Werden Mädchen im Unterricht von Jungen unterdrückt? Neuere Untersuchungen kommen zu überraschenden Resultaten. · Text:
Dass Quarks nicht nur erfrischende Nachspeisen, sondern auch Grundbausteine der Materie sind, weiß längst nicht jeder. Und böse Zungen behaupten: Schon gar nicht jedes Mädchen. Denn Mädchen haben kein Interesse an Physik.
So jedenfalls mag denken, wer einen Blick in die Klassenzimmer einer x-beliebigen Schule wirft. Stehen Physik oder Chemie auf dem Stundenplan, sind Jungen Feuer und Flamme – hantieren begeistert mit Braunscher Röhre, Bunsenbrenner und Bandgenerator. Mädchen stehen daneben, um Protokoll zu führen. Sehr ordentlich und mit wachem Auge, aber mehr oder weniger abgemeldet.
Ein Bild, das sich in der gesamten Schulzeit wenig ändert und darin mündet, dass Jungen im Leistungskurs Physik dann meistens unter sich sind.
So kann es nicht weitergehen. Heute melden selbst jene, die noch vor vierzig Jahren dafür gestritten haben, dass Jungen und Mädchen gemeinsam die Schulbank drücken, Bedenken an.
Koedukation hieß das Zauberwort in aufgeschlossenen Pädagogenkreisen der sechziger Jahre. Die getrennte Schulbildung der Geschlechter sollte endlich und ein für alle Mal in der patriarchalischen Mottenkiste verschwinden. „Gleiches Wissen für alle” lautete die Devise, die Mädchen dieselben Chancen in der Ausbildung versprach wie Jungen. Die Jahrhunderte währende Praxis von getrennten Schulhäusern, in denen Mädchen vor allem weibliche Fertigkeiten wie Strümpfe stopfen oder Suppe kochen beigebracht bekamen, während Knaben Geometrie und Algebra lernten oder sich im Turnen körperlich ertüchtigten, galt als völlig überholt. Was in der DDR von Anfang an üblich war, wurde 1965 auch in der Bundesrepublik nach langem Zaudern endlich für gut befunden: Die koedukative Schule wurde Regelschule.
Doch die allgemeine Freude über die abgeschnittenen Zöpfe währte nur kurz. Schon Anfang der siebziger Jahre kamen erste wissenschaftliche Zweifel auf: Studien zeigten plötzlich, dass Mädchen durch den gemeinsamen Unterricht mit Buben nicht nur Vorteile hatten. Vor allem in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern wie Physik und Chemie gerieten sie mehr und mehr ins Hintertreffen.
Das belegt auch das Beispiel des privaten katholischen Ursulinengymnasiums im westfälischen Werl. Lange Zeit als Schule für höhere Töchter geführt, öffneten sich die Schultore 1986 erstmals auch für Knaben. Seitdem scheinen Leistungskurse in den Naturwissenschaften bei den Mädchen nicht mehr so beliebt zu sein: Entschieden sich in dem Jahrzehnt vor dem Einzug der Jungen in die Schule noch durchschnittlich 22 Prozent für beide Leistungskurse aus dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich, waren es von den koedukativ unterrichteten Abiturientinnen nur noch 13 Prozent.
Eine ganze Reihe von Untersuchungen hat diesen Befund bestätigt und liefert auch Erklärungsansätze. „In gemischten Klassen sind Mädchen sehr oft davon überzeugt, dass sie für Physik einfach nicht geeignet sind”, sagt Lutz-Helmut Schön, Professor für Didaktik der Physik an der Berliner Humboldt-Universität. Mit seinen Forscherkollegen ging Schön erst kürzlich wieder einmal in den Klassenzimmern von sieben Berliner Gesamtschulen auf Spurensuche: Sind Mädchen im Umgang mit Bunsenbrenner und Bandgenerator selbstbewusster, wenn sie unter sich sind?
„Mädchen sind selbstsicherer, wenn Jungen vor der Tür bleiben” , so Schön, „aber eben auch nur so lange.” Zwar zeichneten sich Schülerinnen, die in der achten Klasse nur mit ihresgleichen Physik paukten, durch einen größeren Glauben an ihre Fähigkeiten aus. Während sich von ihren gemeinsam mit Jungen unterrichteten Mitschülerinnen nur knapp dreißig Prozent nach der achten Klasse für einen leistungsbezogenen Physikkurs im neunten Schuljahr entschieden, trauten sich dies aus den reinen Mädchenklassen immerhin rund siebzig Prozent zu. Als sehr stabil erwies sich dieser Effekt allerdings nicht: Wieder koedukativ unterrichtet, flüchtete das Gros der Mädchen schon nach einem halben Jahr in den weniger anspruchsvollen Grundkurs.
Eine Erklärung haben die Berliner Wissenschaftler für diesen Rückzug und den schnellen Schwund an gerade erst gewonnenem Selbstbewusstsein auch parat: „In gemischten Gruppen empfinden sich Schülerinnen bewusst als Mädchen”, sagt Ursula Kessels, die die Berliner Studie als Psychologin begleitete. Dieses Gefühl scheint immer dann in den Vordergrund zu treten, wenn das andere Geschlecht ebenfalls im Raum ist. Dann übernehmen Mädchen ihre weibliche Rolle zwangsläufig und ganz selbstverständlich. Und in dieses Selbstbild von Weiblichkeit gehört es eben auch, dass Mädchen glauben, sie seien quasi von Natur aus ungeeignet für Physik, selbst wenn sie objektiv die gleichen Leistungen bringen wie ihre männlichen Klassenkameraden.
Neue Beweise für diese inzwischen nicht mehr ganz junge These lieferte ein kleines Zusatzexperiment. Während des Unterrichts rief Psychologin Kessels einzelne Schüler und Schülerinnen hinaus, um zu testen, wie präsent ihnen in dieser Situation ihre eigene Geschlechtsidentität ist. Am Computer sollten die Jugendlichen beurteilen, ob typisch weibliche Eigenschaften (sanft oder gefühlsbetont) oder klassisch männliche Adjektive (unerschrocken oder kraftvoll) auf sie zutreffen.
Das Ergebnis: Mädchen, die gerade aus einer gemischten Lerngruppe kamen, verfielen vollständig in ihr Rollenklischee. Gefühlsbetont und sanft waren für sie der Inbegriff des Weiblichen. Ihre Mitschülerinnen, die unter Ausschluss von Jungen büffelten, warfen ihr Klischeedenken dagegen weitgehend über Bord und werteten die „typisch weiblichen” Adjektive sehr viel neutraler.
Unter dem Titel „Was Sandkastenrocker von Heulsusen lernen können” kam 1998 eine Studie des nordrhein-westfälischen Schulministeriums zu dem Schluss, dass gemischte Klassen traditionelles weibliches und männliches Rollenverhalten eher verstärken würden als es aufzubrechen. Diskriminierung, wenn auch oft unbewusst, ist Schulalltag: Jungen werden häufiger aufgerufen als Mädchen, Mädchen öfter unterbrochen, aufgeweckte Jungen gelten als Genies, ebenso begabte Mädchen nur als fleißig und ordentlich. Außerdem sind es in der Regel Jungen, die mit Radau und rüpelhafter Dominanz die ganze Aufmerksamkeit der Lehrer binden – Mädchen gehen mit ihren Interessen still und leise unter.
Kritiker der Koedukation fordern längst, dass es höchste Zeit sei, die Mädchen vor den Jungen zu schützen. Sollten Jungen nun tatsächlich alleinige Nutznießer einer Situation sein, vor der sie in den Jahrhunderten davor immer bewahrt werden sollten? Diese Vermutung wurde in den letzten Jahren immer häufiger geäußert – nach dem Motto: Wenn Mädchen Nachteile haben, heißt das zwangsläufig, dass Jungen Vorteile haben. Ein Trugschluss, wie sich herausstellte. „Jungen haben zwar Vorteile in Bezug auf mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer, was sich in Interessen, Selbstvertrauen, Kurswahl und den Leistungen zeigt”, sagt Dr. Friederike Holz-Ebeling. „Das hat aber absolut nichts mit der Koedukation zu tun.” Die Marburger Psychologin hatte zusammen mit Kolleginnen Jungen aus reinen Jungenschulen mit Jungen aus gemischten Schulen verglichen. Fazit: Jungen aus gemischten Schulen unterscheiden sich kaum von Jungen aus Jungenschulen, sie profitieren also nicht vom gemeinsamen Unterricht.
Einige Aufmerksamkeit erregte im vergangenen Jahr eine andere Studie der Marburger Philipps-Universität. Die Psychologen Professor Detlef H. Rost und Christiane Pruisken kamen darin zu dem Schluss, dass Monoedukation auf Mädchen überhaupt keine Auswirkungen hat, weder positive noch negative. Mit ihrer Untersuchung stellen sie fast alle vorherigen Arbeiten in Frage. Ihre Kritik: Frühere Analysen hätten reine Mädchenschulen mit koedukativen Schulen verglichen und dabei nicht beachtet, dass die beiden Schulformen so einfach nicht zu vergleichen sind. Reine Mädchenschulen haben in der Regel private Träger, wodurch sie sich deutlich von öffentlichen Lehrinstituten unterscheiden. Zum Beispiel schicken insbesondere Eltern mit höherer Bildung ihre Kinder in private Einrichtungen; vielfach herrschen dort auch bessere Unterrichtsbedingungen, etwa kleinere Klassen. Und davon profitieren die Mädchen – aber auch die Jungen.
Rost und Pruisken wählten für ihre Stichprobe knapp 650 Schüler aus drei vergleichbaren katholischen Schulen aus, eine reine Mädchenschule und zwei weitere mit mono- und koedukativen Klassen. Ergebnis: Mädchen trauen sich Pythagoras, Newton und Co. weniger zu als Jungen – ganz egal, ob sie unter sich sind oder nicht. Anders als die Forscher der Berliner Humboldt-Universität fanden Rost und Pruisken auch keine Hinweise darauf, dass Mädchen ein anderes Rollenverhalten an den Tag legen, wenn kein Junge im Raum ist. Ebenfalls gänzlich unbeeinflusst von der Unterrichtsform sind die Freizeitinteressen der beiden Geschlechter. Mädchen versorgen lieber den Wellensittich oder lesen Bücher, während Jungen lieber Fußball spielen oder an Modellbausätzen basteln – egal mit wem sie zur Schule gehen.
Mädchen und Jungen sind also verschieden. Zumindest in diesem Punkt sind sich alle einig. Über die Ursachen wird aber schon wieder gestritten. Für manche Forscher ist es das Gehirn, das von Anfang an je nach Geschlecht in Nuancen anders funktioniert. Als gesichert gilt immerhin, dass weibliche Gehirne ein paar Gramm weniger Gewicht auf die Waage bringen, dafür aber in einzelnen Regionen dichter gepackt sind, also mehr Nervenzellen unterbringen als Männerhirne. Linke und rechte Gehirnhälfte sind bei Frauen zudem stärker verknüpft. Vor allem diese anatomische Besonderheit lässt Forscher vermuten, dass Frauen beim analytischen Denken (links) immer auch Gefühle (rechts) mitschwingen lassen. Ob Frauen deshalb bei Sätzen von Pythagoras ehrfurchtsvoll erstarren oder beim Berechnen einer komplizierten physikalischen Formel besondere Freude empfinden, ist unklar.
Unklar ist auch, ob die anatomischen Unterschiede angeboren oder erworben sind – so, wie Hanteln stemmen den Bizeps bildet, knüpfen Erfahrungen langfristig neue Nervenverbindungen. Andere Wissenschaftler schieben deshalb alles auf die Erziehung. Eltern, Medien und auch Lehrer leben die gesellschaftlichen Rollen vor. Als Kind schon auf Mann geeicht, müssen Söhne andere Erwartungen erfüllen als Töchter. Dazu gehört eben auch, dass sich Jungen für Dampfmaschinen begeistern müssen und Mädchen allenfalls fürs Dampfbügeleisen.
Es sind diese Geschlechterunterschiede, die Mädchen in der Schule benachteiligen. Das traditionelle Rollenspiel, dass Jungen und Mädchen in der Familie und im Werbefernsehen gelernt haben, geht im Klassenzimmer weiter. „Schulen können nicht lehren, was die Gesellschaft nicht weiß”, formulierte die englische Bildungsforscherin Dale Spender 1985 in ihrem Buch „Frauen kommen nicht vor”. Daher ist es unumgänglich: Eltern, Medien und Lehrer müssten zunächst andere Rollen vorleben, damit es Jungen nicht mehr peinlich ist, im Häkeln eine Eins zu kriegen und Mädchen selbstbewusst zum Erlenmeyerkolben greifen.
Koedukation, das Zauberwort von einst, hat viel von seinem Zauber verloren. Trotzdem will kaum ein Bildungsexperte zurück zu getrennten Klassenzimmern. Denn Erfolge lassen sich ja durchaus auf das Konto der Koedukation verbuchen: Mittlerweile machen zum Beispiel mehr Frauen als Männer Abitur, oft mit besseren Noten. Das Klassenziel aber ist längst noch nicht erreicht. Wer sich Gleichberechtigung am Arbeitsmarkt erhofft hat, muss enttäuscht sein. Ingenieure, Computerspezialisten, Naturwissenschaftler – zukunftsträchtige Jobs sind nach wie vor fest in Männerhand. Das zu ändern braucht es mehr als gleiche Chancen im Klassenzimmer.
In der Schule aber liegen die Anfänge: Beispielsweise bedarf immer noch die Mehrheit der Schulbücher einer dringenden Generalüberholung. Sie sind wenig anschaulich, voll von tradierten – reichlich veralteten – Rollenklischees. Da schlagen Mädchen viele der Bücher nur widerwillig auf. „Wie Schulbuchanalysen zeigen, sind Frauen hier immer noch unterrepräsentiert, in besonderem Maße Frauen, die berufstätig sind oder gar einem frauenuntypischen Beruf nachgehen, etwa als Ingenieurin”, sagt Friederike Holz-Ebeling.
Vor allem aber müssten die Lehrer stärker auf die unterschiedlichen Erfahrungen, Interessen, Einstellungen und Verhaltensweisen von Mädchen und Jungen eingehen und den Unterricht zudem anschaulicher gestalten. „Mädchen interessieren sich durchaus für Physik, wenn die Verpackung stimmt”, so die Psychologin Holz-Ebeling. Und Beispiele hat sie genug: Elektrizität hat nicht nur etwas mit Schaltkreisen und Glühbirnen zu tun, sondern ist auch die Antwort auf die Frage, warum es blitzt und donnert. Statt einer hydraulischen Hebebühne könnte es auch der Blutkreislauf des Menschen sein, der das wenig sinnliche Thema „hydrostatischer Druck” erklärt. Und selbst gebaute Musikinstrumente wecken bei Mädchen eher das Interesse für die Gesetze der Akustik als dröhnende Motoren.
„Was für die Mädchen gut ist, ist auch für Jungen gut – aber nicht umgekehrt.” Bereits vor Jahrzehnten prägte der Physikdidaktiker Martin Wagenschein dieses Motto. Es wartet immer noch auf kreative Interpreten.
Kathryn Kortmann und Thomas Müller





