bild der wissenschaft: Sie haben mit Eric Wieschaus drei Jahre lang am Europäischen Labor für Molekularbiologie in Heidelberg zusammengearbeitet. Heraus sprang dabei unter anderem der Nobelpreis für Medizin, den Sie beide sowie Edward Lewis 1995 erhielten. Wie wirkte sich der Preis auf Sie aus, Frau Prof. Nüsslein-Volhard? Wie auf Ihren ehemaligen Kollegen?
Nüsslein-Volhard: Eric Wieschaus hat sich durch den Preis weniger von seiner wissenschaftlichen Arbeit ablenken lassen als ich. Möglicherweise gelang das ihm auch deshalb besser, weil ich als weibliche Nobelpreisträgerin in Deutschland eine Ausnahmeerscheinung bin. Ich konnte eben nicht einfach sagen: Nun lasst mich wieder in Frieden, ich mache weiter mit meiner Forschung, denn darin bin ich gut.
bdw: Dass Nobelpreise in die USA gehen, erlebt man jedes Jahr. Für Deutschland sind solche Auszeichnungen eher rar geworden. Klar, dass der Trubel hier zu Lande viel stärker ist.
Nüsslein-Volhard: Dennoch bin ich der Meinung, dass in den USA die Politik weit stärker auf das hört, was Nobelpreisträger zu sagen haben. Eric Wieschaus etwa ist von Präsident Bill Clinton zu einem Gespräch ins Weiße Haus eingeladen worden. Von mir wollten Politiker bis vor kurzem kaum etwas wissen. Einer der ersten Politiker, der sich für meine Meinung interessierte, war Bundespräsident Rau, der einen Referenten nach Tübingen schickte, mit dem ich ausführlich redete. Meine Berufung in den unlängst von Bundeskanzler Schröder ins Leben gerufenen Ethikrat ist ein weiteres Zeichen, dass mein Rat in der Politik gefragter wird.
bdw: Ist die Vergabepraxis des Nobelpreises noch zeitgemäß? Müsste man zum Beispiel nicht viel mehr interdisziplinäre Forschungsarbeiten auszeichnen?
Nüsslein-Volhard: Das Komitee orientiert sich doch ganz breit. Das sehen Sie an meinem Beispiel: Meine Forschung ist eine Kombination aus verschiedenen Disziplinen – Genetik, Biochemie und Embryologie –, und das wurde gewürdigt. Oder nehmen Sie Barbara McClintock, eine Pflanzengenetikerin, der der Nobelpreis für Medizin zugesprochen wurde. Jeder weiß, dass ich gerne Kritik übe. Aber ich muss sagen, dass ich noch nie auf die Idee gekommen bin, das Nobelpreiskomitee und seine Entscheidungen zu kritisieren. Ich bin nicht der Auffassung, dass man gut daran täte, weitere Gebiete zu benennen, für die auch ein Nobelpreis geschaffen werden müsste. Das Ganze ist ein Vermächtnis, und das sollte man so erhalten und pflegen, wie es Nobel wollte.
bdw: Dennoch kommt schon mal Kritik an den Entscheidungen auf, etwa beim Literaturnobelpreis im vergangenen Jahr.
Nüsslein-Volhard: Bei der Entscheidung für den Literaturnobelpreis spielt die Nationalität traditionsgemäß eine Rolle. Für die Vergabe der Preise in den naturwissenschaftlichen Fächern hingegen ist sie meines Erachtens nach irrelevant. Meine einzige Kritik wäre, dass der Preis manchmal zu spät verliehen wird. Wenn jemand den Preis im hohen Alter bekommt, ist das ja auch ein Eingeständnis, die Tragweite dieser Leistung erst spät erkannt zu haben. Andererseits ist es für den Wissenschaftler nicht schlecht, wenn er den Preis erst bekommt, nachdem er seinen wissenschaftlichen Zenit bereits etwas überschritten hat.
bdw: Wieso das?
Nüsslein-Volhard: Weil man sich anschließend nie wieder vollständig auf seine wissenschaftliche Arbeit konzentrieren kann. Ich beispielsweise musste mir anhören, dass ich jetzt ja schon alles erreicht habe, was man als Forscher erreichen könne, und dass es deshalb angebracht sei, wenn ich mich mehr als andere um organisatorische und Verwaltungsaufgaben kümmere.
Das zweite Problem ist, dass man mit seinen späteren Forschungsresultaten stets an der Nobelpreisarbeit gemessen wird und die Kollegen schon mal zu tuscheln beginnen: „Ach, die war ja früher auch mal besser.”
bdw: Kann man denn in reiferen Jahren wirklich noch etwas wissenschaftlich Grundlegendes auf die Beine stellen?
Nüsslein-Volhard: Mein Ehrgeiz ist schon, mich nicht auf dem Nobelpreis auszuruhen. Ich bin jetzt 58. Natürlich ist der Stil des wissenschaftlichen Arbeitens jetzt ganz anders als noch mit 38 oder 48. In meiner jetzigen Situation ist managen wichtiger, als selbst Experimente durchzuführen. Früher wollte ich überall selbst Hand anlegen und mich so weit wie möglich direkt um die Projekte kümmern. Heute besteht meine Tätigkeit vornehmlich in der Beratung und Ermunterung der jungen Wissenschaftler in meiner Gruppe, die in der Regel sehr selbstständig arbeiten. Die Arbeit in Gremien und Kommissionen, so notwendig sie ist, stellt allerdings eine erhebliche Belastung dar. Wichtig ist, dass man für junge Wissenschaftler gefragter Ansprechpartner bleibt. Ich kenne manchen 50-Jährigen, der sich unentbehrlich vorkommt, aber in Wahrheit von jüngeren Forschern kaum noch respektiert wird. Solange ich das Gefühl habe, dass meine Mitarbeiter mich noch als Diskussionspartner brauchen und schätzen, bin ich zufrieden. Wenn das einmal nicht mehr der Fall ist, trete ich ab.
bdw: Unter den 469 naturwissenschaftlichen Nobelpreisen gingen gerade 11 an Frauen, also lediglich etwa 2 Prozent.
Nüsslein-Volhard: Das ist interessant. Diese Zahl entspricht in etwa dem Prozentsatz weiblicher Direktoren in der Max-Planck-Gesellschaft.
bdw: Ist es nach wie vor so, dass Frauen in dieser traditionell männerlastigen Welt nichts werden können?
Nüsslein-Volhard: Leider haben Frauen es in der Regel immer noch etwas schwerer als Männer, in der Wissenschaft an die Spitze zu kommen. Das liegt größtenteils daran, dass sie im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen generell kritischer beurteilt werden. Außerdem wirkt die geringe Anzahl von Wissenschaftlerinnen in leitenden Positionen wohl auch nicht gerade ermutigend auf den weiblichen Nachwuchs. Andererseits werden Frauen, die sehr gut sind, heutzutage nicht mehr übersehen. Ein Problem sind die „nur” guten Wissenschaftlerinnen. Sie schneiden in der Konkurrenz mit männlichen Wissenschaftlern eher schlechter ab.
bdw: Nobelpreisträger – gleich ob Frauen oder Männer – genießen zeitlebens hohes öffentliches Ansehen. Wie gehen Sie damit um?
Nüsslein-Volhard: Einerseits erhält alles, was man sagt, mehr Gewicht. Dafür bin ich oft dankbar, denn es gibt mir die Möglichkeit, etwas zu bewegen. Andererseits wird auch alles, was man sagt, auf die Goldwaage gelegt. Ich hatte unmittelbar nach dem Preis das Problem, dass alles gleich so öffentlich war. Ich bin temperamentvoll, und mir rutscht auch mal was raus, was ich in dieser Schärfe nicht so meine. Es gab Tage, an denen ich mich an die ruhigere Zeit vor dem Preis zurückgesehnt habe und mich am liebsten versteckt hätte. Man bekommt so viele Einladungen, dass man die meisten ablehnen muss, und man wird mit Geschenken überschüttet, ohne noch die Zeit zu haben, sich angemessen für alles zu bedanken. Ich kann längst nicht mehr jedes Buch lesen, das mir dessen Autor zuschickt.
bdw: Ihre Reputation können Sie natürlich auch nutzen, um etwas durchzusetzen, von dem Sie überzeugt sind – etwa in der Max-Planck-Gesellschaft, in der Sie forschen. Was ist Ihnen wichtig?
Nüsslein-Volhard: Ich setze mich dafür ein, dass mehr Frauen in der Max-Planck-Gesellschaft auf leitende Positionen berufen werden. In der MPG bin ich eine Frau unter vielen Männern und relativ erfolgreich. Das ist oft nicht einfach, da ich häufig auch ein Objekt des Neides bin.
bdw: Woran merken Sie das?
Nüsslein-Volhard: Manche Kollegen gönnen mir keinen weiteren Erfolg mehr. Oder sie pochen darauf, dass ich auf keinen Fall mehr Forschungsmittel bekomme als sie. Das ist manchmal schon ein bisschen ärgerlich, hält mich aber nicht davon ab, meine Ziele weiter zu verfolgen. Ich finde es wichtig, das Bewusstsein für herausragende Wissenschaftlerinnen bei den Männern zu schärfen. Daran hapert es manchmal noch. Viele Wissenschaftler können oder wollen nicht erkennen, wenn sie Frauen diskriminierend behandeln.
bdw: Einen dicken Pflock eingeschlagen haben Sie noch nicht?
Nüsslein-Volhard: Das würde ich nicht so sehen. Als ich zu forschen begann, sagte mein Chef in einem Gespräch, Frauen könnten einfach keine gute Wissenschaft leisten. Zur Rede gestellt, meinte er, Frauen hätten durchaus spezielle Begabungen, aber die Wissenschaft gehöre nicht dazu. In dem Punkt habe ich schon einen Pflock eingeschlagen: Frauen können doch.
bdw: Wie bewerten Sie den Stellenwert der Wissenschaft in Deutschland?
Nüsslein-Volhard: Nicht nur in Deutschland, auch in anderen Ländern hat die Wissenschaft nicht mehr das hohe Ansehen zurückliegender Jahrzehnte. Was bei uns schlimm ist, ist das Unwissen und das mangelnde Interesse in der Bevölkerung, das oft mit einer ausgesprochen wissenschaftsfeindlichen Einstellung einhergeht. Auch die naturwissenschaftliche Bildung der Schüler ist katastrophal. Ich würde mir wünschen, dass mehr Wert auf einen guten modernen Schulunterricht in naturwissenschaftlichen Fächern gelegt wird und naturwissenschaftliches Wissen zur Allgemeinbildung zählt.
bdw: Haben Sie schon mal mit dem Gedanken gespielt, der Wissenschaft in Deutschland den Rücken zu kehren?
Nüsslein-Volhard: Nein, eigentlich nicht. Und da gibt es gleich mehrere Gründe. Ich lebe gerne in diesem Land und bin sehr gerne in Tübingen. Ein anderer Aspekt ist, dass ich hier eine sehr gute Position in einem Max-Planck-Institut habe, das sehr großzügig gefördert wird. Schließlich finde ich, dass die Wissenschaft hier zu Lande nicht so schlecht ist, wie manche ihr nachsagen. Die Studenten werden an den Universitäten immer noch hervorragend ausgebildet, und ich habe auch hervorragende deutsche Mitarbeiter in meiner Abteilung.
bdw: Wagen Sie zum Schluss noch eine Vorhersage, wer in diesem Jahr einen Nobelpreis bekommen könnte?
Nüsslein-Volhard: Lieber nicht.
bdw: Was ist mit dem Genom-Entschlüsseler Craig Venter?
Nüsslein-Volhard: Das würde mich sehr überraschen, denn bei der Entzifferung des menschlichen Genoms hat er sehr stark auf die Basisarbeit des internationalen Genom-Konsortiums zurückgegriffen.
Christiane Nüsslein-Volhard wurde am 20. Oktober 1942 in Magdeburg geboren. Bereits als Zwölfjährige war für sie klar, dass sie Naturwissenschaftlerin werden wollte. Den Nobelpreis bekam die seit vielen Jahren in Tübingen forschende Entwicklungsbiologin für Arbeiten an der Fruchtfliege Drosophila. Eine ihrer Entdeckungen ist, dass die Entwicklung von Zellen bereits festgelegt ist, wenn diese sich äußerlich noch gar nicht unterscheiden.
Wolfgang Hess





