Fünf aufregende Wochen lang stand die wissenschaftliche Welt im Frühjahr 1989 Kopf – ausgelöst durch Martin Fleischmann und Stanley Pons, zwei Elektrochemiker der Universität Utah: Auf einer Pressekonferenz am 23. März hatten die beiden mitgeteilt, dass sie das Verschmelzen von Atomkernen in einem simplen Becherglas bei Zimmertemperatur beobachtet hätten. Dieser „ sensationellen Entdeckung” folgte weltweit ein Medienrummel, wie ihn die Wissenschaft noch nicht erlebt hatte. Die Entdeckung versprach die Lösung aller Energieprobleme, und das auch noch mit einfachsten Mitteln. Fleischmann und Pons hatten „schweres Wasser” , das Deuterium statt Wasserstoff enthält, in einem Becherglas elektrolytisch zersetzt. Deuteriumkerne wanderten zur Kathode, einem Stab aus dem seltenen Metall Palladium. An dessen gitterartiger Struktur, so die Forscher, würden sich die Deuterium-Kerne so dicht packen, dass sie verschmelzen könnten. Weltweit gingen kurzzeitig bis zu tausend Forschergruppen dieser einfachen Idee nach. Die Aufregung fand ihren Höhepunkt, als die American Chemical Society am 14. April in Dallas tagte: Statt der erwarteten 1000 Chemiker erschienen 7000 Teilnehmer, um Fleischmann zu hören. Zwei Wochen später, beim Treffen der American Physical Society in Baltimore, kam der tiefe Fall: Physiker vom California Institute for Technology hatten äußerst penibel die Versuche von Pons und Fleischmann nachvollzogen – mit negativem Ergebnis. Stattdessen fanden sie Fehler: schlampiges Arbeiten, ungenaue Angaben, Verwendung von schlechtem Material, voreilige Schlussfolgerungen – alles wissenschaftliche Todsünden. War es das schon? Nicht ganz. Immer noch arbeiten ein paar hundert Forscher „im Untergrund” an den so genannten Chemisch Unterstützten Kernreaktionen, wie das Forschungsfeld heute heißt. Seit 1989 haben sie etwa tausend Papiere zu dem Thema veröffentlicht, nur wenige davon allerdings in renommierten Fachblättern. Im März dieses Jahres schaffte es allerdings eines dieser Experimente, im anerkannten Fachblatt Science veröffentlicht zu werden. Forscher vom amerikanischen Oak Ridge National Laboratory (ORNL) hatten eine Deuteriumhaltige Acetonlösung mit Schallwellen bestrahlt. Dabei bildeten sich Acetonbläschen und kollabierten wieder. Die Forscher entdeckten beim Zusammenbrechen Hinweise auf Kernfusionen: Neutronen und Tritium waren entstanden. Journalisten ordneten diese Blasenfusion flugs unter „Kalte Fusion” ein – sehr zum Missfallen von Rusi Taleyarkhan, dem Leiter der Forschergruppe: „Es handelt sich um heiße Fusion”, sagt er. „Die implodierenden Blasen erzeugen eine enorme Dichte und starke Aufheizung.” Druck und Temperatur erreichten mit 100 Millionen Hektopascal und einigen dutzend Millionen Grad Celsius Werte wie bei herkömmlichen Fusionsexperimenten. Noch etwas unterscheidet die Blasenfusion von den Fleischmann-Ponsschen Experimenten. Die beiden Forscher hatten „Wissenschaft per Pressekonferenz” betrieben, das ORNL-Team hingegen hielt sich strikt an die hohen Ansprüche wissenschaftlicher Kommunikation: „Unser Papier wurde vor der Veröffentlichung ein Jahr lang nach den strengen Regeln begutachtet, die bei anerkannten Fachzeitschriften üblich sind”, erklärt Taleyarkhan. Eines aber haben Kalte Fusion und Blasenfusion gemein. Die Experimente sind einfach – Fusion auf dem Labortisch. Richard Lahey, der Theoretiker der ORNL-Gruppe, ist denn auch optimistisch: „Wenn wir die Neutronenausbeute steigern können”, sagt er, „könnte die Blasenfusion die weltweite Energieerzeugung revolutionieren.”
Heinz Horeis




