Im Mai 2023 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO den globalen Corona-Gesundheitsnotstand aufgehoben. Vielen Länder der Welt widmen sich nun der Evaluation und Aufarbeitung der Pandemiezeit. Welche Maßnahmen haben sich als wirkungsvoll erwiesen, welche hätte es aus heutiger Sicht vielleicht nicht gebraucht? Wie hat sich die Pandemie auf die Gesellschaft ausgewirkt? Und welche Schlussfolgerungen können für mögliche zukünftige Pandemien gezogen werden? Wichtig dabei ist auch die gesellschaftliche Erinnerung und Bewertung der Pandemiezeit, denn diese beeinflusst nicht nur das heutige Vertrauen in Politik und Wissenschaft, sondern auch das zukünftige Verhalten in ähnlichen Situationen.
Vergleich von damals und heute
Doch sind unsere Erinnerungen akkurat? Damit hat sich nun ein Team um Philipp Sprengholz von der Universität Bamberg in einer länderübergreifenden Studie beschäftigt. Bereits 2020, im ersten Jahr der Pandemie, hat das Team tausende Menschen aus Deutschland und Österreich dazu befragt, wie sie ihr persönliches Infektionsrisiko einschätzen, welche Schutzmaßnahmen sie einhalten und in welchem Maße sie der Regierung und der Wissenschaft vertrauen. Die zweite Befragung erfolgte zum Jahreswechsel 2022/2023. „In der zweiten Befragung wurden sie auch gebeten, sich an ihre Wahrnehmungen und Verhaltensweisen im ersten Jahr der Pandemie zu erinnern“, erklärt Sprengholz. „So konnten wir ihre Erinnerungen mit den tatsächlich gegebenen Antworten vergleichen.“
Dabei erhoben die Forschenden auch, ob die Befragten geimpft waren und wie sehr sie sich mit ihrem Impfstatus identifizierten. Dazu sollten die Testpersonen beispielsweise angeben, ob sie „stolz“ darauf sind, geimpft oder ungeimpft zu sein, und ob sie sich zur Gruppe der Geimpften oder Ungeimpften zugehörig fühlen. Zusätzlich zu den Erhebungen aus Deutschland und Österreich bezogen die Forschenden Studien mit insgesamt über 10.000 Befragten aus insgesamt elf Ländern ein, darunter Großbritannien, Schweden, Italien, Japan, Australien, Mexiko und die USA.
Vergangene Einstellungen umgedeutet
Das Ergebnis: „Die Erinnerungen waren sowohl bei Geimpften als auch bei Ungeimpften verzerrt, aber in entgegengesetzte Richtungen“, berichtet das Team. Geimpfte überschätzten ihre damalige Risikobewertung und ihr Vertrauen in die Wissenschaft, Ungeimpfte dagegen unterschätzten diese Faktoren. Dieser Effekt war stärker, je mehr sich die Befragten mit ihrem Impfstatus identifizieren. „Die Ergebnisse zeigen, dass es systematische Unterschiede darin gibt, wie sich Menschen an die Pandemie erinnern, obwohl sich ihre damaligen Einschätzungen oftmals gar nicht so stark voneinander unterschieden“, sagt Co-Autor Luca Henkel von der University of Chicago.





