Vor knapp 20 Jahren trat der European Research Council als großer Forschungsförderer mit einem ebenso klaren
wie verheißungsvollen Versprechen an: Gefördert werden sollte ausschließlich wissenschaftliche Exzellenz – Scientific Excellence only. Keine industriepolitischen Ziele, keine regionalen Erwägungen, keine thematischen Quoten. Allein die wissenschaftliche Qualität sollte entscheiden. Das klang nach einer Befreiung von allen Nebengeräuschen. Endlich würden sich nur noch die besten Ideen durchsetzen. Aber schon an diesem Punkt beginnt das eigentliche Problem. Denn „Exzellenz“ klingt zwar eindeutig, ist es aber keineswegs.
Die Qual der Wahl
Machen wir dazu ein kleines Gedankenexperiment. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Gutachtergremium einer großen Förderorganisation. Vor Ihnen liegen fünf Anträge für ein biomedizinisches Forschungsprogramm. Alle sind hervorragend geschrieben, alle stammen von kompetenten Forschenden. Doch Sie dürfen nur zwei zur Förderung auswählen.
Der erste Antrag entwickelt eine brillante neue Hypothese für ein Phänomen, dessen bisherige Erklärung gerade spektakulär zusammengebrochen ist. Der zweite nimmt sich eine alte, seit Jahrzehnten diskutierte Hypothese vor, die jedoch mangels geeigneter Methoden bislang nicht sauber überprüfbar war. Jetzt legt der Antrag eine sehr überzeugende experimentelle Strategie dazu vor. Der dritte will eine völlig neue Methode entwickeln, die – falls sie funktioniert – einem ganzen Forschungsgebiet mehrere neue Felder erschließen könnte. Der vierte kombiniert bestehende Software-Werkzeuge auf intelligente Weise zu einer integrativen Bioinformatik-Plattform, von der Hunderte Arbeitsgruppen in den verschiedensten Disziplinen profitieren könnten. Der fünfte schließlich plant eine sorgfältige Metaanalyse Tausender publizierter Datensätze, um darin bislang unerkannte Muster aufzuspüren, aus denen wiederum neue Modelle und Hypothesen abgeleitet werden können.
Viele Dimensionen wissenschaftlicher Qualität
Nun also sollen Sie entscheiden, welche dieser Anträge die zwei „exzellentesten“ sind. Spätestens jetzt beginnt das Unbehagen. Denn plötzlich merken Sie: Hier konkurrieren gar nicht bessere und schlechtere Versionen ähnlicher Ideen miteinander. Hier konkurrieren völlig unterschiedliche Formen wissenschaftlicher Qualität.
Die eine Forschung lebt von einer kühnen Hypothese. Die andere von methodischer Eleganz. Eine dritte überzeugt durch technische Innovation. Wieder eine andere durch sorgfältige Synthese bereits vorhandenen Wissens. Die fünfte schafft vielleicht gar keine spektakulären Ergebnisse, aber eine Infrastruktur, ohne die zahllose spätere Entdeckungen niemals möglich wären. Was davon hat mehr Exzellenz? Letztlich erinnert die Frage an den Obstkorb: Äpfel, Birnen, Bananen, Orangen – ohne Zweifel können alle ausgezeichnet schmecken. Nur ergibt es wenig Sinn, sie gegeneinander auszuspielen. Wer behauptet, eine gute Orange sei objektiv besser als ein guter Apfel, verrät nichts über die Früchte – und viel über seine Vorlieben.



