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In aller Freundschaft
Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Rosa Luxemburg und Clara Zetkin, Stan Laurel und Oliver Hardy oder Ernie und Bert: allesamt Beispiele für große Freundschaften. In der Regel hält eine Freundschaft viele Jahre – teils sogar ein Leben lang. Aber einen Freund fürs Leben zu finden, ist gar nicht so…
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von DANIELA LUKAßEN-HELD
Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Rosa Luxemburg und Clara Zetkin, Stan Laurel und Oliver Hardy oder Ernie und Bert: allesamt Beispiele für große Freundschaften. In der Regel hält eine Freundschaft viele Jahre – teils sogar ein Leben lang. Aber einen Freund fürs Leben zu finden, ist gar nicht so leicht. Eine aktuelle US-Umfrage zur Gesundheit von Kindern des C. S. Mott Children’s Hospital der University of Michigan Health zeigt: Schon die Jüngsten tun sich schwer damit.
So gaben 19 Prozent der befragten Eltern an, dass ihr Kind zu wenige oder keine Freunde hat. Auch zu den Gründen gibt die Untersuchung Aufschluss. Schüchternheit etwa spielt eine entscheidende Rolle, aber auch der Mangel an Möglichkeiten, mit anderen Kindern in Kontakt zu treten. So gibt es mitunter zu wenig Zeit, um gemeinsam mit anderen zu spielen. Bereits 2012 kam eine Umfrage des Deutschen Kinderhilfswerks und UNICEF Deutschland zu dem Ergebnis, dass Kinder wöchentlich im Durchschnitt mehr als 38,5 Stunden pro Woche in der Schule oder für die Schule arbeiten. Viel Zeit für Freizeitaktivitäten mit Freunden bleibt da nicht. Für die Mehrzahl der in der kürzlich erschienenen Umfrage befragten Eltern (71 Prozent) war die Sorge um den Mangel an Freunden Grund genug, um ihre Kinder bei der Suche nach Freunden zu unterstützen, etwa mit dem Arrangement von Spielterminen.
Eine Frage der Finanzen
Eine andere im Juli 2024 veröffentlichte Studie macht deutlich: Ob Jugendliche Freunde finden oder nicht, ist auch eine Sache des Geldes oder vielmehr eine Frage des Einkommens der Eltern. „Wegen der Datenlage haben wir in unsere Studie schwedische Jugendliche aus einkommensschwachen Familien einbezogen“, sagt Isabel J. Raabe vom Soziologischen Institut der Universität Zürich. „Einkommensschwach bedeutet hier aus den untersten 20 Prozent des Einkommensspektrums in Schweden“, erklärt Raabe. Es zeigte sich, dass die betroffenen Jugendlichen im Schnitt deutlich weniger Freunde hatten und auch seltener als Freunde genannt wurden als Jugendliche aus einkommensstärkeren Familien.
Als mögliche Ursachen für die geringere Zahl an Freundschaften nennen die Forscher fehlende finanzielle Mittel, um angesagte Kleidung zu kaufen oder um an außerschulischen Aktivitäten zum Beispiel in Sportvereinen teilzunehmen, teilweise auch auffälliges Verhalten infolge von Stress aufgrund der familiären Situation. „Darüber hinaus wollten wir wissen, wie das Bild in Schulklassen ist, in denen es viele Jugendliche aus einkommensschwachen Familien gibt“, erklärt die Soziologin. Und auch hier zeigte sich: Wer aus einer ärmeren Familie kommt, hat weniger Freunde. Welche Freundschaften wir im Kindes- und Jugendalter schließen, spielt nicht nur kurz- und mittelfristig, sondern auch langfristig eine Rolle. Wissenschaftler der Universitäten Harvard, Stanford und New York fanden heraus: Kinder aus einkommensschwächeren Familien, die mit reicheren Kindern befreundet sind, verfügen später selbst auch über ein höheres Einkommen.
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Bis wir einen Menschen als Freund bezeichnen können, braucht es vor allem eines: Zeit. Insbesondere für Menschen, die beruflich stark eingebunden sind oder aus anderen Gründen nur geringere zeitliche Ressourcen haben, wird das Knüpfen von Freundschaften schwierig. „Es dauert ungefähr 50 gemeinsame Stunden, um von einem einfachen Bekannten zu einem Gelegenheitsfreund zu werden, 90 Stunden, um von diesem Stadium zu einem einfachen ‚Freund‘-Status zu gelangen, und mehr als 200 Stunden, bis Sie jemanden als Ihren engen Freund betrachten können“, erklärt der Kommunikationswissenschaftler Jeffrey A. Hall von der University of Kansas.
Ist diese Hürde genommen, muss auch mittel- und langfristig in eine Freundschaft investiert werden. Und das erfordert wiederum Zeit – ein Grund dafür, dass mit dem Eingehen neuer Freundschaften die Bande alter Freundschaften schwächer werden. „Letztendlich haben wir nur eine begrenzte Anzahl von Stunden am Tag und können nicht alle unsere Beziehungen auf einem hohen Maß an Intensität aufrechterhalten“, erklärt Hall. „In unserem Freundesnetzwerk kommt es daher häufig vor, dass Menschen kommen und gehen.“
Gleich und gleich gesellt sich gern
Doch was sind die entscheidenden Faktoren dafür, dass wir überhaupt eine Bindung mit einer Person eingehen möchten? „Wir bevorzugen sehr stark Menschen, die uns ähnlich sind, sowohl als Freunde als auch als bevorzugte Familienmitglieder. Dies wird als Homophilie bezeichnet“, erklärt der britische Psychologe Robin Dunbar. Er ist Professor of Evolutionary Psychology am Department of Experimental Psychology der University of Oxford. Laut Dunbar gibt es zwei Kategorien dieser sogenannten Ähnlichkeitsattraktion: zum einen biologische Merkmale wie das Geschlecht, das Alter, die ethnische Zugehörigkeit und die Persönlichkeit. Zum anderen spielen kulturelle Merkmale eine Rolle. So würden wir Menschen bevorzugen, die unseren Dialekt, Herkunftsort, unsere Karriere, Hobbys und Interessen, religiöse, moralische, politische Ansichten und unseren Musikgeschmack teilen. „Diese Vorliebe für Menschen, die ‚wie wir‘ sind, liegt zum Teil daran, dass sie dazu beiträgt, die Konversation reibungsloser zu gestalten“, erklärt der Psychologe. Bewegen wir uns also in einem Milieu, in dem wir keine Gleichgesinnten finden, ist es demnach nur schwer möglich, Freundschaften aufzubauen.
Lisa M. DeBruine, heute Psychologieprofessorin an der University of Glasgow, hat zudem herausgefunden, dass äußerliche Ähnlichkeiten eine Rolle spielen. So fanden die Probanden in ihren Untersuchungen insbesondere die Menschen, die ihnen ähnlich sahen, sympathischer und vertrauenswürdiger.
Kleiner oder großer Freundeskreis
Auch wenn es extrovertierten Menschen insgesamt leichter fällt, auf andere zuzugehen und neue Kontakte zu knüpfen als introvertierten Menschen, hat dies keine Auswirkungen auf die Zahl enger Freunde. Denn diese unterscheidet sich Studien zufolge nicht signifikant zwischen offenen und zurückhaltenden Personen.
Die meisten Freunde haben wir übrigens, wenn wir jung sind. Mit zunehmendem Alter fällt es immer schwerer, Freundschaften aufrecht zu erhalten oder gar neu aufzubauen. So wächst unser Freundeskreis kontinuierlich, bis wir 25 Jahre alt sind, danach schrumpft er wieder. Wissenschaftler, die Handy-Daten zu getätigten Telefonaten analysierten, um Aufschluss über die Entwicklung unserer sozialen Netzwerke zu erhalten, fanden heraus: Insgesamt sinkt die Anzahl der Freunde bis zu einem Alter von rund 45 Jahren. Dann bleibt die Zahl zunächst konstant, bis sie bei Menschen über 55 Jahren erneut abnimmt.
Freundschaften im digitalen Zeitalter
Kai Erik Trost vom Institut für Digitale Ethik (IDE) der Hochschule der Medien in Stuttgart befasst sich mit der Frage, wie sich soziale Medien auf den Aufbau sozialer Kontakte auswirken. „Insbesondere bei der Pflege lockerer Freundschaften bieten soziale Medien eine Möglichkeit, in Kontakt bleiben zu können. Auf der anderen Seite gewöhnen wir uns an häufige Interaktionsmöglichkeiten und brauchen so die kontinuierliche Bestätigung von Freundschaft. Dadurch kommt es zu Unsicherheiten, wenn diese Bestätigung einmal ausbleibt.“ Bleiben etwa WhatsApp-Nachrichten unbeantwortet, verunsichert dies gerade junge Menschen. „Es kommt bei Jugendlichen schnell die Frage auf, ob die Freunde sie noch mögen, wenn einmal keine Rückmeldung kommt.“
Dennoch sieht Trost einen Vorteil der sozialen Medien: „Personen, denen es in ihrem physischen Umfeld schwerfällt, Freunde zu finden, wird es online erleichtert, Kontakte aufzubauen.“ Zwar werde vielfach diskutiert, inwieweit es sich bei Online-Kontakten um echte Freundschaften handle, dennoch meint Trost: „Für das Selbstwertgefühl junger Menschen ist das nicht entscheidend. Je nach Sichtweise sind Online-Kontakte genauso wertvoll und wichtig wie persönliche Kontakte.“ Können Freundschaften im Internet also eine Alternative zu persönlichen Freundschaften darstellen? Und funktionieren sie genauso?
Das hat sich auch der Psychologe Robin Dunbar genauer angeschaut. „Im Hinblick auf die Kontakthäufigkeit gibt es keine Unterschiede zwischen persönlichen Kontakten, Telefonanrufen und Beiträgen auf Facebook“, erklärt er. Eine andere Frage sei es jedoch, ob die emotionale Qualität in einer Online-Welt dieselbe ist. „Was die emotionale Qualität von Freundschaften ausmacht, sind Aktivitäten, die das Endorphinsystem im Gehirn aktivieren – dazu gehören körperliche Berührungen, Lachen, Singen, Tanzen, gemeinsames Schlemmen, Geschichtenerzählen und vieles mehr. Die meisten davon sind online schwierig zu bewerkstelligen. Selbst wenn Sie zum Beispiel Witze erzählen, klappt das nicht ganz so gut wie von Angesicht zu Angesicht. Witze sind online einfach nicht ganz so lustig, insbesondere in textbasierten Umgebungen.“
Unterschiedliche Meinungen spalten
Der Kommunikationswissenschaftler Jeffrey A. Hall sieht in den sozialen Medien eine Chance für das Aufrechterhalten von Freundschaften: „Im Zeitalter der sozialen Medien ist es einfach, mit alten Freunden in Kontakt zu bleiben.“ Deutlich wird das am Beispiel der Coronapandemie. Skype-Treffen mit Freunden, Online-Events – vieles, was zuvor ganz selbstverständlich in der physischen Welt stattgefunden hat, spielte sich insbesondere während der Lockdowns online ab. „Gegen Ende der Corona-Zeit wurde alles jedoch wieder in die physische Welt zurückverlagert – stärker als zuvor“, sagt Trost. Insgesamt habe die Zeit der Kontaktbeschränkungen Freundschaften nicht grundsätzlich verändert.
Einer Umfrage von YouGov und dem SINUS-Institut zufolge sind 38 Prozent der Befragten der Meinung, dass ihre Freundschaften die Corona-Zeit lediglich überstehen konnten, weil Online-Kontakte möglich waren. Und dennoch: Nicht jede Freundschaft „überlebte“ die Coronapandemie. Neben den eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten belasteten Meinungsverschiedenheiten wegen der Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie viele Freundschaften. So standen und stehen sich zum Teil bis heute Impfgegner und -befürworter unversöhnlich gegenüber. 20 Prozent der Befragten gaben an, deswegen Freunde verloren zu haben. Dass unterschiedliche Ansichten ein Risiko für Freundschaften darstellen, lässt sich auch am Beispiel des Klimawandels oder mit Blick auf den Ukraine-Krieg beobachten.
Freundschaften zu knüpfen, zu pflegen und zu erhalten, gerade dann, wenn Meinungen auseinandergehen, mag nicht immer leichtfallen. Es lohnt sich aber, in soziale Kontakte zu investieren. Denn zahlreiche Studien belegen: Menschen mit Freunden sind glücklicher – und leben länger. ■
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