Hypochonder sind schwierige Patienten, aber keine Simulanten. Das Internet bietet ihnen schnelle Selbstdiagnosen und Desinformationen in großer Auswahl.
Als Markus Seeger in die Praxis kommt, hat er die Diagnose bereits in der Tasche: Tumor/Tractus thalamo-corticalis hat er auf einen Zettel geschrieben. Das sei der Grund für die Kopfschmerzen und die Gefühllosigkeit in der linken Gesichtshälfte, erklärt er seinem Arzt und verlangt, für eine Computer-Tomographie ins Krankenhaus überwiesen zu werden.
Erst vor zwei Monaten wollte der 45-Jährige mit einer Magenspiegelung seinem Verdacht auf Krebs nachgehen. Und im letzten Jahr diagnostizierte er sich nach Brustschmerzen monatelang einen Herzinfarkt. Die Ärzte fanden keine der befürchteten Erkrankungen, was Markus Seeger nicht beruhigte. „Im Gegenteil”, gesteht er, „sobald ein Verdacht ausgeräumt ist, suche ich einen neuen Spezialisten oder konzentriere mich auf andere Symptome.”
Angst vor Krankheit ist normal. Bedenklich wird es, wenn die Furcht bestehen bleibt, nachdem ein Arzt Entwarnung gegeben hat. „ Vier bis sechs Prozent aller Patienten verlassen die Praxen mit diesem ständig nagenden Zweifel”, sagt Brian Fallon. Er ist Psychiater an der Columbia University in New York und erforscht das Phänomen der Hypochondrie seit 15 Jahren.
Hypochonder gibt es überall auf der Welt, sie sind ein interkulturelles Phänomen, wie eine Studie der WHO zeigte. In Deutschland war Hypochondrie lange Zeit kein Thema für die Wissenschaft. Winfried Rief, Psychologie-Professor an der Universität Marburg, kam 2001 nach seiner Befragung von 2050 Bundesbürgern zu dem Schluss, dass drei bis vier Prozent der Deutschen an einer Gesundheitsangst leiden, die organisch nicht begründet ist und zu psychischen Belastungen und häufigen Arztbesuchen führt. Und eine repräsentative Untersuchung von 2200 Bundesbürgern aus dem Jahr 2002 durch die Psychologen Wolfgang Hiller und Gaby Bleichhardt von der Universität Mainz ergab, dass man mit zunehmendem Alter hypochondrischer wird. Inzwischen ist Hypochondrie als eigenständige Krankheit anerkannt.
Hand aufs Herz: Dachten Sie bei Knieschmerzen auch schon einmal an eine Arthrose, bei Kopfschmerzen an einen Hirntumor? Bleibt nach Arztbesuchen ein Misstrauen zurück? Testen Sie sich mit dem Fragebogen auf der nächsten Seite. Wenn Sie viele der Fragen mit Ja beantworten, befinden Sie sich in guter Gesellschaft: Otto von Bismarck, Florence Nightingale und König George IV. – sie alle sollen hypochondrische Züge gehabt haben. Die englische Königin Victoria soll ihren Hofarzt bis zu sechsmal am Tag zu sich gerufen haben. Und von dem amerikanischen Unternehmer und Filmproduzenten Howard Hughes wird berichtet, er habe seine Urinproben in Einmachgläsern aufbewahrt, nummeriert und katalogisiert – für alle Fälle.
Die krankhafte Krankheitsfurcht unterliegt Konjunkturen: Die Zahl der Hypochonder steigt, wenn Bedrohungen wie Anthrax oder BSE den allgemeinen Angstpegel ohnehin nach oben treiben. Und neue Krankheiten produzieren neue Hypochondrie-Formen: Die Entdeckung und Ausbreitung von Aids brachte die HIV-Hypochondrie. Hans-Jürgen Wirth, Psychotherapeut und Privatdozent an der Universität Bremen, behandelt Patienten mit dieser Störung: „ Einer von ihnen war Arzt, und selbst als das Untersuchungsergebnis klar zeigte, dass er nicht infiziert war, deutete er dies lediglich als Anzeichen dafür, an einer bisher unbekannten Variante zu leiden.”
Auch das Internet verändert die Hypochondrie: Es eröffnet Laien neue Möglichkeiten, hypochondrische Ängste auszuleben. Denn unzählige medizinische Netzdienste bieten Informationen über die bedrohlichsten, exotischsten und damit attraktivsten Krankheiten. In Diskussionsgruppen kann man sich selbstquälerisch austauschen. „Das Internet ist ein absoluter Albtraum. Hypochonder tippen ihre Symptome ein und tauchen mit einer riesigen Zahl an möglichen Krankheiten wieder auf. Dann finden sie Chatrooms für diese Krankheit und bekommen eine Menge schneller Diagnosen und Desinformationen”, schimpft der amerikanische Psychiater Brian Fallon.
Auch der Psychotherapeut Hans-Jürgen Wirth in Bremen diagnostiziert eine durch das Internet verursachte Veränderung der Krankheitsangst: „Hypochondrische Ängste, die sich früher auf wenige bekannte Krankheiten konzentrierten, haben jetzt eine größere Auswahl. Die Anzahl der Krankheiten, an denen sich Ängste festmachen lassen, nimmt zu.” Und Bernd Nissen, Leiter der Arbeitsgruppe Hysterie und Hypochondrie bei der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung, beobachtet, dass sich Hypochonder über das Internet regelrecht „anfixen” und mit „Stoff” versorgen.
Hypochonder sind schwierige, bisweilen lästige Patienten. Aber nicht jeder, der bei unklaren Symptomen in Panik gerät, ist ein Hypochonder. Meist tritt die Störung während der Pubertät oder im frühen Erwachsenenalter zum ersten Mal auf. Typisch ist der extreme Rückzug auf den eigenen Körper – und das über mindestens sechs Monate hinweg. Die Experten unterscheiden zwei Gruppen:
Rund ein Drittel leidet unter primärer Hypochondrie. Diese Patienten haben ein Sammelsurium an Symptomen, für die keine organischen Ursachen zu finden sind. Sie geben auch Fachleuten Rätsel auf, da sie ansonsten nicht an einer psychischen Störung leiden.
Die übrigen zwei Drittel sind sekundäre Hypochonder. Bei ihnen finden sich Depressionen, Ängste oder Zwangsstörungen. Depressive Hypochonder sind manchmal in Tränen aufgelöst und kaum fähig zu erzählen, dass sie fürchten, an Krebs zu sterben. Da sie überzeugt sind, dass es für sie ohnehin keine Hoffnung mehr gibt, gehen sie selten zum Arzt. Die Zwanghaften dagegen sprechen immer wieder mit Ärzten und Pflegern über dieselben Symptome und wollen diese stets aufs Neue abgeklärt wissen. Sie kontrollieren ständig Puls, Zungenbelag oder Stuhlgang.
Hypochonder unterscheiden sich zudem darin, ob sie sich in eine Krankheits-Furcht oder eine Krankheits-Überzeugung hineinsteigern. Erstere meiden das Thema Krankheit, letztere suchen hartnäckig nach einem Spezialisten, der endlich eine organische Ursache findet. Krankheiten sind für sie – meist zum Leidwesen der Mitmenschen – ihr Hauptgesprächsthema.
Berühmt wurde der Hypochonder Argan in Molières „Der eingebildete Kranke”, der sich als leidenden Mittelpunkt der Welt sieht. Von Medizinern und Apothekern übers Ohr gehauen, von seinen Mitmenschen belächelt, tyrannisiert er seine Familie. Schließlich nötigt er seine Tochter, einen Arzt zu heiraten, um im Notfall eine rettende Hand im Haus zu haben.
Die Ärzte vermeiden heute den Begriff des Hypochonders, weil er seither negativ besetzt ist. Sie sprechen von einer somatoformen Störung oder einer Nosophobie, einer Krankheitsfurcht. Medizinisches Wissen scheint übrigens nicht davor zu schützen. Viele Medizinstudenten erleiden zu Beginn des Studiums den „Morbus Clinicus”, eine Phase, in der eingebildete Krankheiten einander rasch abwechseln. Meist legt sich die Krankheitsfurcht nach einigen Semestern.
Auch Psychiater Brian Fallon war davor nicht gefeit: „Eines Morgens erwachte ich mit einem geschwollenen Arm. Ich dachte, es könnte eine Blockade des Lymphsystems sein, vielleicht verursacht durch Krebs. Aber mein Professor meinte, es liege wohl eher daran, dass ich am Vortag mit einer Kettensäge gearbeitet hatte. Das zeigt, wie schnell wir unsere rationale Beobachtungsgabe verlieren, wenn wir Angst haben.”
Die zwiespältigste Diagnose, die der Arzt einem Hypochonder überhaupt stellen kann, ist: Sie sind gesund! Denn auch nach dieser Versicherung beschäftigt er sich mit seinen Beschwerden, ist enttäuscht, fühlt sich missverstanden und schlecht betreut.
Die Wissenschaft steht immer noch vor einem Rätsel. Schon die Ärzte der Antike wurden von grundlos besorgten Patienten konsultiert. Das Wort Hypochonder stammt vom griechischen hypochondrios und bedeutet „unterhalb des Rippenbogens liegend”, denn nach antiker Gesundheitsauffassung rumorten die Gemütskrankheiten im Unterleib. Die psychische Komponente war schon früh erkannt. Freud schrieb 1912 an einen Kollegen über „ das Dunkel in der Hypochondriefrage”. Er sah die Hypochondrie als „Körpernarzissmus”. Heutige psychoanalytische Deutungen reichen von einer „Denkstörung”, einer „Identitätsangst” bis zur traumatischen „Einkapselung”.
„Einig ist man sich darin, die Hypochondrie als Sprache zu begreifen, mit der Patienten seelische Not mitteilen und sich zugleich in ihre hypochondrische Bastion zurückziehen”, fasst Bernd Nissen von der Psychoanalytischen Vereinigung die Debatte zusammen.
Hypochonder sind also keine Simulanten. Das Problem liegt tiefer. Als Auslöser gelten heute psychische, soziale und biologische Faktoren.
• Das können überfürsorgliche Eltern sein, die vor allem auf körperliche Symptome reagieren. „Wenn sich eine Mutter auf jedes Symptom stürzt, lernt das Kind, dass es Aufmerksamkeit vor allem dann bekommt, wenn es krank ist”, erklärt Brian Fallon.
• Eine weitere Risikogruppe sind Kinder kranker Eltern, die deren ständige Sorge um die Gesundheit übernehmen, oder Menschen, die als Kinder selbst schwer krank waren. Eine deutsche Studie zeigte außerdem, dass hypochondrische Patienten dreimal so häufig von Gewalterlebnissen in der Kindheit berichten wie Nicht-Hypochonder.
• Bei Erwachsenen lösen traumatische Verlusterfahrungen und Ängste eine Hypochondrie aus. Psychisch Labile nehmen körperliche Symptome stärker wahr. Aber auch ein monotones Leben mit wenigen Anregungen verleitet zur übersteigerten Konzentration auf den eigenen Körper.
• Da etwa ein Drittel der Hypochonder Ähnlichkeiten zu Patienten mit Zwangsstörungen hat, werden auch neurologische Ursachen vermutet. Darauf deutet hin, dass Hypochonder besonders sensibel auf körperliche Irritationen reagieren: Tauchen sie eine Hand in sehr kaltes Wasser, schlägt ihr Herz schneller als bei Gesunden und ihre Körpertemperatur fällt stärker ab.
• Genetische Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle, wie eine norwegische Zwillingsstudie zeigte: Hat man einen hypochondrischen eineiigen Zwilling zum Geschwister, ist das Risiko, selbst eine Krankheitsfurcht zu entwickeln, höher als bei zweieiigen Zwillingen. Auch bei einem hypochondrischen Verwandten ersten Grades steigt das Risiko. Und eine schwedische Adoptionsstudie zeigte: Die familiäre Häufung ist nur bei biologischen Eltern zu beobachten, nicht bei hypochondrischen Adoptiveltern.
In Maßen praktiziert, hat die Hypochondrie durchaus Vorteile, da Hypochonder eher zu Vorsorgeuntersuchungen gehen und sich aktiv um ihre Gesundheit kümmern. Stört die Hypochondrie allerdings Alltagsleben, Familie, Arbeit oder Schule, ist eine Therapie angezeigt. Karl Köhle, Professor an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie in Köln, mahnt, die Patienten ernst zu nehmen: „Denn subjektiv leiden sie oft stärker als so mancher Patient, der tatsächlich körperlich krank ist.” Außerdem bestehe die Gefahr, gerade bei Hypochondern tatsächliche körperliche Erkrankungen zu übersehen.
Heute gehen die Ärzte vor allem zwei Wege, um Hypochonder wieder zu „normalen” Patienten zu machen: Psychotherapie und Medikamente. Bei depressiven, angst- und zwangsgestörten Patienten haben sich nach den Erfahrungen von Brian Fallon Antidepressiva als wirksam erwiesen. Aussagekräftige Studien über deren Wirksamkeit gibt es allerdings noch nicht.
Entscheidend ist, herauszufinden, welche psychischen Probleme beteiligt sind. „Wenn die Diagnostik keinen körperlichen Befund erbrachte, ist es wichtig, den Betroffenen Brücken zu einer Verhaltenstherapie zu bauen”, fordert Manfred Fichter, Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Roseneck am Chiemsee. Oft ist es freilich schwierig, Patienten zu überzeugen, dass ihre Beschwerden psychische Ursachen haben. „Überweisungen zu einem Psychiater oder Psychotherapeuten stehen die Betroffenen sehr kritisch gegenüber, weil sie sich in ihren körperbezogenen Ängsten plötzlich nicht mehr ernst genommen fühlen”, berichtet der Bremer Psychotherapeut Hans-Jürgen Wirth aus seiner Praxis.
Dabei ist vor allem die kognitive Verhaltenstherapie oft hilfreich. Nach den Erfahrungen von Winfried Rief, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Marburg, geht es rund 70 Prozent der Behandelten anschließend besser. Die Patienten lernen, dass nicht alles, was sie spüren, eine körperliche Erkrankung ist. Und sie lernen, sich von ihren Symptomen abzulenken. So merken sie, dass sich Beschwerden verschlimmern, wenn man sich auf sie konzentriert und bessern, wenn man sie vergisst.
Diese Erfahrung machen Betroffene bisweilen auch ohne therapeutische Hilfe. So gibt ein anonymer Hypochonder, der vor kurzem noch wegen rätselhafter Schmerzen im Brustkorb besorgt war, auf seiner Internet-Seite Leidensgenossen den Tipp: „Die beste Medizin für all meine Beschwerden ist aber tatsächlich: Gran Canaria.” ■
Eva Tenzer
COMMUNITY LESEN
Bernd Nissen (Hrsg.)
HYPOCHONDRIE
Eine psychoanalytische Bestands- aufnahme
Psychosozial-Verlag
Gießen 2003, € 36,–
Hans Morschitzky
SOMATOFORME STÖRUNGEN
Diagnostik, Konzepte und Therapie bei Körpersymptomen ohne Organbefund Springer
Berlin 2000, € 38,–
Winfried Rief, Wolfgang Hiller
SOMATISIERUNGSSTÖRUNG UND HYPOCHONDRIE
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Ulf Geyersbach, Rainer Wieland
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Die schönsten Krankheiten und die größten Hypochonder des Universums
Argon
Berlin 2004, € 21,90
INTERNET
Hier finden Sie nicht nur den Hypochondrie-Selbsttest, sondern auch weitere Informationen zum Thema:
www.netdoktor.at/krankheiten/Fakta/ hypochondrie.htm
Deutsche Psychoanalytische Vereinigung:
www.dpv-psa.de
Deutsche Gesellschaft für Verhaltensmedizin und Verhaltensmodifikation:
www.dgvm-online.de





