
Untersucht wurde dieses Verhalten von einem Forschungsteam um Bryce Murray von der University of Michigan. Die Biologen analysierten Videoaufnahmen von 119 wildlebenden Schimpansen aus dem Ngogo-Gebiet im Kibale-Nationalpark in Uganda. Für diese Menschenaffen gehört Risiko zum Alltag: Sie bewegen sich häufig kletternd und springend durch das Geäst, wobei ein Fehltritt schwerwiegende Folgen haben kann. Gerade diese Lebensweise macht das Risikoverhalten der Schimpansen gut vergleichbar und systematisch erfassbar.
Die Forschenden unterschieden dabei zwischen verschiedenen Altersstufen: Als Säuglinge gelten Schimpansen bis etwa fünf Jahre, als Jungtiere bis rund zehn Jahre und als Jugendliche bis etwa 15 Jahre. Als riskantes Verhalten wertete das Team gezielte Sprünge oder das vollständige Loslassen eines Astes – sogenannte „Free-Flight“-Bewegungen, bei denen die Tiere sich bewusst ohne Halt durch das Geäst bewegen.
Das Ergebnis überraschte: Nicht jugendliche, sondern die jüngsten Tiere gingen die größten Risiken ein. Bei ihnen war die Wahrscheinlichkeit, sich risikoreich zu verhalten, rund dreimal so hoch wie bei erwachsenen Schimpansen. „Das ist bemerkenswert, weil man das beim Menschen nicht beobachten kann“, sagt Lauren Sarringhaus, Leiterin der Studie.
Mit zunehmendem Alter nahm die Risikobereitschaft der Schimpansen kontinuierlich ab. Anders als beim Menschen zeigten sich dabei keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Eine mögliche Erklärung sehen die Forschenden in der begrenzten Kontrolle durch die Mütter: Sobald die Jungtiere nicht mehr in Armreichweite sind, können sie deren Verhalten kaum einschränken.
Bei Menschen sind Babys jedoch unter ständiger Aufsicht von Erwachsenen. Außerdem lässt sich riskantes körperliches Verhalten beim Menschen nur schwer systematisch untersuchen. Es wäre unethisch, Versuchspersonen gezielt Aufgaben zu stellen, bei denen sie sich verletzen könnten. Entsprechend stützen sich Studien zu Risikoverhalten meist auf Beobachtungen oder Befragungsdaten. Der Vergleich legt nahe, dass sich Unterschiede im Risikoverhalten zwischen Menschen und Schimpansen weniger aus der Biologie als aus der sozialen Umgebung ergeben.




