Jedesmal, wenn wir die kärglichen Reste in unserem Kühlschrank betrachten und überlegen, was man daraus wohl noch kochen könnte, sind wir auf eine Weise intelligent, wie es selbst die schlauesten Affen nicht fertigbringen: Wir sind kreativ. Die Fähigkeit, etwas Neues zu erfinden oder Vorhandenes neu miteinander zu kombinieren, ist für manche Intelligenzforscher das wichtigste Kennzeichen intelligenten Verhaltens. Davon ist auch der amerikanische Neurophysiologe und erfolgreiche Sachbuchautor William H. Calvin überzeugt: Shakespeare zum Beispiel hält er für intelligent, weil er vorhandene Wörter zu neuen Schöpfungen zusammengefügt hat. Auch Komponisten greifen auf bereits Bekanntes, die Töne, zurück und schaffen aus ihnen neue Musikstücke. In seinem Buch Wie das Gehirn denkt lotet Calvin unser geistiges Innenleben aus. Er stützt sich auf die Intelligenzuntersuchungen von Psychologen und auf ethologische, evolutionsbiologische, linguistische und neurowissenschaftliche Erkenntnisse. Dabei kommt er zu dem Schluß, daß unser Gehirn – wie in der Evolution des Lebens – aus einfachen Ursprüngen hochkomplexe Ordnungsmuster entstehen läßt. Unterschiedliche geistige Anlagen spielen dabei eine Rolle – intelligent ist jemand aber erst, wenn er es versteht, seine Anlagen wirksam miteinander zu kombinieren. Welch hoher Grad an Originalität und Verständlichkeit das Ergebnis sein kann, zeigt Calvins Buch. Wie eine Bestätigung der Thesen Calvins liest sich Kreative Intelligenz. Howard Gardner, Professor für Erziehungswissenschaft und Experte für Intelligenz- und Kreativitätsforschung, betrachtet die kreative Intelligenz genauer und unterscheidet vier Formen, die unterschiedlich ausgeprägt in jedem Menschen angelegt sind. Auf welche Weise Kreativität geweckt wird und wie außergewöhnliches Schaffen entsteht, zeichnet Gardner an den Biografien von Amadeus Mozart (kreative Meisterschaft), Sigmund Freud (kreative Neuerung), Virginia Woolf (kreative Selbstbeobachtung) und Mahatma Gandhi (kreative Einflußnahme) nach. Geschickt verknüpft er die Lebensbeschreibungen der außergewöhnlichen Menschen mit den aktuellen Inhalten und Ergebnissen der modernen Kreativitätsforschung zu einem verständlichen, spannend zu lesenden Buch – die ständige Betonung, daß jeder von uns (zumindest theoretisch) imstande wäre, derart Großes zu leisten, ist allerdings beim Lesen eher lästig.
Während diese beiden Bücher auch ohne fachliche Vorkenntnisse gelesen und verstanden werden können, richtet sich Das Große, das Kleine und der menschliche Geist an den vorgebildeten Leser. Der Autor Roger Penrose, ein international bekannter Mathematiker, benutzt darin die Quantengravitation zur Erklärung von Bewußtsein. Dabei verteidigt er seine originelle These, wonach das Gehirn den physikalischen Gesetzen des Quantenreichs gehorcht und das Bewußtsein auf quantentheoretischer Basis erklärt werden kann. Penrose stellt sich der Kritik seines ehemaligen Schülers Stephen Hawking und antwortet den Philosophen Nancy Cartwright und Abner Shimony, die bezweifeln, daß die Physik der richtige Ausgangspunkt ist, um das Wesen des menschlichen Bewußtseins zu erforschen. Ob sich unsere Gesellschaft eines Tages zu einer Art vergrößertem Ameisenhaufen entwickeln könnte, interessiert den amerikanischen Biochemiker Howard Bloom. In Global Brain – die Evolution sozialer Intelligenz geht er der futuristischen These nach, ob es eines Tages möglich sein wird, daß sich individuelle Gehirne zu einer Art weltweiten Hirnrinde verknüpfen. Vorbilder findet er nicht nur im World Wide Web, sondern auch im Tierreich, wo Soziobiologen bei Bakterien, Insekten, Fischen, Vögeln und Säugetieren “Gruppengehirne” nachgewiesen haben und auch Massenphänomene, die aufgrund vernetzter Informationen auftreten. Bloom sagt voraus, daß eine weltweite Hirnrinde kein Geschenk der Computertechnik sein wird, sondern daß es sich um eine in der Evolution vorgesehene, gleichsam naturgegebene Entwicklung handelt. Weniger spekulativ ist Die Entdeckung der Intelligenz oder Können Ameisen denken? von den Kybernetikern und Biologen Holk Cruse, Jeffrey Dean und Helge Ritter. Um mehr über die Intelligenz des Menschen zu erfahren, unternehmen die Wissenschaftler Streifzüge ins Reich der Tiere und entdecken dort bemerkenswerte Grundprinzipien, die auch für die Steuerung unseres Verhaltens wichtig sind. Wie diese wissenschaftlich überprüfbaren Grundprinzipien beispielsweise in Robotern genutzt werden können, um künstlich intelligentes Verhalten zu erzeugen, ist ein weiterer Schwerpunkt des fachlich fundierten, detailreichen Buches.
Zur anspruchsvollen Entspannung nach so viel Wissenschaft sei Das Cambridge Quintett, eine “Wissenschaftsfiktion” des amerikanischen Mathematikers John L. Casti, empfohlen. An einem regnerischen Abend im Juni des Jahres 1949 treffen sich im Haus des Physikers C. P. Snow vier bedeutende Denker und Wissenschaftler: Alan Turing, Mathematiker und Miterfinder des Computers, J. B. Haldan, Genetiker und Wissenschaftsautor, Erwin Schrödinger, Physiker und Nobelpreisträger, und Ludwig Wittgenstein, der vielleicht einflußreichste Philosoph der Nachkriegszeit. Während eines fiktiven Abendessens diskutieren die fünf Männer über die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz, die Funktionsweise des menschlichen Gehirns und was beide gemeinsam haben. Unterhaltsam wird der Leser in ein wichtiges Wissenschaftsthema eingeführt und nimmt teil an einer ebenso geistreichen wie kontroversen Unterhaltung. Das richtige Buch für gemütliche Herbstabende.
Intelligenz
William H. Calvin Wie das Gehirn denkt Spektrum Akad. Verlag 1998, DM 39,80
Howard Gardner Kreative Intelligenz Campus 1999, DM 39,80
Roger Penrose Das Große, das Kleine und der menschliche Geist Spektrum Akademischer Verlag 1998, DM 39,80
Howard Bloom Global Brain – die Evolution sozialer Intelligenz Deutsche Verlags-Anstalt 1999, DM 44,-
Holk Cruse, Jeffrey Dean, Helge Ritter Die Entdeckung der Intelligenz oder Können Ameisen denken? C.H. Beck 1998, DM 48,-
John L. Casti Das Cambridge Quintett Berlin-Verlag 1998 DM 36,-
Claudia Eberhard-Metzger





