Am 27. März 1964 kam es zu dem berüchtigten Karfreitagsbeben in Alaska, dem zweitstärksten je mit Instrumenten gemessenen Erdbeben überhaupt. Doch nur 125 Menschen kamen ums Leben. Warum verlief das damals so glimpflich, Frau Hellweg?
Alaska war damals viel menschenleerer. Deshalb gab es nicht so viele Tote. Bei einem Beben der Magnitude 9,2 kann man aber nicht von glimpflich sprechen, auch wenn die Zahl der Toten relativ niedrig ist. Das Beben hat spektakuläre Bodenbewegungen ausgelöst, teils von 20 Höhenmetern. Und der Tsunami danach richtete nicht nur in Alaska – etwa in Valdez – verheerende Schäden an, sondern auch weit entfernt, zum Beispiel im kalifornischen Crescent City, wo auch Menschen starben.
Können Alaska-Besucher die Folgen dieses Erdbebens heute noch beobachten?
Wir werden die Spuren des Bebens beispielsweise in Anchorage sehen, wo in ufernahen Bereichen der Boden plötzlich um fünf bis zehn Meter abgesackt ist. Wir be-suchen in der Innenstadt Gebiete, in denen man die Auswirkungen der damaligen Zerstörungen noch erkennen kann. Dass sich erneut Spannung aufbaut, kann man im Übrigen im Wattenmeer Alaskas eindrucksvoll beobachten. Einige Areale lagen nach dem Beben unter Wasser, haben sich aber wieder gehoben und sind jetzt mit Gras bewachsen.
Wer Alaska auf der Landkarte betrachtet, kommt zum Schluss: groß und dünn besiedelt – und ein bizarrer Küstenverlauf. Woraus resultiert der?
Die heutige Küste ist durch die Wechselwirkung von Plattentektonik und Gletschern geschnitzt worden. Weil die Pazifische Platte von Süden her unter Alaska abtaucht, hat sich ein Bogen von Vulkanen entwickelt, der von den Alëuten über die Katmai-Halbinsel bis ins Festland reicht und ständig neues Land schafft. Gleichzeitig erodieren die sich bis ins Meer erstreckenden Gletscher die Küstenlinie. Beides zusammen führt zu dem markanten Küstenverlauf.
Wie oft waren Sie beruflich in Alaska?
Schon mehrfach. Ich habe dort über Vulkane – etwa den Mount St. Augustine – sowie über Alaskas Erdbeben geforscht. Das letzte starke Beben mit einer Magnitude von 7,9 fand 2002 entlang der Denali-Verwerfung statt. Sie kreuzt eine Ölpipeline. Da man das wusste, hat man die Pipeline beweglich auf Schienen gelagert. Und tatsächlich: Die Vorrichtung hat die fünf Meter weite Verschiebung durch das Beben schadlos überstanden. Die Spuren des damaligen Bebens werden wir sehen.
Gibt es wichtige geophysikalische Erkenntnisse, die vor allem auf Arbeiten in Alaska beruhen?
Vom großen Beben 1964 hat man viel über „Subduk- tionsbeben” gelernt – darüber, wie sich die Spannungen auf- und abbauen im Erdbebenzyklus. Und man hat auch Wichtiges über Permafrost, die Ionosphäre und die Nordlichter herausgefunden.
Und wie sieht es mit Bodenschätzen aus?
Das Land ist groß, unzugänglich und liegt oft unter Schnee und Eis. Es sind bestimmt etliche Rohstofflagerstätten darunter verborgen.
Gibt es geothermische Nutzung?
In Chena Hotsprings, das wir besuchen, wird die geothermale Energie zur Stromerzeugung genutzt. Auch das dortige Eismuseum wird durch Geothermie gekühlt. Die Leistung insgesamt beträgt knapp ein Megawatt. Doch Chena Hotsprings ist die einzige Stelle Alaskas, wo Geothermie genutzt wird.
Ist Fracking in Alaska ein Thema?
Fracking ist überall dort ein Thema, wo Öl gefördert wird. Es wird seit 70 Jahren eingesetzt, um der sinkenden konventionellen Öl- und Gasproduktion entgegenzuwirken. Mittlerweile gibt es aber auch in den USA, speziell in Kalifornien, eine Anti-Fracking-Front, obwohl noch nie etwas vorgefallen ist.
Wie steht es um die umweltverträgliche Ausbeutung der Kohlenwasserstoffe?
Die Ölgesellschaften haben bei der Ausbeutung der Lagerstätten im Norden Alaskas versucht, die Umwelt möglichst nicht zu beeinträchtigen. Der Thermafrostboden konnte weitgehend erhalten werden. Bei der Ölförderung ist noch nie etwas Schlimmes passiert, wohl aber beim Öltransport – man denke nur an die Tankerhavarie von Exxon Valdez vor 26 Jahren.
Hat sich der strategische Wert von Alaska für die US-Regierung im Lauf der letzten Jahrzehnte verändert?
Nach dem Zerfall des Ostblocks – Alaska war ja an der Ostseite – hat der strategischen Wert abgenommen, obwohl die stärksten nordkoreanischen Raketen bis Alaska reichen sollen. Wirtschaftlich ist Alaskas Wert unverändert. Dass die USA jetzt mehr Erdöl produzieren als Saudi Arabien, liegt nicht daran, dass die Förderung in Alaska gestiegen ist.
Was fällt dem typischen US-Bürger zu Alaska ein?
Sarah Palin, die sich als Gouverneurin um die letzte US-Präsidentschaftskandidatur bemühte, Moskitos, leckerer Lachs – und Grizzlys.
Wagen Sie denn eine Wetterprognose für unsere Reise im August?
Ich gehe davon aus, dass das Wetter gut sein wird. Als wir im Mai 2014 dort waren, war es auch da schon herrlich. Wir konnten gemütlich draußen sitzen und Bier trinken. •
Die Fragen stellte Wolfgang Hess




