Bei wie vielen Science Slams haben Sie bisher mitgewirkt, Herr Glufke?
Wohl zwischen 50 und 60. Genau weiß ich das nicht.
Inzwischen sind Sie als Slam-Moderator in einem Dutzend von Städten unterwegs. Wie hat das Ganze begonnen?
Angefangen hat es mit Poetry Slams – einer Veranstaltungsform, bei der selbstgeschriebene Texte von Autoren vorgetragen werden. Dort bin ich als Slammer einge- stiegen und habe dann eine Zeit lang hauptsächlich die Moderation übernommen. Als ehemaliger Wissenschaftler hat mich das Format des Science Slams gelockt. Hintergrund war, dass sich mein damaliger Auftraggeber entschlossen hatte, mein Gutachten nicht zu veröffentlichen. Sprich: Ich war zu kritisch gewesen. Das Gutachten verschwand in der Schublade – und ich brauchte ein Medium, um meine anderthalbjährige Arbeit zu präsentieren.
Wie groß ist die Science-Slam-Community?
In Deutschland hat sie einen festen Stamm von 30 bis 40 Slammern, die viel unterwegs sind. Daneben gibt es noch rund 150 Frauen und Männer, die sporadisch an einem Slam mitwirken.
An welche Begebenheit der ersten Jahre erinnern Sie sich noch heute?
Ich komme aus dem Osten. Da sind die Leute rasch verstört, wenn man derbe Sprüche über ihre Stadt macht, und man wird ausgebuht. Dann kam ich nach Hamburg und durfte einen Witz nach dem anderen reißen, bei dem es keine Grenzen gab. Es war befreiend, einmal alles sagen zu können, was mir auf dem Herzen lag. Deswegen liebe ich Hamburg. In Berlin fand eine meiner letzten Moderationen in einem Raum statt, der früher ein Punkladen war. Ich moderierte dementsprechend eher im Punkstyle. Das fand das Publikum nicht witzig – es wollte eine gehobene Moderation und beschwerte sich. Überhaupt gibt es größere regionale Unterschiede bei der Akzeptanz von witzigen Bemerkungen …
… etwa zwischen Hamburg und Bayern?
Genau. Wer in Bayern Witze über die Kirche macht, kommt in Schwierigkeiten. In den nördlichen Bundesländern bringt das dagegen die Lacher. Das Eingehen auf die regionale Wahrnehmung ist wichtig. Es ist verrückt: Von Stadt zu Stadt variieren die Stellen im Vortrag oder bei den Witzen, an denen gelacht wird.
Wenn Sie das Publikum bei einem Slam erstmals sehen – wissen Sie dann schon, wie heute gelacht wird?
Nicht wirklich. Das muss man ausprobieren. Die Konstellation des Publikums, der Räumlichkeit und der Stadt spielen dabei eine große Rolle. Wer das alles richtig wichtet – und das ist eben die Erfahrung –, wählt den Moderationsstil, der bei dieser Veranstal- tung angebracht ist.
Verraten Sie uns, wie Sie den ersten SuperScienceSlam in Heilbronn empfanden, den bild der wissenschaft 2014 zusammen mit der experimenta veranstaltet hat?
Das war schon genial. 400 Leute, die offen sind und Lust haben, dass man mit ihnen den Abend gestaltet. Allerdings musste ich mich schon an den regionalen Gegebenheiten orientieren. Und das hieß: Hier stehe ich vor Schwaben …
… Und: Gehen die in den Keller, um zu lachen?
Klar, das ist ein fettes Klischee. Daher auch meine erste Frage, um das Eis zu brechen: Ist das wirklich so – und wenn ja, lacht man da anders? Etwa dunkler? Bei einem so großen Slam wie in Heilbronn haue ich natürlich nicht voll drauf, sondern biete gehobenen Moderatorenstandard. Der Slam wurde durch ein wundervolles Programm unterstützt, und Heilbronn hat mal gezeigt, wie begeistert es sein kann.
Wie ist denn der typische Slambesucher?
Die Altersschichtung reicht von 5 bis 100, jede Generaton ist vertreten. Viele kennen Poetry Slams und sind deshalb neugierig auf Science Slams, bei denen sie etwas lernen können über Wissenschaft. Üblicherweise ist die Hälfte des Publikums zum ersten Mal überhaupt bei einem Science Slam dabei.
Werden die Erwartungen erfüllt, die das Publikum an diese Art der Präsentation wissenschaftlicher Ergebnisse hat?
Es ist schwierig, in einem zehnminütigen Vortrag Wissenschaft zu transportieren. Die Science Slammer haben ein fachfremdes Publikum vor sich, aber genau das ist auch ihre Chance. Sie müssen Menschen jeden Alters in zehn Minuten erzählen, was sie machen, dabei noch gegen andere antreten und das Publikum von sich überzeugen. Und das soll nicht ernsthaft und trocken geschehen, sondern mit Witz, denn der prägt sich besser ein. Um den Unterhaltungsfaktor volle zehn Minuten beizubehalten, bekommen die Zuschauer oft Experimente vorgeführt, bei denen etwas passiert, oder es gibt eine Reihe intelligenter Witze, die zur dargebotenen Wissenschaft passen.
Wer macht bei Science Slams mit?
Nicht nur frische Doktoren gehören dazu, sondern auch Studenten, die ihre Bachelorarbeit geschrieben haben. Jeder wissenschaftliche Output kann verwertet werden. Oftmals ist es für Newcomer schwierig, sich gegen erfahrene Slammer durchzusetzen, weil die schon mehr auf der Bühne ausprobiert haben. Deshalb werden an Universitäten Workshops angeboten – unter anderem auch von mir.
Rechnen Slammer mit der Wissenschaft ab? Geben viele ihre Disziplin der Lächerlichkeit preis?
Nein. Viele sind ja von ihrer Forschung überzeugt und betreiben das mit Inbrunst. Es ist meines Erachtens tatsächlich genial, was dort gemacht wird und was man auf so einer Veranstaltung zu sehen bekommt – von der Aids-Forschung bis zur Radiowellenuntersuchung ist alles dabei. Klar gibt es manchmal eine verhaltene Kritik am etablierten Wissenschaftssystem – etwa dass die Impactfaktoren bei Publikationen völliger Quatsch sind.
Gewinnen immer dieselben Leute?
Das Publikum reagiert oft unterschiedlich. Dann spielt es beispielsweise auch eine Rolle, ob man gleich zu Beginn slammen muss. Das verringert die Chancen ein bisschen, weil sich das Publikum noch keine Meinung gebildet hat zu dem, was sich insgesamt auf der Bühne abspielt. Reinhard Remfort beispielsweise gewann im Dezember 2013 bei den deutschsprachigen Meisterschaften des Science Slam in Münster, ich habe ihn aber auch schon scheitern sehen. Und auch die Tagesform entscheidet.
Manche Slammer sind sehr bekannt. Die Medizinerin Gulia Enders ist durch ihren Slam über den Darm zur Buchautorin und in der Folge zur Bestsellerautorin mit dem Werk „ Darm mit Charme” geworden. Haben Science Slammer durch ihre Auftritte auch bei ihrer wissenschaftlichen Karriere Vorteile?
Die Teilnahme an Science Slams ist – um mal einen pseudowissenschaftlichen Begriff zu benutzen – eine Art Soft-Skill. Die Leute können dadurch besser präsentieren. Ich glaube aber nicht, dass sie dadurch schneller in der Wissenschaft Karriere machen. Was sie persönlich mitnehmen, ist die Fähigkeit, die eigene Wissenschaft allgemeinverständlich darstellen zu können. Ein kleiner sprachpopulärer Hinweis: Die Veranstaltung heißt Slam, ein Vortrag bleibt ein Vortrag.
Warum treten in Slams meist nur Naturwissenschaftler auf? Geisteswissenschaftler sind doch oft wortgewaltiger.
Das liegt daran, dass die Ergebnisse in den Naturwissenschaften besser herauszuarbeiten sind. Geisteswissenschaftliche Forschung ist meist nur Sekundäranalyse, die sich aus mehreren anderen Literatursparten zusammensetzt. In den Geisteswissenschaften ist es viel schwieriger, etwas Eigenes zu entwickeln als in den Naturwissenschaften. Daher reagiert das Publikum bei den wenigen Slammern aus den Geisteswissenschaften schon mal gelangweilt. Doch auch hier tut sich etwas.
Wie lange wird es Slams geben?
Ich habe keine Ahnung. Eine Prognose würde ich mir nie erlauben. An der Basis kann noch viel entwickelt werden. Gerade an den Universitäten sehe ich gute Möglichkeiten, um Studierende und Promovierende für eigene Slam-Auftritte zu begeistern.
Wann sieht man Sie in einer Fernseh-Show, Herr Glufke?
Noch hat niemand angeklopft, wenn ich aber Markus Lanz, Cindy aus Marzahn oder Florian Silbereisen ersetzen und zu besserer Fernsehunterhaltung beitragen kann, stehe ich bereit. Ich habe großen Spaß an allem, was ich gegenwärtig tue. Doch wenn das Fernsehen kommt, sage ich garantiert nicht nein. •
Das Interview führte Wolfgang Hess




