Manchmal fügt es sich eigenartig. Wolfram Huncke, von 1973 bis 1988 Chefredakteur von bild der wissenschaft, moderierte Mitte der 1980er-Jahre mehrere Dispute um die Zukunft der Industriegesellschaft zwischen Heinz Haber, dem bdw-Gründungsherausgeber, und Robert Jungk, dem Vordenker für eine nachhaltige Entwicklung. Die Gespräche sollten als Paperback veröffentlicht werden. Das wurde verworfen. Vor einem Jahr entschloss sich Huncke, die von ihm redigierten und von Haber und Jungk vor gut einem Vierteljahrhundert autorisierten Manuskripte doch noch herauszugeben. Anfang April 2011, wenige Tage nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima, erschienen sie unter dem Titel „ Gestern ist heute”. Auf wundersam aktuelle Weise begleiten die einstmals geführten Streitgespräche den momentanen gesellschaftlichen Umbruch.
Professor Heinz Haber, der 1964 das erste „bild der wissenschaft” in den Verkauf brachte, war durch und durch geprägt vom festen Vertrauen in die Macht und Kraft der Naturwissenschaften. In einer bdw-Sonderausgabe schrieb er: „Wir von bild der wissenschaft … empfinden emotionale Feldzüge gegen die Kernkraftwerke als eine Art Verunglimpfung von Tausenden von Wissenschaftlern und Ingenieuren …” Jungk dagegen propagierte bereits in den 1960er-Jahren die Sehnsucht nach einer sanften, menschengerechten Technik. Im Buchkapitel „Leben mit den Risiken der Industriegesellschaft” erklärt er im Hinblick auf die Kernenergie: „Wenn ein Fortschritt so risikoreich ist, dass er die Existenz des Menschen grundsätzlich gefährden kann, sind die Grenzen greifbar und sichtbar.” Haber entgegnet darauf: „Ich gehöre und bekenne mich zu dieser Generation, die gesagt hat: Wir sind die großen Zaubermeister. Wir werden zum Mond fliegen, können das Atom knacken und werden das Gen erforschen.” Jungk stellt an anderer Stelle fest: „An allen Orten, an die die sogenannte westliche Zivilisation und Technik gekommen ist, hat sie sich wie ein Krebs entwickelt.”
So verkürzt hört sich das martialisch gegensätzlich an. Doch obwohl sich Haber und Jungk bei der Technikfolgenabschätzung als Antipoden sahen, waren sie enge Freunde. Ihre gegenseitige Wertschätzung durchdringt das ganze Buch und unterscheidet sich wohltuend vom aufgeregten und grimmigen Gegeneinander in vielen heutigen Talkshows. Substanz statt Veitstanz.
Der heute in München lebende Wolfram Huncke verstand sich gut mit Haber und auch mit Jungk. Den „Fernsehprofessor” hatte er gewissermaßen als Elder Statesman kennen und schätzen gelernt. Den „linken Kritiker der Wirtschaft” integrierte er in diese Zeitschrift viele Jahre lang als Kolumnisten, was ihm immer wieder Unmut einbrachte. Doch die Gedanken Jungks keimten in Huncke förmlich auf. Er, der sich als bdw-Chef dafür eingesetzt hatte, Forschung und Entwicklung in der deutschen Industrie zum Gegenstand positiver wissenschaftsjournalistischer Betrachtung zu machen, wurde später Kommunikations-Chef des Wuppertal Instituts für Klima, Energie, Umwelt – eines Wegbereiters des gesellschaftlichen Wertewandels hin zur Nachhaltigkeit. Wolfgang Hess
Wolfram Huncke (Hrsg.) GESTERN IST HEUTE Hirzel, Stuttgart 2011 120 S., € 19,90 ISBN: 978–3–7776–2135–7




