„Hier ist der beste Platz für neue Ideen”, erklärt Shuji Nakamura und weist mit ausholendem Arm auf das Meer zu seinen Füßen. Er steht an der kalifornischen Steilküste in Santa Barbara. Vor ihm glitzert der Pazifische Ozean im Sonnenlicht, hinter ihm, eingebettet in Palmen, leuchten die Gebäude der Universität von Santa Barbara. Ein paradiesischer Ort – fast zu schön zum Studieren. Shuji Nakamura, 45 Jahre alt, zählt zur internationalen Forscherelite. In den neunziger Jahren hat der Elektroingenieur aus Japans Provinz für eine der größten Umwälzungen in der Halbleiterforschung gesorgt. Praktisch im Alleingang entwickelte er zunächst blaue, grüne und weiße Leuchtdioden, 1999 krönte er seine Arbeit mit der blauen Laserdiode. Damit düpierte der Industriemann eine ganze Reihe von Forschungsgruppen an Universitäten und in Firmen wie Sony, 3M oder Hewlett-Packard, die – personell und finanziell erheblich besser ausgestattet – ebenfalls dem blauen Licht nachjagten .
Fachleute schätzen, daß Nakamuras Arbeit in den kommenden Jahren die gesamte Beleuchtungstechnologie umwälzen wird. Manche sehen ein Marktpotential von 50 Milliarden Dollar. Seiner Firma Nichia Chemical brachte Nakamuras Arbeit einen immensen Aufschwung. Heute hält das mittelständische japanische Unternehmen die Spitzenstellung auf dem Leuchtdioden-Markt, abgesichert durch mehr als 80 Patente. Innerhalb weniger Jahre stieg die Zahl der Beschäftigten von 200 auf über 3000. Trotz dieser erfolgreichen Arbeit verließ Nakamura Ende 1999 nach 18 Jahren das Unternehmen und arbeitet seither als Professor an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara. Mit ihm haben seine Frau und seine drei Töchter Japan verlassen. Letztlich trieb ihn die fehlende Anerkennung seiner Leistung aus der Firma und aus dem Land. „Meine Position im Unternehmen und mein Gehalt änderten sich nicht, egal, wie gut meine Arbeit war”, erklärt Nakamura. Das sei typisch für Japan: Alle verdienten etwa gleich viel, unabhängig von der Leistung. „Es ist wie im Kommunismus”, sagt der Forscher und lacht: „Alle sind gleich.”
Zehn Universitäten und fünf namhafte Firmen aus den USA rissen sich um Nakamura. Auch die Universität Ulm hätte den Spitzenforscher gerne für sich gewonnen, mußte aber passen. „Als deutsche Universität können wir mit einer amerikanischen Hochschule nicht mithalten”, bedauert Prof. Karl Joachim Ebeling, Leiter des Bereichs Optoelektronik in Ulm. Zunächst liebäugelte Nakamura mit einer US-Firma, die ihn mit einem Jahresgehalt von mehreren Millionen Dollar sowie mit Aktienoptionen lockte. Doch dort hätte er weiter auf demselben Gebiet wie bei Nichia arbeiten müssen. Das wäre nicht ohne juristische Folgen geblieben. So akzeptierte Nakamura das Angebot der Universität von Santa Barbara. Er ist ohnehin überzeugt, daß die amerikanischen Universitäten die besten der Welt sind: „Hierher kommen die besten Forscher aus allen Teilen der Erde”, sagt er. In Japan hat er nie ein Angebot erhalten. Es sei unjapanisch, daß ein Unternehmen Forscher einer anderen Firma abwerbe. Und eine Professur an einer japanischen Universität hätte er nie angenommen. „Japanische Universitäten sind schrecklich”, sagt Nakamura und zählt die Gründe auf: „Es gibt kaum Forschungsgelder, ein niedriges Gehalt, keine Freiheit in der Forschung und überall Bürokratie, die selbst den Kauf von Bleistiften regelt.”
Nakamura bedauert es nicht, Japan verlassen zu haben – auch seine drei Töchter nicht, die ihn mit allen Mitteln bestärkt hatten, in die USA zu gehen. In ein paar Jahren, wenn er gelernt habe, wie das amerikanische System funktioniert, werde er wohl ein eigenes Unternehmen aufbauen, sagt er. Shuji Nakamuras Geschichte ist beispielhaft für die Attraktivität, die amerikanische Universitäten und Industrielabors auf exzellente Wissenschaftler und Ingenieure aus aller Welt ausüben. Deutschland tut sich da erheblich schwerer – wie die langwierige Debatte um die Greencard und die „Computer-Inder” gezeigt hat. Nur zögernd läßt man in Deutschland die „fremden” Forscher herein, und ebenso zögernd kommen sie. (Lesen Sie dazu auch das anschließende Interview mit Frank L. Douglas). Die Vereinigten Staaten haben da wenig Skrupel. Wer gebraucht wird, kann kommen – und bleiben. Eine große Zahl indischer Informatiker arbeitet seit Jahrzehnten in der Software-Industrie des Silicon Valley. Und wer genau hinschaut, wird in nahezu allen Bereichen Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker finden, deren Wiege nicht im Land der unbegrenzten Möglichkeiten stand.
Ein prächtiges Beispiel dafür ist das Burnham Institute im kalifornischen San Diego – ein junges, äußerst erfolgreiches Krebsforschungszentrum. Der Direktor, Erkki Ruoslahti, stammt aus Finnland; von etwa 400 Wissenschaftlern, die am Institut arbeiten, kommen mehr als 60 Prozent aus dem Ausland: Man trifft dort viele Japaner und Chinesen, dazu Forscher aus Finnland und Schweden. Ein paar deutsche, englische und italienische Wissenschaftler sind ebenso da wie Forscher aus Australien, Argentinien, Brasilien, Rußland und Kanada. Das Klima am Burnham Institute ist multikulturell und wohl deshalb so kreativ. Galt Amerika früher als Zuflucht der „Mühseligen und Beladenen” dieser Welt, so wählt das Land nun sorgsam aus. 1990 ergänzte die US-Regierung das Einwanderungsgesetz um einen Zusatz, der die Türen vor allem für qualifizierte und ausgebildete Einwanderer öffnete. Der Verfasser des Editorials in der Zeitschrift USA Today vom 3. Juli 1995, dem Vorabend des Unabhängigkeitstages, brachte diese Politik auf den Punkt: „Wir nehmen die Besten, die die Welt bietet.” Selbst eine teilweise Aussetzung dieses „Brain Gains” würde den USA mehr schaden als nützen. Das belegt eine Studie der Washingtoner Brookings Institution: In den Jahren von 1950 bis 1970, so errechneten deren Autoren, hätten Einwanderer „ menschliches Kapital” – Ausbildung und Wissen – in Höhe von acht Milliarden Dollar jährlich nach Amerika gebracht.
Jüngere Untersuchungen bestätigen diesen Trend. So stellte die National Science Foundation (NSF) vor drei Jahren fest, daß ausländische Wissenschaftler und Ingenieure einen wichtigen Beitrag zur „Brain Power” der Vereinigten Staaten leisteten. Besonders groß sei ihr Anteil bei den Hochqualifizierten: Fast ein Drittel der promovierten Forscher, die im Jahr 1993 in der amerikanischen Forschung arbeiteten, stammten aus dem Ausland. Eine wichtige Rolle spielt dabei die große Anziehungskraft, die amerikanische Universitäten auf ausländische Studenten ausüben. Die Zahlen in der NSF-Studie sprechen für sich: 420000 Studenten machten 1995 ihren Abschluß als Natur- oder Ingenieurwissenschaftler. Rund 100000 davon stammten aus dem Ausland. Auch hier kommen offenbar wieder vor allem die besonders Tüchtigen: 39 Prozent der Doktorhüte, die 1995 in den naturwissenschaftlichen Fächern verliehen wurden, gingen an ausländische Studenten. In den Fächern Mathematik und Informatik waren es rund die Hälfte, bei den Ingenieuren 58 Prozent.
David Goodstein, Professor für Physik am renommierten California Institute of Technology in Pasadena, sieht eine einmalige historische Situation: „Amerikanische Universitäten sind in der wissenschaftlichen Ausbildung und Forschung weltweit führend”, stellt er fest. „Überall auf der Welt ist es für ehrgeizige junge Wissenschaftler heute notwendig, den Doktor in den USA zu machen oder mindestens ein Jahr hier zu studieren. Mittlerweile hat Amerika für den Rest der Welt die Rolle, die einstmals Europa für amerikanische Studenten spielte, oder Griechenland für Rom.” Nahezu unbemerkt hätten ausländische Studenten im Verlauf der letzten 20 Jahre die fehlenden amerikanischen Studenten ersetzt. Ein großer Teil der ausländischen Studenten, die ihren Abschluß an einer amerikanischen Universität machen, bleibt danach dauerhaft im Gastland – anders als in Deutschland. Prof. Rüdiger Wolfrum, Direktor am Max-Planck-Institut für Ausländisches Recht und Völkerrecht in Heidelberg, sieht als einen Grund für den Mangel an Fachleuten bei uns, daß „die ausländischen Absolventen aufgrund des Ausländerrechts grundsätzlich gezwungen würden, nach Abschluß ihrer Studien Deutschland wieder zu verlassen – gleichgültig, ob für sie ein Arbeitsplatz zur Verfügung steht oder nicht”.
Die amerikanischen Vorschriften sind da viel durchlässiger. Zwar haben ausländische Studenten in der Regel ein Visum, das sie nach Abschluß des Studiums zur Rückkehr in das Heimatland zwingt. Doch es gibt eine offene Hintertür: Den Absolventen wird erlaubt, eine 18monatige praktische Ausbildung zu absolvieren. Das nutzen viele, um eine permanente Aufenthaltserlaubnis zu erlangen. In der Regel gelingt das, wenn sie – mit Hilfe eines zufriedenen Arbeitgebers – nachweisen können, daß ihr Wissen und Talent gebraucht werden. Nach weiteren fünf Jahren können sie die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragen. So halten die US-Behörden viele tüchtige Wissenschaftler und Ingenieure, die sich als nützlich erwiesen haben, im Land.
Goodstein weist auf ein aufschlußreiches Paradox in den USA hin. Einerseits besitze das Land die besten Wissenschaftler der Welt. Andererseits schnitten die Schüler amerikanischer Schulen unter allen Industrienationen bei den naturwissenschaftlichen Fächern am schlechtesten ab. Goodstein fragt: „Wie kann unser miserables Bildungssystem eine derart glänzende Gemeinschaft von Wissenschaftlern hervorbringen?” Die Antwort ist für ihn offensichtlich: Zum Teil werde dieser Mangel durch den stetigen Zufluß ausländischer Wissens-arbeiter kompensiert. Durch ein schlechtes Schulsystem, so die ketzerische Folgerung des Physik-Professors, nimmt ein Land keinen Schaden, wenn es genügend „Infusionen” von außen erhält.
Richtig kräftig wurde der Zustrom von außen ab dem Ende der sechziger Jahre. Zu dieser Zeit begann die Zahl der Einwanderer aus Asien die der Zuwanderer aus Europa zu übersteigen – ein Trend, der sich bis heute fortsetzt. Ein Grund dafür ist, daß die sich entwickelnde Welt heute die Mehrzahl aller Hochschulabsolventen stellt. „Länder wie Korea, China, Mexiko und Indien bilden mehr Wissenschaftler und Ingenieure aus als die führenden OECD-Staaten”, schrieb die Economic Times bereits 1995. „Indien zum Beispiel verfügt über 50 Prozent mehr Informatiker als Japan und mehr als doppelt so viele wie Deutschland.” Eine wichtige Quelle sind zum Beispiel Indiens Technologie-Institute (IIT). Die ersten Institute rief Indiens damaliger Ministerpräsident Jawaharlal Nehru in den sechziger Jahren ins Leben. Heute bewerben sich jährlich 120000 Kandidaten um die etwa 4000 Studienplätze an den sechs Instituten. Etwa ein Viertel der Absolventen verläßt nach Abschluß des Studiums das Land und geht ins Ausland – zu etwa 90 Prozent in die Vereinigten Staaten.
Auch bei der Zahl ausländischer Studenten an amerikanischen Universitäten hat der pazifische Raum den alten Kontinent längst abgehängt. So studierten 1996 insgesamt etwa 170000 japanische, chinesische, koreanische und indische Studenten an amerikanischen Hochschulen, verglichen mit 23000 Studierenden aus Deutschland und Frankreich. Vor allem chinesische und indische Studenten bleiben in den USA, während der größte Teil der koreanischen, taiwanesischen und japanischen Studenten nach dem Abschluß in die Heimat zurückkehrt.
Mittlerweile sind Wissenschaftler und Ingenieure, die aus dem asiatisch-pazifischen Raum stammen, aus dem amerikanischen Wirtschaftsleben und der Forschung kaum mehr wegzudenken. Die Overseas Chinese Physics Association (OCPA), mit Sitz im Staat New York, etwa hält sie für das „Rückgrat des amerikanischen High-Tech-Sektors” und schätzt, daß sie ein Drittel des technisch-wissenschaftlichen Personals im Silicon Valley ausmachen. Dr. Cheuk-Yin Wong, der Vorsitzende der OCPA, hat die renommierte Universität von Princeton absolviert und arbeitet seit 1966 am Nationalen Forschungsinstitut von Oak Ridge. Chinesisch-amerikanische Wissenschaftler, berichtet er, machen acht Prozent der wissenschaftlich-technischen Arbeitskräfte in den Vereinigten Staaten aus. Fünf Nobelpreise für Physik und einer für Chemie gingen auf ihr Konto, ebenso wie ein Viertel aller Doktortitel in den Natur- und Ingenieurwissenschaften, die in den USA in den letzten Jahren verliehen wurden. Nicht zuletzt seien 20 Prozent der Firmen im boomenden Silicon Valley von chinesisch-stämmigen Geschäftsführern gegründet worden.
Was aber passiert in den Ursprungsländern der ausländischen Wissenschaftler und Ingenieure? Wie schädlich wirkt sich hier der Verlust an fähigen Wissensarbeitern aus? Während mancher euro-päische Politiker negative Folgen durch den „Brain Drain” befürchtet, sieht der indische Professor Narayana Murthy vom ITT in Mumbai die Abwanderung eher positiv. „Indien ist dabei, sich global zu orientieren”, sagt er. „Wenn unsere Jungs sich in anderen Ländern behaupten können, dann heißt das für uns, daß wir in der Lage sind, es mit jedem in der Welt aufzunehmen.” Binod Khadria, Professor für Ökonomie an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu-Delhi und international anerkannter Experte auf dem Gebiet des „Brain Drain” hat die Migration indischer Wissensarbeiter über Jahrzehnte detailliert untersucht. Auch er sieht eher die positiven Seiten. So könnte ein „Brain-Export” die Beschäftigungssituation im Heimatland stabilisieren – etwa, wenn ein Land zu viele Ingenieure ausbildet und ihnen keine Beschäftigung bieten kann.
Teilweise wird der Verlust an hochqualifizierten Wissensarbeitern auch durch den Transfer von Geld an Familien und Verwandte im Heimatland kompensiert. Das schätzen mittlerweile auch die indischen ITTs, denen erhebliche Spenden ihrer Absolventen zufließen. Der wichtigste Vorteil aber liegt wohl in der „Brain-Zirkulation”. Wissenschaftler, die ins Ausland gehen, werden Teil eines umfassenden Netzes und helfen so, in den Heimatländern wissenschaftliche Informationen zu verbreiten und eine wissenschaftliche Infrastruktur aufzubauen. Die Volksrepublik China nutzt seit einigen Jahren dieses Netz, um Wissenschaft und Forschung des Landes auf ein neues Niveau zu heben. Eine Reihe von Wissenschaftlern sind bereits zurückgekehrt, vor allem aus den Vereinigten Staaten, und haben führende Positionen in chinesischen Hochschulen eingenommen (siehe bild der wissenschaft 6/1997, „Startrampe für Beijings Forschung”). Ein Blick in das Fakultätsverzeichnis der Hongkong University for Science and Technology macht das deutlich: In manchen Fakultäten ist kaum ein Wissenschaftler zu finden, der nicht in den USA geforscht oder zumindest dort studiert hat.
Dennoch – viele ziehen es vor, die Vereinigten Staaten nicht wieder zu verlassen. „Die Chancen, die sich an den amerikanischen Universitäten bieten, und die dort herrschende Freiheit sind die wichtigsten Gründe, warum viele von uns nach dem Studium in den USA bleiben”, erklärt Tu-Nang Chang, Physik-Professor in Los Angeles und seit über 30 Jahren in den Vereinigten Staaten. Auch Shuji Nakamura hat nicht vor, jemals wieder in sein Heimatland zurückzukehren. „Ich bin hierher gekommen, um den amerikanischen Traum zu verwirklichen”, erklärt er, „also großen Erfolg, hohes Einkommen – solche Dinge eben.”
Kompakt Seit Jahrzehnten ziehen die USA wie ein Magnet besonders talentierte ausländische Studenten, Wissenschaftler und Ingenieure an. Wer gebraucht wird, kann auf Dauer bleiben – und zum technologischen und wissenschaftlichen Vorsprung Amerikas beitragen. Ob der „Brain Drain” in die Vereinigten Staaten den Herkunftsländern der Forscher mehr nützt oder mehr schadet, ist umstritten. Bdw community INTERNET Indian Institute of Technology (IIT), Bombay, mit Links zu den anderen fünf IITs (unter „Links”) www.iitb.ernet.in
Bericht über den „Brain Drain” aus Indien in CNN Online (auf Englisch) www-cgi.cnn.com/2000/TECH/ computing/08/25/brain.drain
Beitrag über die Abwanderung von Wissenschaftlern aus Europa in FTE info europa.eu.int/comm/research/rtdinfo/de/25/10.html
Interview mit Prof. Shuji Nakamura in Scientific American www.sciam.com/interview/2000/070500nakamura
Alle Nobelpreisträger mit Biographien www.nobel.se
Allgemeine Infos zum Studieren und Forschen im Ausland gibt es beim Deutschen Akademischen Austauschdienst www.daad.de
Infos zur Ausbildungsförderung im Ausland bietet das Deutsche Studentenwerk www.studentenwerke.de/interna/bafausl.htm
Heinz Horeis




