedoch bisher, ob die Selbstbindung auch die Leistungsfähigkeit erhöht. Dies haben nun der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Dan Ariely und sein französischer Kollege Klaus Wertenbroch getestet: 100 Studenten bekamen die Aufgabe, für einen Kurs drei Arbeitspapiere zu verfassen. Die Hälfte bekam drei gleichmäßig über das Semester verteilte Abgabetermine gesetzt. Die anderen durften sich ihre Fristen selber wählen. Spätester Abgabetermin war das Semester-Ende. Das Ergebnis überraschte in zwei Punkten: Die meisten “freien” Probanden hatten die Weitsicht, sich gestaffelte Fristen zu setzen und nicht alles auf den letzten Termin zu schieben. Viele von ihnen wählten allerdings lockere Fristen, die viel “Luft” bis zur Abgabe der einzelnen Arbeiten ließen. Mit dieser Lässigkeit schnitten sie sich ins eigene Fleisch: Die Arbeiten ihrer Kommilitonen mit den fest vorgeschriebenen Fristen wurden im Durchschnitt von neutralen Juroren besser benotet.
Das lag aber offenbar nur an den Probanden, die sich selbst “weiche” Abgabetermine gesetzt hatten. Ihre Arbeiten fielen schlechter aus und drückten den Schnitt der ganzen Freiwilligengruppe. Die Teilnehmer, die sich selbst unaufgefordert drei gleichmäßig verteilte Abgabetermine, also eine Selbstbindung, gesetzt hatten, schnitten ebenso gut ab wie jene, bei denen dieses Terminmuster von außen aufgezwungen war. Selbstbindung erhöht also, objektiv messbar, die Leistungsfähigkeit.
Rolf Degen




