Nachhaltigkeit beim Gütertransport, Nachhaltigkeit beim Bauen und Wohnen, nachhaltige Nutzung von Energierohstoffen. Kongresse und Veranstaltungen unter solchen Titeln sind an der Tagesordnung. “Nachhaltigkeit” oder “nachhaltig”, diese Worte begegnen uns immer häufiger, wenn es der Wirtschaft darum geht, die Umweltverträglichkeit von Produkten oder Dienstleistungsangeboten vor Augen zu führen.
Mit der eigentlichen Bedeutung dieses Begriffs haben diese Themen freilich oft nur am Rande zu tun: Die Autoren der Berichte an den Club of Rome wollten in den siebziger und achtziger Jahren mit der Forderung nach “sustainable development” die großen Kreisläufe der Natur erhalten: So, wie das Ökosystem der Welt vor dem Beginn des industriellen Zeitalters funktionierte, sollte es wieder werden. Bei der Suche nach einer Übersetzung des Wortes “sustainability” setzte sich das deutsche Wort “Nachhaltigkeit” durch. Nachhaltiges Wirtschaften in der Produktion, der Verteilung und beim Verbrauch von Gütern sollte heißen, daß die gesamte Wirtschaft allmählich in ein großes Kreislaufsystem überführt wird, das keine bleibenden globalen Veränderungen zur Folge hat.
Diesem Ziel sind wir aber in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht nähergekommen. Die Veränderung des Weltklimas durch fortschreitende Förderung der kohlenstoffhaltigen Energieträger und die daraus resultierende Kohlendioxidproduktion ist das beste Beispiel. Seit einem Jahrzehnt wird international um minimale Reduktionsschritte verhandelt – ohne jeden Erfolg. Nachhaltigkeit beim Energieverbrauch wird gefordert, aber es fehlt an Durchsetzungskraft: Zu groß sind die Gegensätze zwischen den von Ölexporten abhängigen OPEC-Ländern und den großen Verbraucherstaaten sowie den auf Kohlenutzung angewiesenen Ländern der Dritten Welt.
Von einer Nachhaltigkeit in globalem Rahmen sind wir also weit entfernt. Noch schlimmer: Inzwischen wird der Begriff zunehmend für fragwürdigen Umweltaktionismus angewandt – etwa beim Plastikrecycling. Doch wie unsinnig ist das: Mit der energie- und transportintensiven Rückführung eines einzigen Prozents der jährlich in Deutschland verbrauchten Energierohstoffe kann keine Nachhaltigkeit, keine Kreislaufwirtschaft erreicht werden.
Ebenso grotesk ist auch die Argumentation, daß Nachhaltigkeit durch die Versickerung von Regenwasser aus Dachrinnen oder Hofflächen in den Untergrund erreicht werde. Gerade einmal drei Prozent der Fläche Deutschlands ist überbaut. Wenigstens zwei Drittel dieser Fläche entwässern ohnehin über die Ränder oder Belagfugen in den Boden. Ich frage mich des weiteren, was an kommunalen Verordnungen, künstliche Sümpfe zu schaffen – in die kleine Kinder fallen können und in denen
Mücken brüten – eine nachhaltige Dimension hat. Oder: Wieso Landschaftsplaner behaupten können, daß die Nachhaltigkeit beim Bauen und Wohnen dann erreicht sei, wenn man die Bevölkerung auf möglichst engem Raum zusammenpfercht. Schon eine grobe Zählung des Artenreichtums von Flora und Fauna in den Gärten eines Siedlungsgebiets im Vergleich zu intensiv genutzten landwirtschaftlichen Flächen zeigt, daß die extensive Besiedlung eher ökologische Vorteile hat. Mißtrauen bei allem, was heute unter Nachhaltigkeit firmiert, ist daher angebracht. Bedenklich ist vor allem, daß über diesen Aktionismus im kleinen die wirklichen Sünden wider die Nachhaltigkeit verdrängt werden. Weltweit nimmt der Verbrauch an fossilen Energieträgern weiter zu. Weltweit wird über den immer noch üblichen Nitrateintrag in die landwirtschaftlich genutzten Böden das Grundwasser verseucht. Weltweit produziert die chemische Industrie immer kompliziertere Stoffe, von denen niemand weiß, welche Wirkungen hiervon auf die großen Wasser- und Luftsysteme ausgehen.
Wir beruhigen unser Gewissen mit den augenfälligen kleinen Putzereien, mit denen wir uns zeitintensiv beschäftigen. Dabei verlangt nachhaltiges Wirtschaften, daß das große System eines globalen Wärmeaustauschs auch in 50 Jahren noch so funktioniert, wie im vergangenen Jahrhundert. Doch was ist Fakt? Wir verfeuern lieber preisgünstige Steinkohle als das etwas teurere Erdgas, obwohl wir wissen, daß durch die Verbrennung von Steinkohle – bezogen auf die Nutzenergie – doppelt soviel Kohlendioxid in die Atmosphäre emittiert wird. Die Menschheit kennt die technischen Wege, um das globale Ökosystem nachhaltig zu schützen. Sie ist aber nicht bereit, die zusätzlichen Kosten auf sich zu nehmen, um ein weltweites Energiesystem zu schaffen, welches wirklich nachhaltig verhindert, daß sich das globale Klima verändert.
Klaus P. Möller




