Der Tod kommt schnell am Ende der Hetzjagd. 10, vielleicht 15 Minuten lässt er dem Mann am Tisenjoch Zeit, nachdem ein Pfeil die Schlagader an seiner linken Schulter durchbohrt hat. Ötzi – wie er posthum getauft wird – stirbt im Eis der Südtiroler Bergwelt. 5300 Jahre später macht der Tote Hunderte von Wissenschaftlern zu Kommissaren. Seit der mumifizierte Körper am 19. September 1991 in einer gefrorenen Felsrinne entdeckt wurde, versuchen Archäologen, Botaniker und Mediziner herauszufinden, wer Ötzi war und was in den letzten Stunden seines Lebens geschah. Der Archäologe Markus Egg, Direktor am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz, hat die Fakten der Ermittler jetzt zusammengetragen. Das Fazit: Ötzis letzte Stunden sind das Drehbuch eines Steinzeit-Krimis.
Bereits einige Tage vor Ötzis Tod beginnt sich die Schlinge um ihn zuzuziehen. Der Mann hält sich im Schnalstal auf etwa 2000 Meter Höhe auf. Er ist gut gekleidet und ausgerüstet, tträgt einen Grasumhang, eine Fellkappe – – und Lederleggings. Mit sich führt er Waffen, Werkzeug, einen Zunderschwamm, ein Tragegerüst, zwei Behälter aus Birkenrinde und Proviant. Während er ein Stück Einkorn-Brot und Geräuchertes vom Steinbock isst, geraten Lärchen- und Kiefernpollen in seinen Magen und werden weiter in den Mastdarm geschoben.
Dort wird der Botaniker Klaus Oeggl von der Universität Innsbruck sie fünf Jahrtausende später finden – und Ötzi mithilfe dieser Pollen 33 Stunden vor seinem Tod an der Waldgrenze verorten. So, wie er ausgerüstet ist, macht Ötzi nicht bloß einen Spaziergang. Vielleicht ist er unterwegs in Richtung Süden, um Silex, den begehrten Feuerstein, zu holen. Vielleicht ist er auf der Jagd, vielleicht auf Kriegspfad. Auf jeden Fall wirft ihn irgendetwas aus der Bahn. Wird er überfallen? Bestohlen? Hat er einen Unfall? Die Folgen sind schwerwiegend: Ötzi verliert Pfeil und Bogen. „Es wurden zwar Pfeile und ein Bogen in seiner Ausrüstung gefunden, aber sie sind größtenteils unfertig – ein schnell zurechtgeschnitzter, aber nicht einsatzfähiger Ersatz”, erklärt der Mainzer Archäologe Egg.
Um sich den zu bauen, muss Ötzi weiter ins Schnalstal hinuntersteigen. Dort gibt es Bäume und Büsche wie die Eibe und den Wolligen Schneeball, aus denen er Bogen und Pfeile herstellen kann. Gut 1000 Höhenmeter muss er zurücklegen, ein Marsch von zwei Stunden. Wieder stärkt er sich. Wieder dringen Pollen in seinen Verdauungstrakt ein, diesmal von der Hopfenbuche, die nur im Tal vorkommt. Botaniker Oeggl wird sie im Kolon finden, das vor dem Mastdarm liegt.
Schnitt bis auf den Knochen
Ein erfahrener experimenteller Archäologe braucht etwa sechs Stunden, um einen Steinzeit-Bogen herzustellen. Ötzi macht in weniger als sieben Stunden einen Rohling für einen Bogen, zwölf Pfeilschäfte und vier Pfeilspitzen aus Hirschgeweih. Die Schnittspuren auf dem Bogen passen zu dem Beil, das Ötzi mit sich führt. Mehr Zeit bleibt ihm nicht. Er wird gestört – diesmal eindeutig durch einen Angriff. Es kommt zum Handgemenge. Ein Gegner geht mit einem Dolch oder einem Beil auf ihn los. Schützend reißt Ötzi seine rechte Hand in die Höhe. Die Klinge des Gegners trifft ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. Der Schnitt geht bis auf den Knochen. An den Blutpigmenten werden Mediziner des Bozner Krankenhauses den Zeitpunkt des Kampfes ablesen: 24 Stunden vor Ötzis Tod. Ötzi entkommt. Doch gerettet ist er nicht. Seine Gegner setzen ihm nach. Sie treiben ihn hinauf in die Berge – bis auf das Tisenjoch in 3120 Meter Höhe.
Ötzi ist fit für einen 46-Jährigen. Doch der Alpenhauptkamm ist kein gutes Pflaster für einen Mann mit grasgefütterten Lederschuhen, die weder rutsch- noch wasserfest sind. In der Höhe liegt zu dieser Zeit – es ist Mai, wie die Pollenfunde zeigen – noch Schnee. Nachts gefriert er zu rutschigem Eis, tagsüber verwandelt er sich in eine schwere Sülze. Ötzi schert sich nicht darum. Er rennt um sein Leben. Wer war hinter ihm her? Warum wollte man ihm an den Kragen?
Lange schauten Archäologen verklärt in die Vergangenheit. Die Jungsteinzeit galt als friedliche Epoche. 1983 kam die Ernüchterung. In Talheim bei Heilbronn fanden Archäologen ein 7000 Jahre altes Massengrab. Eine ganze Dorfgemeinschaft vom Baby bis zum Greis war abgeschlachtet und in einer Grube verscharrt worden. Die jungen Frauen hatte man wahrscheinlich verschleppt – ihre Skelette fehlen. Im niederösterreichischen Schletz bei Asparn an der Zaya bot sich den Wissenschaftlern wenige Jahre später ein ähnliches Bild. Friedliche Zeiten sehen anders aus. Aus der Kupferzeit – dem letzten Abschnitt der Jungsteinzeit – wurden noch keine Massengräber gefunden, aber immer wieder Opfer mit tödlichen Verletzungen. Ötzi ist eines davon. „Er könnte ein besonders gefährlicher und gefürchteter Mann gewesen sein”, meint Archäologe Egg. „Er war sehr geschickt und hat seinen Kopf mehrmals aus der Schlinge gezogen. Vielleicht wollten ihn seine Gegner ein für allemal ausschalten und ließen deshalb nicht locker.”
GEMEUCHELT VOM EIGENEN CLAN
Möglicherweise waren sie auch hinter einem Gegenstand her, den Ötzi bei sich trug. Doch weder das damals begehrte Kupferbeil, noch den Bogen oder den Feuersteindolch aus seiner Ausrüstung rührten sie an. Eigenartigerweise blieb Ötzis Leichnam unversehrt. Er wurde weder geplündert noch verstümmelt – was in archaischen Gesellschaften durchaus üblich war. Vielleicht wurden Ötzis Gegner gestört, bevor sie sich über die Leiche hermachen konnten. Vielleicht wurde Ötzi aber auch von Leuten des eigenen Clans ermordet, die sich nicht weiter an ihm vergehen wollten. Diese Theorie vom Tyrannenmord wurde 2004 vom Innsbrucker Urgeschichtler Walter Leitner aufgeworfen. Markus Egg glaubt nicht daran. „Früher wurden Machtkämpfe meist offen ausgetragen”, sagt er. „Außerdem hätten die Mörder ihr Clan-Mitglied bei aller Feindschaft wohl nicht einfach liegen gelassen, sondern begraben oder wenigstens mit ein paar Steinen bedeckt.”
Und das könnte vor 5300 Jahren am Tisenjoch geschehen sein: Ötzi steht in einer Felsmulde, als seine Gegner ihn aufspüren. Er sieht den gespannten Bogen des Feindes. Instinktiv dreht er sich ab, sodass er seitlich zum Schützen steht. Vergeblich. Der Pfeil bohrt sich in seine linke Schulter. Aus der Schlagader schießt das Blut. Doch der Feind geht auf Nummer sicher: Er kommt heran und zieht Ötzi einen stumpfen Gegenstand über den Schädel. Die Wunde wird 2007 von österreichischen und Südtiroler Wissenschaftlern entdeckt. Ötzi fällt auf den Rücken, sein Kopf prallt auf einen Stein. Vielleicht bohrt sich der Pfeil beim Sturz noch tiefer in die Schulter. Vielleicht bricht der Schaft dabei ab. Vielleicht drehen aber auch die Gegner Ötzi um und ziehen ihm den Pfeil aus dem Rücken. Die Pfeilspitze jedenfalls bleibt im Fleisch stecken. Erst 2001, zehn Jahr nach Ötzis Bergung, wird sie bei Röntgenaufnahmen im Bozner Krankenhaus entdeckt. Der Mordfall Ötzi ist eröffnet. Die Ermittlungen dauern an. ■
von Bettina Gartner




