Harte Sätze gleicht er durch einen besonders verbindlichen Tonfall aus. Lächelnd, gern mit erhobenem Zeigefinger, sitzt der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) seinem Gesprächspartner gegenüber und sagt ihm die Dinge direkt ins Gesicht. Er wickelt ihn ein durch sanfte Töne, mit langen, pastoralen Sätzen und tausend Marginalien, Wenns und Abers. Wer da noch Kontra bietet, dessen Wut muß wirklich groß sein.
In den letzten Monaten hat Prof. Hubert Markl, der nun seit einem Jahr die ebenso elitäre wie mächtige Wissenschaftsorganisation leitet, diese Taktik wohl häufiger anwenden müssen, als ihm lieb war. War er doch gezwungen, die Schließung dreier Institute durchzusetzen. Die Sparmaßnahmen, von der öffentlichen Hand verordnet, ließen keine andere Wahl. So gab der Präsident im März 1997 bekannt, daß der Senat der MPG beschlossen habe, das Max-Planck-Institut (MPI) für Biologie in Tübingen und das MPI für Verhaltensphysiologie in Seewiesen zu schließen sowie das MPI für Aeronomie in Katlenburg-Lindau zu halbieren. Das weltweit renommierte MPI für Geschichte in Göttingen entkam der Schließung nur, weil andere geisteswissenschaftliche Institute Kompensationen angeboten hatten. Insgesamt werden so und durch Kürzungen in zehn weiteren Instituten bis zum Jahr 2007 rund 510 Stellen eingespart.
Ein schlechter Einstand für einen neuen Präsidenten. Zumal für einen, der als erster von außen kommt. Alle Vorgänger Markls nach dem Krieg – unter ihnen so berühmte Männer wie die Nobelpreisträger Otto Hahn oder Adolf Butenandt – sind aus dem illustren Kreis der “Wissenschaftlichen Mitglieder” der Gesellschaft hervorgegangen. Nun war die Wahl auf einen Außenstehenden gefallen: einen 58jährigen Biologieprofessor von der Universität Konstanz, der sich in seinem wissenschaftlichen Leben vor allem mit Verhaltensforschung und Evolutionsbiologie beschäftigt hatte.
Die Satzung schreibt nicht vor, erläutert Markl, daß “der Präsident der MPG Mitglied der Gesellschaft sein muß. Sondern es muß jemand sein, der die Fähigkeiten mitbringt, dieses Amt auszufüllen, egal, was er bisher getan hat.” Der gekürte Präsident kann sich allerdings gut vorstellen, daß es etwas schockierend für die Gesellschaft war, ausgerechnet jetzt ein Nichtmitglied an die Spitze zu wählen.
Mit “ausgerechnet jetzt” meint Markl eine Zeit, die auch für die MPG von Umbrüchen gekennzeichnet ist, im Positiven wie im Negativen. Negativ durch die Einschränkung der Mittel, positiv durch die Möglichkeit, in den östlichen Bundesländern neue Institute zu gründen. “Mein Vorgänger konnte für einen großen Landesteil die Besiedelung mit Max-Planck-Instituten in die Wege leiten”, resumiert Markl – und zieht einen Vergleich zu seinem geliebten Tierreich: “Seltsamerweise ist dieser große Aufbruch der Öffentlichkeit kaum bewußt geworden. Das liegt wohl daran, daß der Gründungsprozeß in der MPG wie eine Geburt bei Elefanten ist: Die haben eine relativ lange Tragzeit, aber dann wird ein ziemlich fertiger Elefant geboren.”
Zu den jungen “Elefanten”, für die Markl nun selbst Geburtshelfer spielen darf, gehören Neugründungen wie das MPI für molekulare Zellbiologie und Genetik in Dresden oder Leipzig, das MPI für evolutionäre Anthropologie, das in Rostock oder Halle/Leipzig residieren wird, das MPI für Mikrostrukturphysik in Halle und das MPI für Gravitationsphysik in Potsdam.
Der Präsident der MPG amtiert in der Münchner Residenz in den Räumen, in denen früher der bayerische König Hof hielt. Vom Hauch der Geschichte läßt sich Hubert Markl jedoch nicht anwehen. Er macht sich nichts aus Ehren und Titeln, und man würde es ihm fast glauben, strotzte nicht seine Biographie geradezu von derartigen Insignien: Ehrendoktor der Universität des Saarlandes, Großes Bundesverdienstkreuz, Verdienstkreuz mit Stern der Republik Polen, auswärtiges Ehrenmitglied der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften, Mitglied der Leopoldina, Mitglied der Academie Europaea … – eine schier endlose Reihung. Trotzdem darf man ihn mit “Herr Markl” ansprechen, und seine Eitelkeit geht nicht einmal so weit, daß er in seinem Präsidentenbüro neue Bilder aufhängen läßt, obwohl ihm die alten nicht gefallen. Ein unprätentiöser Mensch, der jedem freundlich gegenübertritt.
Dazu ein guter Mensch, der vor allem Ungerechtigkeiten nicht ausstehen kann: “Wenn ich erlebe, daß jemand Menschen, die ihm untergeordnet sind, schlecht behandelt, da kann ich sehr ausfällig werden. Auch wenn sich Leute gegenüber Dritten, vor allem, wenn diese niedere Dienste leisten, arrogant, unverschämt oder rücksichtslos benehmen, kann ich sehr grob werden. Ansonsten bin ich eher ein milder Mensch”, so beschreibt Markl sich selbst.
Ein perfekter Mensch, so scheint es, ein Mensch ohne Ecken und Kanten. Ein Gutteil Show ist natürlich mit dabei. Hubert Markl versteht es, mit Menschen umzugehen. Wenigstens, solange sie gut funktionieren. Doch seine Mitarbeiter fürchten seine Ungeduld. Wenn nicht alles nach seinen Wünschen läuft, wird er laut. Aber sonst macht er immer eine gute Figur: Ob als charmanter Plauderer, als machtbewußter Chef der selbstbewußten Max-Planck-Gesellschaft oder als intellektueller Gesprächspartner für Politiker und Firmenchefs. Und er genießt seinen Einfluß.
Trotzdem war ihm, dem stets Lockeren, eine gewisse Angespanntheit anzumerken, als es darum ging, seine Vorstellungen zur Schließung der Institute gegen viele Widerstände durchzusetzen. Er hatte sich sein Vorgehen gut überlegt: Nach Beratungen mit den drei Vizepräsidenten wählte er aufgrund eigener Überlegungen zunächst vier Institute aus, deren Schließung er für am ehesten verantwortbar hielt. Erst als diese relativ einsame Entscheidung gefallen war, informierte er die Betroffenen.
“Wenn ich die ganze MPG beteiligt hätte, dann hätte jedes Institut die gesamte Fachgemeinschaft zu seinen Gunsten mobilisiert. 50 Institute hätten schriftliche Stellungnahmen von allen Seiten beigebracht. Die gesamte MPG wäre in einen länger als ein Jahr dauernden Diskussionsprozeß gestürzt worden, bei dem doch nur herausgekommen wäre, daß alle Institute unverzichtbar sind.” Das hätte die Entscheidung gelähmt. Markl nennt noch einen zweiten Grund, die Betroffenen nicht direkt einzubeziehen: “Ich hätte denen etwas Unmenschliches zugemutet, nämlich, daß sie gleichsam der Beendigung ihrer Lebensarbeit hätten zustimmen müssen.” Der Sturm der Entrüstung brach dennoch gewaltig los, als seine Vorschläge bekannt wurden. In- und ausländische Fachkollegen, Politiker aller Couleur, Presse und Fernsehen überboten sich in ihrer Kritik an der Entscheidung des Präsidenten. Protestbriefe kamen aus Australien, den USA und Japan.
Trotzdem schlossen sich die Sektionen der MPG im Februar 1997 mit einer Ausnahme Markls Beschlüssen an: Lediglich die Schließung des MPI für Geschichte wurde abgelehnt, dafür schlug die geisteswissenschaftliche Sektion alternative Einsparungen vor. “Ich wollte bewußt alle Speere auf mich ziehen und damit einen Kampf aller gegen alle vermeiden”, kommentiert der Präsident die für ihn sicher unangenehme Zeit.
Daß Hubert Markl diese Phase ohne Beschädigung seiner Stellung und seiner Person durchhielt, weist ihn als selbstbewußten und im Umgang mit der Macht geschickten Mann aus. Die Macht, die ein Max-Planck-Präsident hat, ist zwar satzungsgemäß gegeben. Aber wenn die Beschlüsse des Senats nicht auch bei der Mehrzahl der Mitglieder Zustimmung finden, dann zerschellt diese Macht an einer Mauer der Verweigerung. Heute konstatiert der Präsident mit einer gewissen Befriedigung: “Wenn ich es im Gesamten rückblickend betrachte, muß ich sagen, daß ich bei allen von mir ursprünglich vorgeschlagenen Maßnahmen, auch wenn manche jetzt modifiziert wurden, nach wie vor der Ansicht bin, daß ich sie vertreten kann.”
Während der kontroversen Diskussionen fragte sich manch einer, ob es nicht doch besser gewesen wäre, einen Insider aus der MPG zum Präsidenten zu machen. Aber Markl hat durch sein geschicktes Taktieren und seine Überredungsgabe überzeugt. Dabei kam ihm zugute, daß er im Wissenschafts- Management ein alter Hase ist. Von 1986 bis 1991, leitete er als Präsident die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), zugleich war er Vizepräsident der Humboldt-Stiftung. Von 1993 bis 1995 mühte er sich als Präsident, die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften aufzubauen. Gleichzeitig versuchte er, an seiner Heimatuniversität Konstanz wieder den Anschluß an Forschung und Lehre zu finden.
In einem sich schnell entwickelnden Fach wie der Biologie ist es kein leichtes Unterfangen, sich nach sechs Jahren erneut in die Spitze der Forscher einzureihen. Frühere Kollegen glauben, Markl habe nie so ganz zurückgefunden in die Niederungen des Experiments. Mehr oder weniger zähneknirschend mußte er dies schließlich akzeptieren. Vielleicht kam es ihm deshalb gelegen, daß er als Rektor für die Universität Konstanz vorgeschlagen wurde.
“Ich habe mich so lange mit der Selbstverwaltung von Wissenschaft und Forschung befaßt, daß ich lügen müßte, wenn ich sagen würde, der Weggang von der Forschung hätte den größten Abschiedsschmerz verursacht”, gibt er heute zu. Er stürzte sich mit viel Elan in den Wahlkampf.
Teilnehmern ist die Veranstaltung noch heute unvergeßlich, als er im Audimax vor rund 1500 Zuhörern seine Visionen für die “Uni 2000” vortrug. Er galt als Aushängeschild der Konstanzer Hochschule.
Um so enttäuschter waren seine Mitstreiter, als er Mitte 1995 das Rektorenamt zurückgab, ohne es überhaupt erst angetreten zu haben. Vorzeitig hatte man ihm aus München signalisiert, daß man ihn als Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft ausersehen habe. Und so wollte er seiner Universität die Chance geben, rechtzeitig einen neuen Rektor zu wählen.
Konstanz ist trotzdem bis heute der Lebensmittelpunkt Markls geblieben. Seine Frau lebt und arbeitet dort als Gymnasiallehrerin, und er selbst antwortete im Fragebogen der FAZ auf die Frage: Wo möchten Sie leben? mit “In Konstanz, nahe am See, nicht weit von den Bergen.” Eine gewisse Wehmut befällt ihn, wenn er an seine Zeiten als Hochschullehrer denkt: “Daß ich den direkten Kontakt mit den Studenten aufgeben mußte, die Vorlesungen, Kurse, Seminare, das tägliche Zusammensein mit Diplomanden und Doktoranden, wo man Tag für Tag hört, was passiert, das fiel mir schwer.”
Hochschullehrer, das war es, was er sich als Lebensberuf ausgesucht hatte. Manchmal, wenn er zu Semesterbeginn an die Universität kommt, um die Post abzuholen, und mit seinen Leuten redet, stößt ihm das besonders auf.
Wenn Hubert Markl die sechs Jahre seiner ersten Amtszeit bei der MPG hinter sich hat, wird er 64 Jahre alt sein. Er kann noch einmal wiedergewählt werden oder sich zurückziehen, Bücher schreiben und den Blick auf den Bodensee genießen.
Brigitte Röthlein





