bild der wissenschaft: Theoretisch könnte man mit Tachyonen in die Vergangenheit funken und Zeitparadoxien erzeugen. Deshalb meinen viele, dass es Tachyonen gar nicht geben kann.
Schulman: Das Paradoxon zeigt nicht, dass die Tachyonen-Physik widersprüchlich ist. Das müssen jene beweisen, die die Existenz von Tachyonen von vornherein ausschließen. Ich behaupte aber nicht, dass Tachyonen existieren. Für solche Aussagen haben Experimentalphysiker die Beweislast.
bdw: Und wie denken Sie über die Zeitparadoxien?
Schulman: Entweder man glaubt, die Welt sei etwas, das man kontrollieren kann – dann wird man Tachyonen nicht akzeptieren. Oder man hat eine deterministische Einstellung, was ich bevorzuge, und dann scheint es nur so, als könne man widersprüchliche Anfangsbedingungen einrichten, aber es geschieht einfach nie in der Wirklichkeit.
bdw: Dieses Selbstkonsistenz-Prinzip hieße, dass die Natur Paradoxien einfach verhindert. Also verwickelt man sich mit Tachyonen nicht notwendigerweise in Widersprüche.
Schulman: Obwohl wir den starken subjektiven Eindruck haben, dass unsere Handlungen nur von unserer Vergangenheit bestimmt sind, muss dies nicht immer der Fall sein.
bdw: Das bedeutet, Effekte aus der Zukunft könnten durchaus einen Platz in der Physik haben. Was wären die Konsequenzen?
Schulman: Wenn man mit Tachyonen Botschaften austauschen könnte oder wenn es Indizien dafür gäbe, dass zwei gegenläufige Zeitpfeile existieren, dann müsste die konventionelle Kausalität aufgegeben werden. Eine selbstkonsistente Sequenz von Ereignissen geschieht – aber es wäre nicht länger möglich, Ursache von Wirkung zu unterscheiden.
bdw: Sie haben einen Artikel mit dem provozierenden Titel „ Causality is an effect” veröffentlicht. Ursächlichkeit wäre demzufolge eine Wirkung – nicht der „Zement des Universums”, wie es der Philosoph John Leslie Mackie einmal ausgedrückt hat.
Schulman: Ich habe gezeigt, dass konventionelle, also makro-skopische Kausalität existieren kann, wenn es sowohl Randbedingungen in der Vergangenheit als auch in der Zukunft gibt und keinen mikroskopischen Zeitpfeil. Dann ist Kausalität lediglich die Folge davon, dass eine der Bedingungen näher als die andere liegt. Kausalität ist also etwas, das erklärt werden muss – wie auch der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik.
Das Gespräch führte Rüdiger Vaas
Rüdiger Vaas




