ist seit August 2010 Rektor der Technischen Universität Dresden – mit gut 36 000 Studierenden die größte Universität in den östlichen Bundesländern. Rund zehn Prozent aller Immatrikulierten kommen aus dem Ausland. Müller-Steinhagen (Jahrgang 1954) wuchs in Karlsruhe auf und hat dort in Verfahrenstechnik promoviert. Anschließend arbeitete er an der University of Auckland, Neuseeland, und war Dekan der University of Surrey in England. Von 2000 bis 2010 leitete er das Institut für Technische Thermodynamik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und war gleichzeitig Institutsleiter an der Universität Stuttgart.
bild der wissenschaft: Wie fühlen Sie sich nach fast zwei Jahren in Dresden, Herr Professor Müller-Steinhagen?
Hans Müller-Steinhagen: Ausgezeichnet, denn die Bereitschaft neue Wege zu gehen – und nicht in Abwehrhaltung –, ist hier sehr groß. Hier herrscht noch echte Aufbruchsstimmung.
Sie waren zuvor Direktor beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR und Professor an der Universität in
Stuttgart. Wieso sind Sie in eine Funktion ohne Perspektive auf eigene Forschungsmöglichkeiten gewechselt?
Die Arbeit in Stuttgart war sehr erfolgreich, es bestand also kein Leidensdruck zu wechseln. Andererseits hatte ich 2010 noch ein gutes Jahrzehnt Arbeit vor mir. Als mich die Hochschulratsvorsitzende der TU Dresden anrief und sagte, dass die TU Dresden bei der Suche nach geeigneten Rektorkandidaten gern mit mir ins Gespräch käme, habe ich spontan Interesse bekundet – ohne es später zu bereuen. Im Übrigen hatte ich auch in Stuttgart kaum noch Zeit für eigene Forschung. Wer in der Großforschung ein Institut mit über 200 Mitarbeitern leitet, ist Forschungsmanager und findet fast keine Zeit, ins Labor zu gehen oder Modelle durchzurechnen.
Wissenschaftsmanagement macht Ihnen Spaß?
Ja. Vor meiner Zeit beim DLR war ich Dekan an der University of Surrey. Auch das gefiel mir. Die Möglichkeit, für andere die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sie erfolgreich forschen und lehren können, verschafft mir selbst eine hohe Arbeitszufriedenheit. Und da habe ich hier einen gewaltigen Spielraum: Wir in Dresden sind mit gut 36 500 Studierenden die größte Technische Universität in Deutschland.
Sie haben 30 Sekunden Zeit, um Studierende nach Dresden locken. Fertig, los!
Obwohl wir TU Dresden heißen, sind wir eine Volluniversität mit einem weiten Fächerspektrum. Bei uns studieren beispielsweise mehr als 12 000 junge Menschen Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften. Die damit mögliche Zusammenarbeit über disziplinäre Grenzen hinweg ist besonders spannend. Dann sind wir eine der wenigen deutschen Universitäten, die weiterhin den Abschluss zum Diplom-Ingenieur anbieten. Wir haben keine Studiengebühren. Unsere studentischen Wohnheime bieten 7000 Plätze. Dresden ist toll: Die Stadt hat eine studentische Szene. Wir haben laut einem aktuellen Ranking in puncto Essensqualität die zweitbeste Mensa Deutschlands! Und wir haben die Chance, Exzellenz-Universität zu werden.
Was halten Sie persönlich von Studiengebühren?
In Sachsen gibt es den politischen Beschluss, keine Studiengebühren zu fordern. Damit habe ich kein Problem, auch wenn ich aus meiner Zeit in England das Thema durchaus differenziert betrachten könnte.
Die TU Dresden hat sich im Rahmen der dritten Stufe der
Exzellenz-Initiative des Bundes und der Länder qualifiziert, sich mit einen Vollantrag zu bewerben. Das ist eine schöne Anerkennung – natürlich sollte es jetzt damit auch klappen.
Im Rahmen der Exzellenz-Initiative konnten sich alle deutschen Hochschulen erstens für Exzellenz-Cluster bewerben – also große Forschungsverbünde – und zweitens für Graduiertenschulen – eine international anerkannte Doktorandenausbildung – und drittens für ein Zukunftskonzept – eine Strategie zur nachhaltigen Weiterentwicklung der Universität insgesamt. Sofort nach meiner Wahl zum Rektor im Juni 2010, zwei Monate vor meinem Amtsantritt, habe ich mich beim DLR beurlauben lassen, um mit den Dresdner Kollegen die Antragsskizze für unser Zukunftskonzept zu verfassen, die bis zum September 2010 abgegeben werden musste. Von den Hochschulen, die sich mit einem Zukunftskonzept bewarben, wurden anschließend 75 Prozent vom Wissenschaftsrat und der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgesiebt. Im März 2011 erfuhren wir, dass die TU Dresden weiter mit dabei ist und einen Vollantrag stellen darf, der bis 1. September 2011 abzugeben war. Das haben wir geschafft. Kern unseres Zukunftskonzepts ist es, die Technische Universität insgesamt auf ein höheres Niveau zu bringen, also noch effektiver und produktiver zu arbeiten.
Welche Ziele will die Technische Universität konkret erreichen?
Unser Hauptanliegen ist, im weltweiten Wettbewerb die besten Köpfe nach Dresden zu holen und sie auch hier zu halten. Um die besten Köpfe zu bekommen, schlagen wir ganz neue Konzepte vor: Wir werden die 14 Fakultäten in 5 großen „Schools” bündeln, von denen jede mehr Eigenverantwortung als eine heutige Fakultät hat. Parallel dazu werden wir die Verwaltung neu organisieren und mit hochleistungsfähiger Informations-Technologie ausstatten. Mittels einer Unternehmensberatung haben wir 370 Verwaltungsprozesse auf Effizienz überprüft und teilweise neu ausgerichtet. Darüber hinaus wird das Management unserer Verwaltung neu aufgestellt. So haben wir drei hauptamtliche Prorektorate mit völlig neuen Zuordnungen geschaffen. Als Viertes gibt es dann noch das Dresden-Konzept – ein in Deutschland einzigartig intensives Wissenschaftsnetzwerk mit 14 außeruniversitären Forschungspartnern am Standort Dresden.
Und? Wird die TU Dresden nun Elite-Universität?
Im Juni wird die Entscheidung fallen. Natürlich hoffen wir, dann im Kreis der deutschen Exzellenz-Universitäten zu sein, die in allen drei Kategorien – Exzellenz-Cluster, Graduiertenschule, Zukunftskonzept – einen Zuschlag erhalten. Auch wenn die Konkurrenz stark ist: Unsere Chancen stehen nicht schlecht. Wir sind hervorragend aufgestellt.
Um wie viel Geld geht es?
Um insgesamt 172 Millionen Euro, die verteilt auf fünf Jahre zur Verfügung stehen. Doch auch wenn wir für unser Zukunftskonzept keine zusätzlichen Mittel erhalten sollten, werden wir Teile davon umsetzen. Das würde natürlich länger dauern, und die Mittel müssten wir dann anderswo mühselig erwirtschaften.
Wo steht die TU Dresden im Weltwettbewerb der besten Universitäten? Beim Shanghai-Ranking ja unter ferner liefen!
Wie die meisten anderen deutschen Universitäten schneiden auch wir in solchen internationalen Rankings noch nicht so gut ab, wie wir es uns wünschen. Unter den ersten 100 Universitäten sind gerade einmal 4 deutsche. Das liegt zum einen daran, dass sich diese Rankings am angloamerikanischen Standard orientieren. Das ist aber nicht der einzige Grund. Zu Beginn meiner Amtszeit habe ich das Ziel formuliert, dass die TU Dresden innerhalb der kommenden Jahre auch in internationalen Rankings in die Top-100 aufsteigen soll. Ganz vorne spielen wir beispielsweise schon jetzt mit in der Biomedizin und Biotechnik, der Werkstofftechnik, der Mikroelektronik und Halbleitertechnik – und wir haben den ersten Sonderforschungsbereich in den Geisteswissenschaften der östlichen Bundesländern. Dort werden kulturelle Veränderungen in Europa während der letzten 50 bis 100 Jahre erforscht. Derzeit bauen wir als weiteren Schwerpunkt das Thema Energie aus. Rund 100 Professorinnen und Professoren verschiedenster Institute der TU Dresden beschäftigen sich schon heute mit diesem Thema.
Welche Rolle spielt die Dresdner Universität für Osteuropa?
Wir haben – historisch bedingt – viele Kooperationen mit Universitäten in Osteuropa, Russland, aber auch mit asiatischen Ländern wie Vietnam. Was die Studierenden angeht, da kommen die meisten ausländischen Studenten aus China, gefolgt von der Ukraine, Tschechien, Polen.
Immer mehr wohlhabende Deutsche schicken ihre Töchter und Söhne dagegen an eine renommierte ausländische Universität, die nach angloamerikanischem Muster konzipiert ist. Das kostet allerdings viel Geld: pro Jahr Zigtausende an Studiengebühren, die nur Wohlhabende aufbringen können. Finden Sie das gut?
Die Betreuung durch Hochschullehrer ist an solchen Universitäten eindeutig besser als bei uns. In Stuttgart hatte ich 850 Studierende in meiner Vorlesung. In Surrey waren es oft nur 50. Auch die Studienabbrecher-Quote ist dadurch dort deutlich geringer. In Deutschland liegt die Quote oft bei 50 Prozent, in England oder den USA schließen üblicherweise 90 Prozent der Studierenden das Studium ab. Andererseits ist der Studienplan an solchen Einrichtungen stärker verschult und die persönliche Gestaltungsmöglichkeit wesentlich geringer als bei uns. Und unsere Absolventen haben keinen Schuldenberg während ihres Studiums angehäuft.
Seit 2010 sind Sie nicht nur Rektor der TU Dresden, sondern auch Vorsitzender des internationalen Beirats der Desertec Industrial Initiative. Nach einem Plan von 2009 sollten in Nordafrika bis 2020 Solarthermie-Kraftwerke mit einer Leistung von rund 10 000 Megawatt installiert werden. Die politischen Veränderungen dort haben den Freudentaumel einer europäischen Energiezukunft durch Strom aus Nordafrika deutlich gedämpft. Oder sehen Sie das anders?
Die ersten Kraftwerke mit einem Leistungsumfang von 500 Megawatt werden mit großer Wahrscheinlichkeit in Marokko gebaut, das politisch stabil ist. Konkrete Gespräche gibt es auch mit Tunesien. Dort entwickeln sich gerade demokratische und hoffentlich auch stabile Strukturen. Auch mit Ländern wie Libyen oder Ägypten gibt es mit Blick auf Desertec bereits Kooperationsverträge, aber noch keine konkreten Pläne für die ersten Kraftwerke. Dass wir ausschließlich mit der Solarthermie in der Maghreb-Region die 10 000 Megawatt bis 2020 erreichen, bezweifle ich dennoch. Zum einen gibt es eine anhaltende Finanzkrise, zum anderen ist die Photovoltaik überraschend rasch preisgünstig geworden. ■
Das Gespräch führte Wolfgang Hess Hans Müller-Steinhagen





