Das Rätsel der Individualität
Judith Rich Harris spielt Detektivin. Sie sucht nach dem geheimnisvollen Faktor, der Menschen sogar dann verschieden sein lässt, wenn sie als eineiige Zwillinge mit denselben Genen in derselben Familie aufgewachsen sind. Die offiziell zum Forschen berufenen Psychologen in aller Welt haben sich um dieses Phänomen verblüffend wenig gekümmert. So macht sich die Buchautorin und Psychologin ohne akademische Würden selbst auf die Suche.
Nach und nach schließt sie mit Hilfe der Fachliteratur die meisten Verdächtigen aus. Beispielsweise lassen sich die Unterschiede zwischen Geschwistern nicht allein darauf zurückführen, dass die Eltern sie verschieden behandeln. Wenn aber alles andere ausscheidet, ist das, was übrig bleibt, die Lösung so ein klassischer Ausspruch von Sherlock Holmes. Was bei den vergnüglich zu lesenden Ermittlungen übrig bleibt, ist das Status- System. Es registriert ständig, wie andere Menschen einen selbst sehen.
Dabei kommt es auf winzige Unterschiede an: Nur einer kann der Stärkste sein. Selbst ein nur wenig Schwächerer sucht sich lieber eine andere Rolle und wird so ein Stück weit zu einem anderen Menschen. Das ist natürlich ein Indizienbeweis. Überführt ist der Täter dadurch noch nicht, wie Harris zugibt. Aber kriminalistisch überzeugend sind ihre Argumente allemal.
Jochen Paulus





