Dieser Text ist in einem zwölf Quadratmeter großen Büro entstanden. Weiße Wände, nüchterne Ausstattung: Bücherregal, Aktenschrank, Tisch, Stuhl, Espressomaschine. Einziger Hingucker ist das große Panoramaposter mit Palmenstrand. Das Fenster gibt den Blick aufs Nachbargebäude mit weiteren Büros frei. Glaubt man Architekturpsychologen, ließe sich hier einiges verbessern – etwa mit ergonomischen Möbeln oder warmen Farben. Doch immerhin erfüllt das Büro einige wichtige Kriterien: Das Fenster lässt sich öffnen, die Tür schließen, wodurch das „Territorium” gesichert ist. Der große Schreibtisch erlaubt kreativitätsfördernde Unordnung. Im Einzelbüro stößt sich niemand am kitschigen Strandposter. Und bei Redebedarf ist der Weg in die Küche zu den Kollegen nicht weit.
Rund 17 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland in einem Büro – das ist fast die Hälfte aller Erwerbstätigen. Auf ihre Motivation und Produktivität sind die Unternehmen angewiesen. Das Arbeitsumfeld spielt dabei eine wichtige Rolle, denn es kann Leistung steigern oder mindern. Im Idealfall schafft ein Büro Wohlbefinden, fördert die Kommunikation und regt die Kreativität an. „Die Architektur hat ein hohes Motivationspotenzial”, weiß Rotraut Walden, Architekturpsychologin an der Universität Landau-Koblenz. „Sie kann die Gesundheit am Arbeitsplatz positiv beeinflussen.”
Die amerikanischen BOSTI-Studien – die Klassiker der Architekturpsychologie – haben bereits 1985 und 2001 gezeigt, dass eine ideale Arbeitsumgebung die Produktivität um bis zu 17 Prozent steigern kann. Dafür wurden in den USA insgesamt 23 000 Büroangestellte in 140 Unternehmen befragt. Der kanadische Umweltpsychologe Robert Gifford ist überzeugt, dass – abhängig von der Ausgangslage – sogar eine Steigerung um bis zu 50 Prozent möglich ist.
Preisgekrönt, aber unbehaglich
Rotraut Walden nimmt seit 1991 Bürogebäude unter die Lupe, darunter renommierte Objekte wie den Post-Tower in Bonn sowie die Gebäude der Commerzbank in Frankfurt am Main, des Deutschen Herold in Bonn und der Amsterdamer ING-Bank. Sie befragte rund 150 Angestellte nach Zufriedenheit, Leistung, Möglichkeiten der Bürogestaltung, Betriebsklima und Arbeitsorganisation. Zusätzlich schätzten speziell trainierte Studenten die Umgebung ein und bewerteten sie nach objektiven Kriterien. „Denn die Angestellten sind oft mit Rücksicht aufs Unternehmen oder gar aus Angst vor Sanktionen nicht ganz ehrlich”, weiß Walden. Die Untersuchungen zeigten: Gebäude, die Architekturpreise einheimsen, punkten nicht unbedingt auch beim Wohlbefinden der Menschen, die darin arbeiten. Und die neueste Raumtechnik erzeugt nicht immer Hochgefühle bei den Nutzern.
Der Post-Tower etwa machte die Architekten und die Geschäftsleitung stolz auf die innovative Gestaltung, die auch im Inneren von Glas dominiert ist. Als Walden jedoch 245 Gebäudemerkmale wie Licht, Farben, Lärm, Möblierung und Technik analysierte und die Mitarbeiter befragte, fand sie heraus, dass sich die meisten Angestellten hinter den Glaswänden ständig von Kollegen und Vorgesetzten kontrolliert fühlen. „Wo nicht zumindest vorübergehend Abgrenzung und Rückzug möglich sind, leidet die Psyche. Das führt zu Stress und mindert auf Dauer die Arbeitsleistung”, lautet Waldens Fazit. Lärm und Ablenkung sorgen für weniger Effizienz, die Fehlerrate steigt ebenso wie der Zeitaufwand, um Aufgaben zu erledigen. Das gilt für vollständig verglaste Räume ebenso wie für Großraumbüros.
Papier Als Sonnenschutz
Feldstudien des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) in rund 45 Gebäuden haben gezeigt, dass architekturpsychologische Erkenntnisse in der Planungsphase oft zu wenig berücksichtigt werden. „Glaswände bis zum Boden, Tageslicht nur über ein Atrium oder fehlender Sonnenschutz können das Wohlbefinden so sehr mindern, dass Mitarbeiter aus Not selbst Abhilfe schaffen – indem sie zum Beispiel Fenster mit Papier bekleben. Auch zu viel und schlecht funktionierende Technik am Arbeitsplatz wird als störend empfunden”, berichtet Karin Schakib-Ekbatan, Sozialwissenschaftlerin am KIT-Fachbereich Bauphysik. Dazu gehören eine schlecht eingestellte Kunstlichtsteuerung, eine unangenehme Lüftung und automatisch gesteuerte Jalousien, die in unpassenden Momenten herauf- und herunterfahren. „Wünschenswert wäre eine stärkere Zusammenarbeit von Planern, Designern und Psychologen”, sagt Schakib-Ekbatan.
Aber es gibt auch gute Beispiele: Legendär sind die Büros von Google. In der Züricher Zentrale können die Angestellten in hängemattenartigen Schaukelsitzen im Netz surfen, haben Massage- und Fitnessräume zur Verfügung, ein blaues Zimmer mit Aquarien und Entspannungssesseln, Billardtische und eine lange Rutsche – fast wie auf einem Spielplatz.
Grün ist wichTig
Vorbildlich ist auch das Gebäude der ING-Bank in Amsterdam. Es bietet neben guter Architektur, optimaler Belüftung und Lichttechnik auch Gärten für Meetings. Grün ist wichtig, denn bereits der Blick durch ein Fenster in die Natur oder auf Pflanzen im Büro trägt zum Stressabbau bei. Als die norwegische Umweltpsychologin Tina Bringslimark rund 400 Büroangestellte befragte, fand sie heraus, dass Pflanzen im Arbeitsumfeld zu weniger Krankmeldungen führen. Eine Untersuchung an der Landwirtschaftlichen Universität Oslo zeigte zudem, dass Büroarbeiter zu 23 Prozent weniger über Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Konzentrationsprobleme klagen, wenn in ihrem Büro Pflanzen stehen. Parallel steigt die Leistung, wie eine Studie der Washington State University in Pullman nachwies: In einem fensterlosen Büro hatten Versuchspersonen bei einem Computertest um 12 Prozent schnellere Reaktionszeiten, wenn Grünpflanzen im Raum standen.
Das Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation forscht im Projekt „Office 21″ mit Partnern aus der Wirtschaft am Büro der Zukunft. Das Projekt ist Teil des Kompetenzzentrums „Workspace Innovation”. Dafür ziehen die Forscher arbeitswissenschaftliche, psychologische, medizinische und soziologische Experten heran. „Ein Ziel ist es, die vorhandene Bürofläche möglichst effizient zu nutzen. Dabei behalten wir das Wohlbefinden und die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter im Blick”, sagt der Leiter des Zentrums Stefan Rief. Das kann dazu führen, dass die ursprünglich gewünschte Zahl der Mitarbeiter pro Quadratmeter verringert wird – zugunsten einer höheren Leistungsfähigkeit.
„In anderen Fällen haben wir für eine bessere Wegeführung gesorgt. Außerdem achten wir auf kommunikative Ankerpunkte. Das können Technikinseln zum Drucken, Kopieren und Scannen sein oder Lounges zur Besprechung und Entwicklung von Ideen. Damit wird der Informationsfluss zwischen den Mitarbeitern beschleunigt und die Dauer der Besprechungen verringert”, sagt Stefan Rief.
Solche Verbesserungen haben nichts mit Altruismus zu tun. Sie können vielmehr im Kampf um die besten Köpfe ein entscheidender Vorteil sein. Gerade qualifizierte Kandidaten stellen heute hohe Anforderungen an ihr Arbeitsumfeld. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung und der Deutschen Gesellschaft für Personalführung wünschen sich 69 Prozent der Hochschulabsolventen, Berufsanfänger und Jobwechsler eine Umgebung, die dazu beiträgt, dass sie ihre Arbeit gut erledigen können.
Während in den USA Architekturpsychologen selbstverständlich um Rat gefragt werden, geschieht das hierzulande selten. „Es gibt noch erheblichen Verbesserungsbedarf. Aber es bewegt sich etwas, weil das Interesse der Unternehmen an den ,weichen Faktoren‘ des Erfolgs merklich wächst”, freut sich Stefan Rief – an seinem lichtdurchfluteten Arbeitsplatz. ■
Seit dieser Recherche betritt die Oldenburger Wissenschaftsjournalistin EVA TENZER fremde Büros mit sehr kritischem Blick.
von Eva Tenzer
Was ein Wohlfühlbüro bietet
• Die Möglichkeit, die eigene Umgebung zu kontrollieren, vor allem Geräuschpegel, Beleuchtung, Temperatur und Lüftung.
• Ein eigenes, klar zugeordnetes „Territorium”, das man persönlich und individuell gestalten kann.
• Die Möglichkeit, Privatheit und soziale Kontakte zu steuern, zum Beispiel mit Türen, blickdichten Wänden oder Jalousien.
• Flexible Kombibüros, die je nach Aufgabe, Konzentrations- oder Kommunikationsbedürfnis sowohl Vorteile des Großraumbüros als auch des Einzelbüros bieten.
• Ergonomische Möbel, eine attraktive, pflegeleichte Ausstattung, hochwertige Technik, warme Farben und Materialien.
• Raum für kreativitätsfördernde Unordnung, etwa große Arbeitsflächen.
• Zimmerpflanzen oder den Blick auf Grünzonen im oder vor dem Gebäude.
Ein Raum im Raum
Wie wollen Sie mit Ihren Möbeln das Wohlbefinden bei der Arbeit fördern?
Die Möbel sollen vor allem Kommunikation und Konzentration unterstützen. Die „Joyn Bench” etwa ist ein flexibles Tischsystem. Es fördert Vernetzung und Interaktion und erlaubt unterschiedliche Arbeitsformen allein und im Team. Da es keine festen Abgrenzungen gibt, können die Arbeitsbereiche je nach Bedarf erweitert oder verkleinert werden. Zum Schallschutz trägt die „Silent Wall” bei.
Was kommt bei den Kunden besonders gut an?
Das „Alcove Highback Sofa” (Bild unten). In Großraumbüros nimmt die Kommunikation oft überhand, und Mitarbeiter sind gezwungen, für ein Telefonat auf den Flur oder in ein Besprechungszimmer zu gehen. Das Sofa ist ein guter Rückzugsort und auch für ein Meeting zu zweit geeignet. Es steht nah an den Arbeitsplätzen und ist doch akustisch und visuell abgegrenzt. Von außen ist wegen der hohen Seiten- und Rückenpaneele fast nichts zu sehen und zu hören. Stellt man zwei Sofas gegenüber, entsteht ein Raum im Raum, eine Art Besprechungszimmer.
Sie arbeiten mit namhaften Designern zusammen. Beziehen Sie auch Erkenntnisse aus der Architektur-psychologie mit ein?
Ja, wir beteiligen uns an Forschungsprojekten. Deren Ergebnisse spielen eine wichtige Rolle bei der Umsetzung von Ideen für unsere Kunden. Bei der Entwicklung neuer Produkte ist die Zusammenarbeit mit den Designern wichtiger. Im Mittelpunkt stehen aber auch da die Bedürfnisse der Nutzer.
LESEN
Fundiert, mit vielen Fotos: Antje Flade Architektur psychologisch betrachtet Huber, Bern 2008, € 29,95
Detailliertes Lehrbuch: Peter G. Richter Architekturpsychologie Eine Einführung Pabst Science Publishers Lengerich 2008, € 35,–
Aufsatz in einem Fachbuch: Rotraut Walden The Post Tower Evaluation In: Shauna Mallory-Hill, Wolfgang F.E. Preiser, Chris Watson (Hrsg.): Enhancing Building Performance, 2012, S. 286–2 98
Kompakt
· Eine gute Umgebung kann die Arbeitsleistung wesentlich steigern.
· Hinter Glaswänden fühlen sich viele Angestellten kontrolliert.
· Zu viel und schlecht steuerbare Technik am Arbeitsplatz mindert das Wohlbefinden.





