Das Gespräch führte TIM SCHRÖDER
Herr Dr. Schwarzberg, seit etwa 20 Jahren kommen in der Archäologie naturwissenschaftliche Methoden wie die Untersuchung von Strontium-Isotopen in Backenzähnen und die Analyse von alter DNA (aDNA) zum Einsatz. Wie sehr hat das die Forschung vorangebracht?
Diese Methoden sind revolutionär. Lange Zeit musste sich die Archäologie darauf beschränken, Artefakte – also Funde – zu interpretieren und in einen Zusammenhang zu stellen. Naturwissenschaftliche Daten geben uns jetzt zusätzlich Auskunft über Mobilität und Verwandtschaftsbeziehungen. So ließ sich zum Beispiel aufklären, woher die Vorfahren der Glockenbecherkultur stammten. Früher ging man davon aus, dass diese ihren Ursprung auf der Iberischen Halbinsel hatten, weil von dort die ältesten Glockenbecher stammten. Heute wissen wir, dass die Glockenbecherkultur aus vielen regionalen Elementen bestand, die eng miteinander verbunden waren. Auch etwa Steppenvölker aus dem Osten spielten eine große Rolle. Viele Fragen, bei denen wir früher die Schultern zucken mussten, lassen sich heute beantworten.
In der Regel hat jede Methode ihre Grenzen. Wie ist es in diesem Fall?
Strontium-Isotopie eignet sich nur eingeschränkt, um sagen zu können, woher ein Mensch stammte. Die Strontium-Isotope in den Zähnen liefern ein Abbild der Isotope im Boden. Man kann zum Beispiel messen, ob Menschen eher auf Lössböden aufgewachsen sind oder auf granithaltigem Gestein. Aber das sind riesige Regionen. Wir sehen an den Isotopen zwar, ob Menschen wanderten. Exakt zu lokalisieren, woher sie stammten, ist aber meist schwierig. Als die Methode vor über 20 Jahren in die Archäologie eingeführt wurde, herrschte zunächst eine unkritische Euphorie. Im Lauf der Zeit hat sich gezeigt, wo ihre Schwächen liegen. Ähnlich lief das übrigens auch vor Jahrzehnten bei der Radiokarbonmethode. Dann schärfte man interdisziplinär nach, kalibrierte die Methode neu, und heute ist sie als Werkzeug in der täglichen Arbeit etabliert. Wir nutzen sie, um das Alter von Fundstücken über das radioaktive Kohlenstoff-Isotop C-14 zu bestimmen.
Was heißt das für die Zukunft?
Dass man nie weiß, was neue Technologien künftig noch ermöglichen werden. Das macht auch den Wert von Archiven wie unserer Archäologischen Staatssammlung aus. Wir haben hier über 20 Millionen Funde aus mehr als 150.000 Jahren Menschheitsgeschichte sicher für die Zukunft aufbewahrt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es zukünftig neue Technologien geben wird, mit denen wir unseren alten Objekten ganz neue und aufregende Informationen entlocken können – so wie das mit aDNA und Strontium-Isotopen aus Knochen und Zähnen gelungen ist. Das zeigt auch, wie wichtig es ist, gut auf die Funde aufzupassen. Sie sind eine nicht nachwachsende Ressource.



