Wie stark belasten Kriegserlebnisse? Der Psychologe Elmar Brähler hat bei zwei Studien Erstaunliches herausgefunden.
bild der wissenschaft: Herr Professor Brähler, Sie haben festgestellt, dass deutsche Soldaten nach ihrer Rückkehr aus Afghanistan weniger unter Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) leiden als die Normalbevölkerung. Wie erklären Sie sich das?
BRÄHLER: Da gibt es mehrere Möglichkeiten. Es könnte sein, dass Soldaten, die als Freiwillige nach Afghanistan gehen, sehr widerstandsfähig sind. Zum Glück passiert unseren Soldaten dort aber auch nicht viel. Man muss allerdings auch bedenken, dass es eine freiwillige Befragung war und wir nicht wissen, wer sich daran beteiligt hat. Vielleicht haben gerade die Betroffenen nicht mitgemacht.
bdw: Könnte man aus der Befragung auch schließen, dass die menschliche Psyche stabiler ist als bisher gedacht?
BRÄHLER: Es gibt zwar Menschen, die sehr stabil sind. Wir wissen aber von den beiden Weltkriegen, dass es damals viele sogenannte Kriegszitterer gab. Vom Schrecken gepeinigt fingen sie unvermittelt an zu zittern. Besonders deutlich sind heute die Folgen des Vietnamkriegs und der beiden Irakkriege. In den USA gibt es erhebliche Probleme mit den Folgebelastungen der Veteranen.
bdw: An welchen Symptomen leiden die Soldaten und andere traumatisierte Menschen?
BRÄHLER: Die PTBS wurde erst Ende der Siebzigerjahre anerkannt. Vorher hat man das Krankheitsbild abgewertet. Der Störung muss eine Bedrohung von katastrophenartigem Ausmaß vorausgegangen sein, die mit Todesangst verbunden war. Dieses Ereignis kommt in belastenden Erinnerungen immer wieder. Kriegsveteranen denken zum Beispiel, sie sind wieder mitten im Geschehen, sobald sie eine Sirene hören. Es gibt auch ein Vermeidungsverhalten: Man verdrängt Gedanken und Gefühle, umgeht bestimmte Orte und ist unfähig, sich an Details des Geschehens zu erinnern. Außerdem leiden die Menschen oft unter Depressionen und sind nicht mehr an Aktivitäten interessiert. Manche haben auch eine ständig erhöhte Erregung, können deshalb nicht ein- oder durchschlafen, erschrecken oft und können sich schlecht konzentrieren. Nach der offiziellen Definition müssen die Symptome länger als einen Monat anhalten.
bdw: Kann die Reaktion auch lange nach dem Ereignis einsetzen?
BRÄHLER: Das wird immer wieder berichtet – zum Beispiel von einem Schaffner, dem jemand vor die Straßenbahn gelaufen war. Er hat noch drei Jahre weitergearbeitet, bis ihn das Erlebnis einholte. Bei ihm hat die Kraft nicht gereicht, das Trauma zu verarbeiten. Zu einer solchen späten Reaktion kommt es vor allem, wenn sich Lebensverhältnisse ändern, also etwa wenn jemand in den Ruhestand geht. Es gibt auch überraschende Reaktionen bei beginnender Demenz im Alter, die zum Teil mit Kontrollverlust einhergeht: Da werfen sich Menschen plötzlich unters Bett – ein reaktivierter Schutzmechanismus.
bdw: Eine Zwillingsstudie mit Vietnamsoldaten hat ergeben, dass die Raucher unter ihnen doppelt so häufig an einer PTBS erkrankt sind. Was steckt dahinter?
BRÄHLER: Es gibt die These, dass durch das Rauchen ein bestimmter Informationstransfer im Gehirn vorbereitet wird, und die PTBS dort auf fruchtbaren Boden fällt. Allerdings weiß man nicht, was Henne und was Ei ist, ob also die PTBS nicht vielleicht zum Rauchen geführt hat.
bdw: Was weiß man über andere Risikofaktoren?
BRÄHLER: Es ist möglich, dass eine Scheidung nach einem Kampfeinsatz das Trauma verstärkt. Problematisch scheint es auch zu sein, wenn jemand aus instabilen Familienverhältnissen kommt, von den Eltern nicht pfleglich behandelt wurde oder schon vor dem Einsatz depressiv war. Als Schutzfaktoren können deshalb ein gutes Verhältnis zu den Eltern und eine gute Kindheit gelten.
bdw: Kann man sich aktiv vor einer PTBS schützen – etwa durch mentales Training?
BRÄHLER: Das glaube ich nicht, denn Reaktionen wie Schlaflosigkeit sind Schutzmechanismen, um hinterher weitere Gefährdungen zu vermeiden. Was noch dagegen spricht, ist die Tatsache, dass selbst manche hartgesottenen US-Soldaten, die in ihrer Ausbildung geschliffen wurden, hilflos werden wie kleine Kinder.
bdw: Was halten Sie von einer speziellen Therapie für traumatisierte Soldaten?
BRÄHLER: Es gibt verschiedene Therapien. Aber eine automatisierte Methode, bei der Soldaten in ein Therapieprogramm wie in eine Maschine gesteckt werden und geheilt wieder herauskommen, existiert nicht.
bdw: Sie haben die erste repräsentative Erhebung zu PTBS in Deutschland gemacht. Was ist die Haupterkenntnis?
BRÄHLER: In der älteren Generation leiden sehr viele Menschen an einer PTBS – und das nicht etwa deshalb, weil sie eine längere Lebenszeit hinter sich haben, sondern vor allem wegen der Ereignisse im Zweiten Weltkrieg. Vielen haben Traumata erlitten, von Kampfhandlungen über Ausbombung bis zur Vertreibung. Fast zwei Drittel der über 70-Jährigen haben mindestens ein kriegsbedingtes Trauma erlebt, und von denen haben etliche eine PTBS entwickelt. Das zeigt sich vor allem im Vergleich mit der Schweiz: Da gibt es dieses Altersgefälle nicht. Erfreulich ist: Im Vergleich mit den USA liegen unsere Zahlen bei den jüngeren Generationen deutlich niedriger. In Amerika gibt es viel mehr Gewalt und Naturkatastrophen, aber auch mehr Kriegsbeteiligung. Das ist für die Opfer von Vergewaltigungen oder Misshandlungen in Deutschland natürlich kein Trost.
bdw: Kann man bei den Traumatisierten aus dem Zweiten Weltkrieg anhand der Art ihres Leidens unterscheiden, ob es Soldaten, KZ-Häftlinge oder andere Zivilisten waren?
BRÄHLER: Eine solche Trennung ist sehr schwierig. Wir haben bei der Erhebung zumindest keinen großen Geschlechtsunterschied festgestellt. Im Übrigen haben auch viele Täter ein Trauma – was völlig normal ist.
bdw: Kann man Menschen therapieren, die schon jahrzehntelang unter einem Trauma leiden?
BRÄHLER: Es ist nicht sinnvoll, Vorsorgeuntersuchungen zu machen, um Ältere einer Behandlung zuzuführen. Viel wichtiger ist, dass das Pflegepersonal in Altenheimen und die Hausärzte besser Bescheid wissen, damit sie überraschende Verhaltensweisen oder Symptome ohne körperliche Ursachen als Langzeitschäden einordnen können. Viele Störungen sind nicht auf das Alter an sich zurückzuführen, sondern auf frühere Lebensereignisse. Wichtig ist auch, dass in Familien über diese Zeit ungeschminkt gesprochen wird.
bdw: Haben Sie bestimmte Risikogruppen im Auge?
BRÄHLER: Viele ältere Menschen werden künftig durch Langzeitarbeitslosigkeit belastet sein. Wir haben Hinweise darauf, dass mehrfache Arbeitslosigkeit das Leben im Alter beeinträchtigt – nicht nur ökonomisch, sondern auch in Bezug auf das Selbst- wertgefühl, das stärker leidet als gedacht. Ein Problem sind auch Asylverfahren: Viele Gutachter tun immer noch so, als gäbe es PTBS nicht. Sie müssten unbedingt anerkennen, dass Folter zu einer PTBS führen kann. Man kann nicht einfach unterstellen, dass die Menschen simulieren. Das ist vom wissenschaftlichen Standpunkt aus einfach falsch. ■





