bild der wissenschaft: Was fasziniert Sie an der Wissenschaftsfotografie, Herr Frommann?
Ronald Frommann: Das Eintauchen in unbekannte Themen. Für mich ist es immer wieder spannend, komplexe Inhalte, die es ja gerade in der Wissenschaft gibt, für die Leser begreifbar zu machen. Was ich in einem Institut vorfinde, muss ich schnell in Bildideen umsetzen. Damit verbunden ist oft ein hoher technischer Aufwand. Wenn ich wissenschaftsfotografisch arbeite, fahre ich immer mit einer großen Ladung an Equipment los.
Was bleibt bei Ihnen von den Inhalten hängen, mit denen sich die Forscher beschäftigen?
Es ist eigentlich immer so, dass ich nach solchen Terminen meine Familie damit beglücke, was ich Neues gelernt habe. Inzwischen arbeite ich mehr als 20 Jahre in der Wissenschaftsfotografie und kenne die Strukturen von vielen Laboren. Das hat den Vorteil, dass die Forscher mir nicht immer alles von Anfang an erklären müssen, was bei der raschen Umsetzung der Themen hilft. Zu Beginn meiner Tätigkeit habe ich häufig erlebt, dass sich die Wissenschaftler unverständlich ausdrückten, wenig Interesse an den Medien hatten und es als störend empfanden, wenn ich kam. Das hat sich sehr geändert: Die Wissenschaftler verkaufen ihre Themen deutlich besser.
Heißt das, dass die Wissenschaftler Sie inzwischen auch mehr unterstützen?
Obwohl viele Wissenschaftler den Elfenbeinturm verlassen haben, denken noch längst nicht alle in spannenden Bildern. Wenn ich in ein Institut komme, betrachte ich erst einmal die dort aufgehängten Schautafeln und Poster – in der Hoffnung, Anregungen für meine Arbeit zu finden. Doch das ist kaum der Fall. Im Gegenteil: Oft sind die dort gezeigten Abbildungen schlicht schlecht.
Wie überzeugen Sie die Wissenschaftler, sich Ihnen zu öffnen?
Am besten geht das durch überraschende Einblicke in meine Fotografie. Für bild der wissenschaft habe ich einmal in einem Nanopartikel-Institut fotografiert. Nachdem mein Assistent und ich dort ankamen, wurden wir in eine langatmige Vorstellungsrunde geschleppt. Wieder und wieder erzählten die Forscher uns, welch tolle Resultate sie erzielt hatten. Sie zeigten uns die riesigen, aber drögen Apparate, mit denen sie Nanotechnologie – also die Welt des Unsichtbaren – umsetzten. So wird das nichts, dachte ich, und organisierte eine Scheibe, über die eine Flüssigkeit geleert wurde. Dicht dahinter stellte ich einen Forscher so auf, dass er mit seinem Gesicht direkt hinter der Scheibe posierte. Links und rechts von der Scheibe positionierte ich metallisch schimmernde Geräte. Die Fotos sahen dann ganz cool aus. Auch die Forscher waren von dieser Inszenierung begeistert – und davon angetan, wie man ihre Arbeit präsentieren kann. Sehr oft erlebe ich, dass die Forscher sich am Abend von mir mit Worten verabschieden wie „das war aber ein spannender Tag mit Ihnen” oder „so habe ich meine Arbeit noch nie gesehen”.
Das für den Menschen Unsichtbare ist in der Forschung inzwischen an der Tagesordnung. Und vieles wird erst durch Computermodelle plastisch. Als Foto wirkt das aber langweilig …
… weshalb ich meine Bilder oft in Schichten aufbaue. Ich prüfe beispielsweise, ob ich den Inhalt einer Computerdarstellung irgendwie als Hintergrund oder Überlagerung projizieren kann. Und dann positioniere ich kleinere Arbeitsmittel wie Pipetten auffällig ins Bildmotiv. Besonders wichtig ist natürlich ein eindrucksvoll platzierter Forscher. Ein Geheimnis unserer Arbeit ist, Dinge so anzuordnen, wie man sie normalerweise nicht in Zusammenhang bringt.
Kreativität ist demnach für Ihren Beruf genauso wichtig wie für den des Wissenschaftlers?
Ich meine schon. Vor Jahren hatte ich für die Zeitschrift „Geo” den Auftrag, Momente des Lernens unkonventionell zu fotografieren. Bei meinen Recherchen stieß ich auf eine Schule, deren Physiklehrer das Thema Auftrieb völlig anders als üblich erläuterte. Er ging mit den Klassen ins Schwimmbad und studierte zusammen mit den Schülern, was passiert und welche Kräfte wirken, wenn man ein Hohlgefäß oder einen Baumstamm unter das Wasser drückt. Ich habe das dann aus der Wasserperspektive fotografiert. Dazu habe ich ein Aquarium gekauft, meine Kamera dort hineinbugsiert und so abgedichtet, dass ich damit fotografieren konnte.
Wie hat sich die Wissenschaftsfotografie in den letzten Jahren verändert?
Als ich damit begann, lag es im Trend, mit kontrastreichem farbigem Licht zu arbeiten. Das war Hollywood abgeschaut. Wenn man sich die Filme von damals genau ansieht, haben die Bilder einen prägnanten Kalt-Warm-Kontrast. Das Umgebende ist leicht bläulich ausgeleuchtet, das Gesicht dagegen gelb-orange, was Spannung erzeugt.
Wie fotografiert man heute?
Farbiges Licht ist immer noch ein Mittel der Wahl, wenn ich auch weniger bunt arbeite als damals. Durch die digitale Fotografie hat man heute natürlich weit mehr Möglichkeiten, Bildmotive im Anschluss zu bearbeiten als früher. Diese Postproduktion ist zeitaufwendig und wird meist nicht bezahlt. Doch da ich höchste Qualitätsanforderungen an mich stelle, nehme ich mir die Zeit dafür. Eine andere Entwicklung ist der Weg, das Banale zu thematisieren. Beispielsweise einen Wissenschaftler, der irgendwohin schaut, vielleicht verstört wirkt, vor eine nichtssagenden Wand zu stellen – und irgendetwas, was nichts mit seiner Forschung zu tun hat, auf den Tisch zu legen. Diese Art der Fotografie ist nicht meine Sache. Ich benutze Farbe und versuche den handelnden Menschen in den Vordergrund zu stellen.
Wie bei den springenden Genen, die auf natürliche Weise Mutationen hervorrufen? Sie baten Professor Jürgen Brosius, der damals 61 war, für ein Motiv vom Tisch zu springen.
Bei der Recherche zusammen mit der bdw-Bildredaktion stellte sich heraus, dass der Münsteraner Professor als Hobby Karate betreibt und daher körperlich fit ist. Ich kam auf die Idee, ihn auf einem Trampolin springen zu lassen. Doch das entpuppte sich als wenig sinnvoll, weil die Aktion das Bildmotiv zu sprengen drohte. Deshalb entschieden wir uns zum Sprung vom Tisch, den Herr Brosius unbeschadet überstanden hat. An dieser Stelle möchte ich die kollegialen Arbeitsvorbereitungen der Bildredakteurinnen von bild der wissenschaft deutlich hervorheben.
Welche Rolle spielen Layouter für Fotografen, die für Printmagazine arbeiten?
Bei manchen Magazinen freue ich mich über die Veröffentlichung meiner Bilder, weil ich merke, dass der Gestalter verstanden hat, was ich mit den Fotos ausdrücken will und die Wirkung durch die Bildpositionierung noch unterstreicht. Daneben gibt es Kunden, über die ich mich jedes Mal ärgere, weil das Bild so winzig kommt oder so beschnitten ist, dass meine Arbeit zerstört wird. Deshalb komponiere ich meine Bilder gerne bis ins letzte Eck, sodass das Foto förmlich schreit, wenn der Gestalter etwas abschneidet.
Wie wichtig sind Fotopreise für die Karriere?
Sie bestätigen einem, dass der eingeschlagene Weg auch anderen zusagt, und zeigen dadurch, dass man sich von der Masse der Fotografen abhebt. Ganz zu Anfang meiner Karriere habe ich zwei World Press Photo-Preise bekommen – mit einem Auftrag, der mich überhaupt erst in die Wissenschaftsfotografie gebracht hat: eine Reportage über Frühgeborene. Die Anregung dazu erhielt ich von meiner Frau, die Ärztin in einer Klinik ist. An dem Beitrag, der Anfang der 1990er-Jahre im Stern erschienen ist, habe ich übrigens ganze drei Monate gearbeitet. Heute beteilige ich mich nur noch selten an Wettbewerben. Die Zahl der Aufträge, bei denen man eine hervorragende fotografische Arbeit abliefern kann, ist kleiner geworden.
Wie wichtig ist das Internet für Sie?
Bisher bekam ich meine Aufträge meist über andere Wege: etwa durch die langjährige Zusammenarbeit mit Redaktionen. Doch solche Kooperationen werden seltener. Zudem wollen Agenturen häufiger als früher junge Fotografen mit einem Zeitgeist-Blick. Und das heißt: für inszenierte Welten, auf die vor allem die Werbung setzt.
Welche Bedeutung hat das Lebensalter in Ihrem Geschäft denn generell?
Bei den Auftraggebern sitzen viele Jüngere an den entsprechenden Schaltstellen. Denen ist es nicht zu verdenken, dass sie lieber mit Leuten ihres Alters zusammenarbeiten. Doch ich glaube: Als Fotograf kann man alt werden und dabei gut bleiben. Die Erfahrung hilft einem bei der Bewältigung schwierigster Jobs oft weiter, was wichtiger ist, als ein hipper, cooler Fotograf zu sein. Ich bin ein bisschen stolz darauf, mit den unterschiedlichsten Menschen zurechtzukommen – egal, ob es sich um einen Vorstandsvorsitzenden handelt oder um einen Pförtner. •
Das Gespräch führten Wolfgang Hess und Susanne Söhling-Lohnert





