Zwei aktuelle Studien legen nahe, dass da tatsächlich etwas dran sein könnte. In der ersten, die kürzlich im Fachmagazin Science veröffentlicht wurde, kommen Haochuan Cui von der University of Pittsburgh und seine Kollegen nach Analyse der Publikationsdaten von mehr als zwölf Millionen Forschenden zu einem einfachen Ergebnis: Mit zunehmendem Alter sinkt die Wahrscheinlichkeit, wirklich disruptive Arbeiten zu veröffentlichen – Forschung also, die etablierte Paradigmen erschüttert, statt sie nur weiter auszubauen. Die zweite Studie, die von Mahdee Mushfique Kamal und Raiyan Abdul Baten auf dem Preprint-Server arXiv veröffentlicht wurde und rund 28 Millionen Publikationen aus fünf Jahrzehnten analysierte, stützt dieses Ergebnis: Teams mit vielen Forschungsfrischlingen produzieren besonders häufig Arbeiten, die als disruptiv gelten können.
Auch hier könnte man also folgern: Wer frischen Wind will, sollte Leute rekrutieren, die noch nicht allzu sehr vom Wissenschaftsbetrieb domestiziert wurden. Beide Studien beschreiben dabei erstaunlich ähnliche Mechanismen. Ältere Forschende zitieren häufiger ältere Literatur und bewegen sich zunehmend innerhalb jenes intellektuellen Koordinatensystems, das sie über Jahrzehnte selbst mit aufgebaut haben. Jüngere Forschende greifen dagegen häufiger auf weniger etablierte Quellen zurück, verknüpfen entferntere Fachgebiete und erzeugen so ungewöhnliche Querverbindungen.
Disruptiv trotz Erfahrung
Das wirkt zunächst befremdlich. Schließlich galt Erfahrung jahrzehntelang als hohe wissenschaftliche Tugend. Und jetzt soll genau diese Erfahrung dafür sorgen, dass geistige Leitplanken zu eng gezogen werden? So einfach liegt der Fall sicher nicht. Schließlich kennt die Wissenschaftsgeschichte genügend Gegenbeispiele. Robert Furchgott entdeckte jenseits der 60, dass das Gas Stickstoffmonoxid als zentraler Blutdruckregulator wirkt. Oswald Avery war fast 70, als er zeigte, dass DNA und nicht Protein der Träger der Erbinformation ist. Beide Erkenntnisse zählen zu den wirklich disruptiven Momenten der modernen Biomedizin.
Anders Albert Einstein. Als junger Mann revolutionierte er die Physik mit ungezügelter Radikalität. Im Alter hingegen sperrte er sich vehement gegen die Konsequenzen der Quantenmechanik. Aus dem Revolutionär war ein Verteidiger der Ordnung geworden, die er einst selbst erschüttert hatte.
Das Problem liegt vermutlich ohnehin weniger im Alter selbst als im System. Wissenschaft belohnt mit zunehmender Karriere vor allem Stabilität in Form von Reputation, Netzwerken und Fördermitteleingang. Wer jahrzehntelang erfolgreich war, hat selten Anreize, die eigenen Grundannahmen radikal infrage zu stellen. Und wer gelernt hat, wie „gute“ Förderanträge, Hypothesen und Veröffentlichungen aussehen, entwickelt oft ein feines Gespür dafür, was zu riskant sein könnte, um es zu versuchen.





