China stürmt die Rohstofflager der Welt und schmiedet strategische Allianzen mit Ländern in Südamerika, Afrika und Asien. Für den Westen heißt dies: Abschied von billigen Rohstoffen und bequemen Marktmechanismen.
Die Volksrepublik China – das sind 1,3 Milliarden Menschen und 50 Millionenstädte, davon 10 mit mehr als 4 Millionen Einwohnern. China heute – das ist auch das Land mit den höchsten Investitionen aus dem Ausland. 2003 flossen 53 Milliarden US-Dollar in die Volksrepublik, die damit die USA erstmals von Platz eins bei den Auslandsinvestitionen verdrängt hat. 2004 waren es schon 60 Milliarden US-Dollar. Obwohl in China keine Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung im westlichen Sinne herrscht, sind alle namhaften Großkonzerne der Industrieländer und inzwischen auch viele mittelständische Unternehmen präsent, um ihre Marktchancen zu nutzen.
Die BASF beispielsweise investiert fast drei Milliarden Dollar in das bisher größte deutsch-chinesische Gemeinschaftsprojekt, eine Anlage, die jährlich 1,7 Milliarden Tonnen hochwertige Kunststoffe und Chemikalien in Nanking herstellen soll. Der dafür nötige Energiebedarf macht das Unternehmen zum größten Abnehmer der 3900 Kilometer langen Gas-Pipeline, die soeben aus dem westchinesischen Tarimbecken bis an die wirtschaftsstarke Ostküste verlegt wurde. Das eigene Kraftwerk, das die Verbundanlage versorgen wird, hat eine Kapazität, die zur Energieversorgung einer Stadt mit 100 000 Einwohnern reichen würde.
Obwohl die Chinesen bisher nur etwa vier Prozent zur globalen Wirtschaftsleistung beitragen, verbraucht ihre Wirtschaft bereits die Hälfte der Weltproduktion an Zement, 31 Prozent der Kohle, 30 Prozent der Eisenerze, 18 Prozent des Kautschuks und fast 10 Prozent des Erdöls. Insgesamt expandierte der Industriesektor 2003 und 2004 um jeweils mehr als 11 Prozent. Ein solches Wachstum lässt uns in Deutschland neidisch werden.
Die Kehrseite der Erfolgsstory ist ebenfalls nicht von Pappe: Das Wachstum ist regional unausgewogen und unkoordiniert. Das auffällige Ost-West-Entwicklungsgefälle orientiert sich an den topographischen Gegebenheiten des Landes und an der daraus folgenden ungleichen Bevölkerungsdichte und Infrastruktur. Zwar versuchen die Provinzregierungen ihren – geringen – Entscheidungsspielraum zu nutzen und die Wirtschaft in ihrem Bereich voran bringen. Doch dabei konzentrieren sich die Regionen häufig auf die gleichen Maßnahmen zur Wirtschaftsförderung. So gibt es in den 31 Provinzen Chinas weit über 100 Automobilfabriken und mehr als 100 Stahlhütten. Auch Aluminium- oder Zementfabriken schießen überall aus dem Boden.
Mit fast 14 Prozent Anteil am Weltenergieverbrauch liegt China nunmehr an zweiter Stelle nach den USA. Zwischen 2002 und 2005 stieg der Energiekonsum jährlich über 15 Prozent. Damit wird im Reich der Mitte inzwischen fast soviel Energie verbraucht wie in allen 25 EU-Mitgliedsstaaten zusammen.
Die Stromversorgung kann mit der boomenden Wirtschaft nicht mithalten und bricht häufig zusammen. Im Sommer 2004 hatten gut zwei Drittel der chinesischen Provinzen Schwierigkeiten. Blackouts selbst in der Wirtschaftsmetropole Shanghai waren die Regel. Deshalb verordneten die Behörden 2100 Unternehmen im Stadtgebiet, durchgehend nachts zu arbeiten, weitere 3000 mussten zwischen Tag- und Nachtarbeit wechseln. In Peking waren 600 Betriebe von den Maßnahmen betroffen. Selbst Hochtechnologieparks wie der von Suzhou – dem Zentrum ausländischer Hightech-Firmen – hatten bis zu drei Tage in der Woche keinen Strom. Taiwans Computerfirmen, die auf dem chinesischen Festland im großen Stil produzieren und inzwischen zwei Drittel der IT-Exporte Chinas verantworten, überlegen sogar, wegen der häufigen Stromausfälle ihre Produktion in andere Länder zu verlagern.
Die Staatsregierung will in den kommenden fünf Jahren 100 Milliarden Dollar in den Bau neuer Elektrizitätswerke investieren. Und sie beschloss, jährlich zwei weitere Atomkraftwerke in Angriff zu nehmen. Atomstrom soll seinen Anteil an der Energieproduktion von etwa anderthalb Prozent im Jahr 2003 bis 2020 auf sechs Prozent steigern. Daneben setzt China auf Wasserkraft, auf Windenergie und im ländlichen Raum auf Biogas.
Die überhitzte Konjunktur verschärft auch die Transportprobleme. In Häfen und Güterbahnhöfen staut sich mangels fehlender Kapazitäten die Fracht. Staatliche Erhebungen offenbaren, dass inzwischen rund 300 000 Eisenbahnwaggons pro Tag nötig sind, um den Schienentransportbedarf Chinas zu decken: doppelt so viele wie noch 2003. Doch die chinesische Bahn hat nur eine Kapazität von 100 000 Waggons pro Tag. Jährlich zwölf Milliarden Dollar – rechnete die staatliche Reformkommission aus – müssten in das Schienennetz investiert werden, um eine weitere Verschlechterung der Transportversorgung zu verhindern.
Spediteure weichen vermehrt auf die Straßen aus, was zusätzliche Staus und noch längere Transportzeiten verursacht. Selbst die Frachtkosten in der Seeschifffahrt vervierfachten sich innerhalb eines Jahres. Der Ausbau der Tiefseehäfen – etwa in Schanghai – bringt zusätzliche Probleme. Die Reeder klagen über wochenlange Wartezeiten der Schiffe.
Natürlich hat auch die Umweltbelastung durch den Boom zugenommen: Durch die steigenden Emissionen von Industrie und Verkehr steigt die Smoggefahr. Die Landwirtschaft bekommt nicht nur wegen der wiederholten Wasserknappheit Probleme, sondern auch durch die vergifteten Böden im Umfeld von Schwerindustriezentren.
Trotz allem: Der Rohstoffhunger der chinesischen Wirtschaft steigt weiter. Chinas Rohstoffimport wächst dabei noch rascher als die Wirtschaft. Das gilt insbesondere für Energierohstoffe wie Öl, dessen Verbrauch sich bis 2030 gemessen an der Verbrauchsmenge im Jahre 2000 fast verdreifachen dürfte. 1996 war China noch Rohöl-Nettoexporteur – in diesem Jahr muss das Land bereits die Hälfte der benötigten Ölmenge einführen. 2010 hat allein der dortige Straßenverkehr einen Verbrauch von schätzungsweise 138 Millionen Tonnen erreicht – 13 Millionen Tonnen mehr, als Deutschland derzeit insgesamt an Erdöl verbraucht. Für 2020 hat die Internationale Energieagentur (IEA) in China einen täglichen Bedarf von mehr als 1,4 Millionen Tonnen Öl errechnet. Dies ist eine Größenordnung, die über der täglichen Fördermenge des bedeutendsten Opec-Landes Saudi-Arabien liegt. Mehr noch: In diesem Jahr wird das an Kohlevorkommen reiche China wohl erstmalig auch Nettoimporteur dieses Energierohstoffs sein.
Der Bau zusätzlicher Kraftwerke und das Verlegen neuer Stromleitungen in die ländlichen Regionen hinein beflügelt die Nachfrage nach Kupfer. Das Land wird 2005 wiederum zehn Prozent mehr Kupfer als im Vorjahr verbrauchen, was zu einem weiteren Preisanstieg führt. Der Weltmarktpreis für ein Kilogramm Kupfer lag im Juli 2002 bei 4,33 US-Dollar, im Juli 2005 bereits bei 7,19 Dollar.
Die Zinnpreise haben sich durch die chinesische Nachfrage innerhalb kurzer Zeit mehr als verdoppelt. Lag der durchschnittliche Weltmarktpreis je Kilo im Juli 2002 bei 1,59 Dollar, so stieg dieser bis zum gleichen Monat des Jahres 2005 auf über 3,5 Dollar an. Zwar fördern die Chinesen mehr Zinn als das klassische Zinnland Bolivien. Doch die boomende Elektroindustrie in der Volksrepublik braucht riesige Mengen an Lötzinn. Chemieunternehmen mischen Zinn in Farben und Pflanzenschutzmittel. Auch die chinesische Spielwaren- und Konservenindustrie benötigt erhebliche Mengen des leicht zu verarbeitenden Metalls.
Besonders drastisch hat sich der Stahlverbrauch entwickelt. Von 2001 bis 2005 verdoppelte sich die Nachfrage auf gut 300 Millionen Tonnen (bild der wissenschaft 7/2005, „Wie China die Stahlbranche aufmischt”).
Chinas Dynamik verändert die internationale Wirtschaftsordnung. Das große Land im ferne Osten ist inzwischen einer der wichtigsten Auslandsinvestoren. Hohe Investitionen gehen in zahlreiche Rohstoffländer weltweit. Mittelfristiges Ziel der chinesischen Offensive ist die Sicherung des nationalen Energie- und Rohstoffbedarfs. Chinas staatliche Konzerne versuchen, auf den großen, bisher noch wenig erschlossenen Rohstoffmärkten über den gesamten Globus Fuß zu fassen. Häufig bieten sie Entwicklungsländern Kompensationsgeschäfte an. Mit Unterstützung oder gar auf direkte Weisung des Staatsrates helfen sie bei der Rohstofferschließung und beim Infrastrukturausbau. Weiterhin bieten staatliche Geschäftsbanken Kredite an. Dadurch leistet China einen Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung vieler ärmerer Länder, was Peking entwicklungspolitisches Image verschafft.
Auffällig bei den Investitionsvorhaben sind die Aktivitäten in Brasilien. Dort planen chinesische Konzerne innerhalb der nächsten drei Jahre Investitionen in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar. Schon heute beziehen die Chinesen große Mengen von Eisenerz und Soja aus dem Land. China wurde auf diese Weise drittwichtigster Exportmarkt für Brasilien. Der Handel zwischen beiden Ländern hat sich in den letzten fünf Jahren sogar verzehnfacht.
Perspektiven bietet Brasilien den Chinesen in den Wirtschaftssektoren Erzbergbau, alternative Treibstoffe wie Ethanol, Agrarrohstoffe, Zellstoff/Papier und Düngemittel. Teilweise sind dies Produkte, die Brasilien auf den geschützten Märkten der Industrieländer nur mühevoll verkaufen kann. Bei rund 30 Rohstoffen (darunter Bauxit, Eisenerz, Rindfleisch, Baumwolle) ist Brasilien unter den weltweit führenden Lieferanten. Die Exporte ließen sich steigern, wenn die dafür nötige Transportinfrastruktur vorhanden oder leistungsfähig genug wäre. China hilft: 2,4 Milliarden Dollar werden die Asiaten in die brasilianische Infrastruktur investieren. Dabei geht es zunächst um eine Nord-Süd-Schienenverbindung in Brasilien und deren Anbindung an die Pazifikhäfen Perus und Chiles. Das Vorhaben wird in Kooperation mit brasilianischen Agrokonzernen und der staatlichen Entwicklungsbank als Kompensationsgeschäft über die Lieferung von Soja und anderen Agrarrohstoffen abgewickelt. Peking bewirbt sich überdies um die Mitgliedschaft bei der Inter-Amerikanischen Entwicklungsbank, um leichter an öffentliche Gelder für die Finanzierung von Rohstoffprojekten zu gelangen. Gleichzeitig will der größte chinesische Händler für Bergbau- und Metallprodukte, die Minmetals Group, zwei Milliarden Dollar in die brasilianische Verhüttungsindustrie investieren.
Von ähnlich großer strategischer Bedeutung ist die chinesische Beteiligung an Gasförderprogrammen im Iran und an petrochemischen Großprojekten in Kuwait und weiteren Ländern: China baut in Pakistan einen bedeutenden Tiefseehafen, der für das Land strategisch wichtig ist, da die Ölimporte Chinas zu annähernd zwei Dritteln aus dem Nahen Osten stammen. Ferner wurde vor Kurzem mit dem Bau einer Erdöl-Pipeline von Kasachstan in die nordwestchinesische Provinz Sinkiang begonnen. Die 1240 Kilometer lange Leitung soll nach der Fertigstellung pro Jahr bis zu 20 Millionen Tonnen Öl nach China bringen.
Auch in Afrika ist China präsent. Der Handel mit diesem Kontinent hat sich in den letzten zehn Jahren versechsfacht. Dabei kommt China den afrikanischen Ländern entgegen und senkt seine Einfuhrzölle. Wie in Südamerika wird in Afrika in den Rohstoffsektor investiert. Großes Interesse besteht vor allem am afrikanischen Öl. So erhielt das Ölförderland Angola ein Darlehen über zwei Milliarden Dollar. Auch in Afrika versuchen die Chinesen über beachtliche Investitionsbeihilfen sich bei Straßenbauprojekten, Flughäfen und Staudämmen zu beteiligen.
Chinas Rohstoffhunger verspüren auch andere Länder:
• In Australien will sich der chinesische Ölkonzern CNOOC an einem Offshore-Gasfeld beteiligen. Die geplante Übernahme des kalifornischen Ölkonzerns Unocal droht hingegen am Widerstand der amerikanischen Außenpolitik zu scheitern.
• In Indonesien ist China in die Erdgas-Offshore-Gewinnung eingestiegen.
• In Südkorea wurden Anteile am Raffinerie-Konzern Inchon erworben.
• Offshore-Bohrungen werden von chinesischen Gesellschaften seit geraumer Zeit im Bereich mehrerer Inselgruppen im Südchinesischen und Ostchinesischen Meer durchgeführt, wobei sich die Staatsregierung Souveränitätsansprüchen Japans und mehrerer südostasiatischer Länder ausgesetzt sieht.
Die wirtschaftliche Expansionskraft der Chinesen macht inzwischen sogar der Regierung Kummer: Etwa seit einem Jahr versucht sie, das dynamische Wachstum sowie die konjunkturelle Überhitzung abzuschwächen. Ein Tritt auf die Konjunkturbremse soll den Aufbau einer Spekulationsblase mit gefährlichen Auswirkungen auf die gesamte Volkswirtschaft verhindern. Strebte der frühere Ministerpräsident Zhu Rongji Wachstum um jeden Preis an, hat sein Nachfolger Wen Jiabao nun die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen verändert. Mit dem Schlagwort vom nachhaltigen Wachstum wird auf die Banken eingewirkt, bei der Kreditvergabe zurückhaltender zu sein.
Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts sollte von 8,5 Prozent im Jahr 2004 auf 7 Prozent ab 2005 gedrückt werden. Doch dieser Wert wird nicht erreicht. Die aktuelle Wachstumsprognose für 2005 lautet: 9,1 Prozent. Die Maßnahmen zur Konjunkturabschwächung beziehen sich sowohl auf ein Mehr an ökologischer Verträglichkeit des Wirtschaftswachstums als auch auf eine ausgeglichenere Verteilung des Wachstums zwischen reichen und armen Provinzen und zwischen städtischer und ländlicher Bevölkerung.
Dem Rotstift fielen inzwischen zahlreiche Großprojekte zum Opfer:
• Eisenbahnstrecken – etwa an der Suzhou-Küste,
• U-Bahnen – etwa in Guangzhou,
• Kapazitätsreduzierung bei Aluminiumschmelzen – etwa beim Branchenführer Chalco und
• ein Staudammprojekt am Nu-Fluss.
Das chinesische Wirtschaftswunder hinterlässt seit 2004 in der Weltrohstoffwirtschaft deutliche Spuren. Einkommensschwache Entwicklungsländer bekommen Verknappungen und die dadurch verursachten Preissteigerungen hart zu spüren. Auch die Wirtschaft der Industrieländer ist geschwächt: Die deutsche Wirtschaft hatte sich in der Vergangenheit kaum mit der Verfügbarkeit von Rohstoffen befasst. Abgesehen von einigen zeitlich befristeten Ereignissen schienen Rohstoffe stets ausreichend und zu akzeptablen Preisen vorhanden zu sein. Der Terrorismus, die kritische Lage im Irak sowie im gesamten für die Erdölversorgung wichtigen Arabisch-Persischen Golf mit dem größten Ölland Saudi-Arabien, die Krisenherde in den Zentralasiatischen Ländern wie Kirgisistan und Tadschikistan, der immer noch nachwirkende Konflikt zwischen der russischen Regierung und dem Ölkonzern Yukos sowie der längere Zeit schwelende Konflikt im Ölförderland Venezuela machte die Rohstoff-Sicherung zum Thema. Doch erst das dynamische Wachstum Chinas hat den Blick wesentlich verändert. Denn hier bahnt sich eine Volkswirtschaft den Weg, die in wenigen Jahrzehnten so mächtig sein wird wie die der USA. ■
HANS-DIETER HAAS ist Professor an der Ludwig-Maximilians Universität München. Der Wirtschaftsgeograph beobachtet seit vielen Jahren die Entwicklung in China.
Hans-Dieter Haas
Ohne Titel
Deutsch-chinesischer Warenverkehr
(in Milliarden Euro)
Jahr Einfuhr Ausfuhr
1994 7,9 5,3
1995 8,2 5,5
1996 9,2 5,6
1997 11,0 5,4
1998 11,7 6,1
1999 13,7 6,9
2000 18,4 9,4
2001 19,8 12,2
2002 21,3 14,6
2003 25,6 18,2
2004 32,3 20,9
Deutschland ist für China der wichtigste EU-Handelspartner und steht an Platz 6 – nach Japan, den USA, Südkorea, Hongkong und Taiwan ( beide Territorien werden in der chinesischen Zollstatistik separat aufgeführt). Anders herum ist China für Deutschland wichtigster Außenhandelspartner in Asien und liegt im deutschen Export-Ranking noch vor Japan auf Platz 10.
Ohne Titel
• China ist inzwischen das Land mit den höchsten Investitionen aus dem Ausland.
• Aufgrund des hohen Rohstoffbedarfs schließt China strategische Allianzen mit anderen Ländern – vor allem mit Brasilien.
• Um die Konjunktur zu dämpfen, fielen in jüngster Zeit zahlreiche Großprojekte dem Rotstift zum Opfer.
COMMUNITY Fernsehen
Gleich eine ganze Sendereihe über „Chinas unentdeckte Gesichter ” produzierten die Kollegen vom TV-Wissensmagazin „nano” im Rahmen unserer Kooperation. Die Beiträge, jeweils um 18.30 Uhr: „Schwarze Zähne: die Soziologie der Rituale und wie sie aussterben” (Erstausstrahlung in 3Sat am 26. Oktober), „Geister des Geldes: Fluch und Segen des Wirtschaftsbooms” (27. Oktober), „ Lost in the City: politische Aspekte der anthropogenen Forschung” (28. Oktober). Am 1. November, dem 3Sat-Thementag China, gibt es um 18.30 Uhr ein nano-Extra mit den Themen: Wie viel China steckt in uns? Forschungsland China, Chinas Wachstum, Die Bevölkerungsarchitektin.
internet
Eine englischsprachige Einführung in wichtige Entwicklungen des modernen China. Mitunter sind die Angaben etwas veraltet.
www.chinatoday.com
lesen
Ein Buch, bei dessen Lektüre es Europäern heiß und kalt über den Rücken läuft:
Frank Sieren
DER CHINA CODE
Econ 2005, € 19,95
Ohne Titel
· 9 582 000 Quadratkilometer
· 1,313 Milliarden Menschen, davon 100 Millionen Konsumenten im westlichen Sinne – bis 2015 sollen daraus 700 Millionen werden
· Pro-Kopf-Einkommen 1000 US-Dollar (nominal)
· nur 15 Prozent der Staatsfläche sind landwirtschaftlich nutzbar
Arbeitskräfte/Unternehmen
· hohe Lernbereitschaft
· geringe Löhne
· Fach- und Führungskräftemangel
· viele Unternehmen mit ausländischer Beteiligung
· harter Wettbewerb
· politisierte Unternehmensführung
· strategischer Ankauf von Rohstoffen und Technologie
Öffentliches Leben/Politik
· zentrale Steuerung
· Bürokratie
· Korruption
· Rechtsunsicherheit
· hohes Einkommensgefälle Stadt/Land
· hohe Arbeitslosigkeit
„Die Wahrheit liegt in der Mitte”
bild der wissenschaft: Warum ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft seit 2000 in Peking präsent, Frau Dr. Krüßmann?
KRÜSSMANN: Gemeinsam mit der National Natural Science Foundation of China (NSFC) betreiben wir dort das Chinesisch-Deutsche Zentrum für Wissenschaftsförderung, das gemeinsame Wissenschaftsprojekte initiiert. Die NSFC ist das chinesische Pendant zur DFG und 1986 analog zu unserer Organisationsstruktur errichtet worden. Für das Zentrum, das zwischen Qinghua-Universität und Beijing-Universität liegt, stehen pro Jahr 20 Millionen Yuan – rund zwei Millionen Euro – zur Verfügung, die je zur Hälfte von NSFC und DFG aufgebracht werden. Das Zentrum hat jeweils einen deutschen und einen chinesischen Direktor, Vize-Direktor und Sachbearbeiter.
bdw: Wird China bald die Welt der Wissenschaft erschüttern?
KRÜSSMANN: In jüngster Zeit verbreitet sich in Deutschland das Bild vom chinesischen Drachen, der sich auch in der Wissenschaft anschickt, die Welt zu erobern. Andere Stimmen wiederum sagen, dass uns die chinesische Wissenschaft nicht viel zu bieten habe. Ich selbst meine, die Wahrheit liegt in der Mitte. Die chinesischen Spitzenuniversitäten sind bereits jetzt attraktive Kooperationspartner. Universitäten, die in nicht so entwickelten Provinzen liegen, brauchen dagegen sicherlich noch einige Jahrzehnte, bis sie im Weltkonzert der Wissenschaft einen Part spielen können.
bdw: In welchen Fächern kooperieren Deutsche und Chinesen bereits stark?
KRÜSSMANN: Betrachtet man die Förderzahlen, so liegen die Geowissenschaften mit Abstand vorne – beispielsweise Paläontologie und Tibetplateau-Forschung. Mit deutlichem Abstand folgen die Agrarwissenschaften. Auf diesem Gebiet fördern wir auch das erste deutsch-chinesische Graduiertenkolleg. Weitere Beispiele sind Bodenforschung, Umweltforschung und Brennstoffzellen-Forschung.
bdw: Welche Hilfe leistet die DFG für Wissenschaftler, die mit ihrer China-Kooperation ganz am Anfang stehen?
KRÜSSMANN: Wer noch keine Kooperationserfahrung hat, kann bei der DFG eine Projektvorbereitungs-Reise beantragen, von einer Woche bis drei Monaten Dauer. Dadurch können mögliche Partner in China so intensiv besucht werden, dass unsere Wissenschaftler ein gutes Bild von deren Leistungsfähigkeit gewinnen. Wir fördern aber auch Chinesen, die nach Deutschland kommen wollen. Dies finanzieren wir gemeinsam mit unseren chinesischen Partnern.
bdw: Sind Kooperationen mit Chinesen problematischer als mit US-Amerikanern?
KRÜSSMANN: Natürlich gibt es interkulturelle Unterschiede, aber nirgendwo trifft man auf eine chinesische Mauer des Unverständnisses. Die meisten Wissenschaftler sind überrascht, wie einfach es ist, mit Chinesen zusammenzuarbeiten.
bdw: Gibt es Verständigungsprobleme?
KRÜSSMANN: Dolmetscher waren früher immer nötig und sind es auch heute noch bei älteren Wissenschaftlern: Die Kinder aus den Zeiten der Kulturrevolution, als sich Maos Reich von der Welt abschottete, haben Schwierigkeiten mit Fremdsprachen. Die darauf folgenden Generationen können alle gut Englisch. Für den persönlichen Umgang ist es ratsam, die Choreographie der Interaktion zu studieren: Man braucht eine Sensibilität dafür, wie Chinesen untereinander und international agieren. Doch auch das ist kein Buch mit sieben Siegeln.
bdw: Welche Rolle spielen Chinesen, die in Deutschland studiert haben?
KRÜSSMANN: Chinesen schätzen und pflegen langfristige Beziehungen. Wer als Chinese in Deutschland längere Zeit wissenschaftlich gearbeitet hat, ist sehr interessiert, die Beziehungen ein Leben lang zu erhalten. Deshalb ist es wichtig, dass viele junge Chinesen in Deutschland studieren und hier als Naturwissenschaftler ihre Karriere fortführen können.
bdw: Wie beurteilen Sie persönlich das, was sich in Chinas Wissenschaftsbetrieb tut?
KRÜSSMANN: In China herrscht eine unglaubliche Aufbruchstimmung. Es gibt eine große Bereitschaft, in Bildung und Forschung zu investieren. Die Mittel für die Forschungsförderung steigen bei der NSFC von Jahr zu Jahr um rund 25 Prozent. In den besonders geförderten Spitzenlabors stehen die besten Geräte, die der Weltmarkt zu bieten hat. Deutsche Wissenschaftler, die erste Kooperationen mit Chinesen eingegangen sind, beurteilen die Situation oft sehr euphorisch. In Lauf der Zeit relativieren sich die Eindrücke. Doch es besteht kein Zweifel, dass sich die Zusammenarbeit lohnt. Auch hier liegt die Wahrheit in der Mitte.
Dr. Ingrid Krüßmann
ist Sinologin und leitet bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Ostasien und die fachliche Betreuung des Chinesisch-Deutschen Zentrums für Wissenschaftsförderung.
Das Gespräch führte Wolfgang Hess ■





