Der Max-Planck-Direktor kann weder Diplom noch Habilitation vorweisen. Hochbegabt und jung berufen – Hans-Walter Rix ist ein Stern am Forschungshimmel der Astronomie.
Seinen 40. Geburtstag feiert so mancher Mensch mit gemischten Gefühlen: das halbe Leben ist vorbei, der Rest absehbar endlich. Man kommt ins Grübeln – wie der italienische Dichter Dante Aligheri, der sich in seines „Lebensweges Mitte” in einem „ dunklen Walde” fand und aus einer Lebenskrise seine unvergängliche „Göttliche Komödie” schuf.
Für den Astronomen Hans-Walter Rix, geboren 1964 in Erlangen und heute Direktor am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg, hatte sein Vierzigster immerhin etwas Erfreuliches. „ Jetzt”, so konnte er seinen Mitarbeitern sagen, „bin ich endlich alt genug für diesen Job.” Als er vor sechs Jahren die Leitung des Instituts übernahm, war er gerade 34 – einer der jüngsten Direktoren in der Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft.
Das entspricht dem Trend. Es ist Politik der Max-Planck-Gesellschaft, junge Direktoren zu berufen. Auch ein internationaler Werdegang bringt Pluspunkte. Etwa 40 Prozent der 278 Direktorinnen und Direktoren der MPG haben eine ausländische Staatsbürgerschaft oder sind, wie Rix, Deutsche, die aus dem Ausland berufen wurden – Tendenz steigend. „Heute”, so Rix’ Erfahrung, „hat ein Wissenschaftler große Vorteile, wenn er ins Ausland geht. Die Unbeweglichen sind im Nachteil.”
Rix studierte in München. Er promovierte an der University of Arizona in Tucson und wurde dort zum Professor berufen. Er kann weder Diplom noch Habilitation vorweisen, lehrt dennoch heute als Professor an der Heidelberger Universität – eine Art von „ Juniorprofessor”, obwohl es diesen Begriff in Deutschland damals noch nicht gab.
Rix, schlank und hoch gewachsen, ist ein sportlicher Mann. Mehrmals pro Woche fährt er mit dem Rad zum Arbeitsplatz, immerhin über teils giftige Steigungen den 570 Meter hohen Königsstuhl hinauf. Ähnlich zielstrebig wirkt auch seine Karriere: Direktor in einer der weltweit renommiertesten Wissenschaftseinrichtungen, Professor an einer der traditionsreichsten deutschen Universitäten – nur wenige haben das an ihrem 40. Geburtstag erreicht.
Rix selbst bekennt sich zu einer „sehr fatalistischen Theorie der Karriereplanung”. Intelligenz, Kreativität und harte Arbeit seien zwar notwendig, aber nicht unbedingt hinreichend. „Im Rückblick sehe ich, welche große Rolle der Zufall gespielt hat”, meint Rix. „Ich hatte das Glück, dass ich zu wichtigen Karrierestufen die richtigen Leute getroffen habe, die mich förderten.”
Hochbegabt. Hans-Walter Rix wuchs in Regensburg auf. Ein wenig hört man ihm noch die bayerische Mundart an. Sein Vater arbeitete als Sprachwissenschaftler an der Universität Regensburg, seine Mutter hatte Theologie studiert.
Im Gymnasium erwies sich Hans-Walter als hochbegabt. Er übersprang eine Klasse. Mathematik und Physik fielen ihm „ wahnsinnig leicht”. Sein Ehrgeiz war es, nicht nur seine eigene Mathematikarbeit zu schreiben, sondern auch die seines Nachbarn. „ Nach heutigen Maßstäben war ich ein hyperaktives Kind”, erinnert sich Rix. „Umtriebig und immer mit anderen Sachen beschäftigt. Ich konnte aber, zur Verzweiflung des Lehrers, stets seine letzten drei Sätze wiederholen.”
Seine hervorragenden Schulleistungen brachten Rix ein Stipendium der Bayerischen Begabtenförderung ein. Er studierte „ zum Spaß” ein Semester Kunstgeschichte, wechselte dann zur Physik. Ernsthafte Pläne hatte er da noch nicht; Gedanken an eine akademische Karriere waren weit entfernt.
Nach dem Vordiplom stand er vor der Wahl: Sommerpraktikum am CERN in Genf oder – mit einem Stipendium der Fulbright-Stiftung – Astronomie am Steward-Observatorium in Tucson, Arizona. Rix entschied sich für die Sterne: „Beim CERN”, so seine Überlegung, „ wäre ich nur ein kleines Rädchen an einer großen Maschine gewesen.” In der Astronomie aber könne man immer noch ein begrenztes Thema eigenständig bearbeiten.
Rix wollte ein Jahr in Tucson bleiben. So lange lief das Ful- bright-Stipendium. Doch es wurden fünf Jahre daraus, die 1991 mit der Promotion endeten. Mehrere Gründe hielten Rix im amerikanischen Südwesten. Die astronomische Forschung hatte ihn schon nach zwei Monaten gepackt, als er zum ersten Mal auf den Mount Hopkins fuhr. Hier steht, in 2600 Meter Höhe, das Multiple-Mirror-Teleskop (MMT), damals eines der größten astronomischen Fernrohre der Welt. „Es war ein wahnsinniges Erlebnis”, erinnert sich Rix. „Bei Sonnenuntergang ging es den Berg hinauf. Es wurde dunkel. Ich schaute mir etwas Tolles durch das Teleskop an und dachte: Wenn ich mir das entgehen lasse, bin ich dumm.”
Zwei weitere Gründe kamen hinzu: In Tucson fand er seine spätere Frau, und er traf hier auf den englischen Kosmologen Simon White, der sein Mentor und Doktorvater wurde. Ihn zählt Rix zu den „Glückstreffern”, die seine wissenschaftliche Laufbahn bestimmten. Auch White forscht inzwischen in Deutschland. Seit 1994 ist er Direktor am Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching bei München. Die von ihm mitbegründete Theorie der „ Kalten Dunklen Materie” gilt heute als Standardmodell kosmischer Strukturbildung.
White hat gute Erinnerungen an seinen ehemaligen Doktoranden: „ Sehr intelligent und sehr gut vorbereitet. Und er hatte die Begeisterung, die man für erfolgreiche Wissenschaft braucht.” White forderte ihn, seinem Grundsatz folgend: „Je intelligenter jemand ist, desto härter muss er arbeiten. Denn nur die Besten bringen die Wissenschaft voran.”
Und Rix schätzte den „konstruktiven Druck”, den sein Mentor durch seine „hohe Erwartungshaltung” ausübte. Einer seiner Standardsätze, mit britischem Understatement vorgebracht, habe gelautet: „That’s a tough problem. But you’re good enough to do it.” Übernommen hat Rix noch einen weiteren Standardsatz seines Mentors: „Vertraue der Mathematik!” Wenn du sicher bist, dass die Rechnung richtig ist, dann akzeptiere das Ergebnis und versuche zu verstehen, was es bedeutet. Geprägt hat ihn auch Whites Einstellung: „Man muss hart arbeiten. Aber es muss auch anderes im Leben geben.” Work hard. Party hard. Man sang zusammen in einem Chor und wanderte durch die grandiose Bergwelt und die Wüsten Arizonas. Das Thema seiner Doktorarbeit fand Rix auf einer gemeinsamen Bergwanderung.
Reich gefördert. Rix empfand das Klima an der amerikanischen Universität als „positiven Schock”. Zwar schätzt er die Grundausbildung, die er an der Münchener Universität erhalten hat. Denn mit seinem Vordiplomswissen war er genauso gut wie seine Mit-Doktoranden, die an Elite-Schmieden wie Harvard oder Caltech ihr Studium abgeschlossen hatten. „Der große Unterschied zur deutschen Universität lag im hohen Maß an Betreuung und Vertrauen, das uns jungen Doktoranden entgegengebracht wurde”, sagt Rix. 25 Professoren standen den 23 Doktoranden zur Seite. „ Sie behandelten uns als jüngere Kollegen”, schwärmt Rix noch heute. „Wir wurden gefördert, ernst genommen und um unsere Meinung gefragt.”
Nach seiner Promotion wechselte Rix, auf Anraten von Simon White, an das Institute for Advanced Study in Princeton, New Jersey. Das kleine Institut ist eine der feinsten Adressen im amerikanischen Wissenschaftsbetrieb. Genies wie Albert Einstein, Kurt Gödel oder Robert Oppenheimer haben das Institut berühmt gemacht. Es hat weder Labors noch Versuchseinrichtungen. Es gibt keine Vorlesungen und keine Auftragsforschung. Man betreibt lupenreine Grundlagenforschung – zweckfreies Nachdenken über Mensch, Mathematik und das Universum.
Finanziert wurden seine drei Jahre in Princeton durch das Hubble Fellowship Program, ein großzügiges Stipendium, das rund 50 000 Dollar pro Jahr für „exzellente Postdocs” gewährt. Voraussetzung: Sie müssen an Themen forschen, die in irgendeiner Form mit dem Hubble-Weltraumteleskop zusammenhängen. Die Auswahl ist streng: Rix wurde mit elf anderen Nachwuchswissenschaftlern aus 115 Kandidaten ausgesucht.
In Princeton legte Rix das Fundament für seine wissenschaftliche Karriere und stieg endgültig in die beobachtende Kosmologie ein. Er nutze das ein Jahr zuvor ins All geschossene Hubble-Weltraumteleskop, um weit entfernte Galaxien und ihre Entwicklung zu untersuchen und arbeitete an so genannten Gravitationslinsen. Das sind große Ansammlungen von Masse (Galaxien oder auch Dunkle Materie), deren Schwerefeld das Licht dahinter liegender Objekte (etwa von Quasaren) ablenkt und zu Mehrfachbildern aufspaltet. Das ergibt nicht nur spektakuläre Bilder. Die Linsenwirkung erlaubt es vor allem, die dafür verantwortlichen kosmischen Massen zu bestimmen. Rix stellte damals als erster einen Zusammenhang zwischen der Zahl der beobachteten „gelinsten” Quasare und der dafür notwendigen Dunklen Materie auf.
In Princeton fand Rix das „wissenschaftlich stimulierendste Umfeld”, in dem er je arbeitete. Auf Dauer empfand er das Städtchen jedoch als „zu ruhig”. Deshalb ging er für ein Jahr nach Deutschland – zum Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching. 1995 kehrte er nach Tucson zurück, wo man ihm eine Professur am Steward-Observatorium angeboten hatte. Dort schüttete die Alfred P. Sloan Foundation ihr Füllhorn über den frisch gebackenen Professor aus. Zwei Jahre lang erhielt er das mit 70 000 Dollar pro Jahr dotierte Sloan-Forschungsstipendium, mit dem die besten jungen Professoren in den USA und Kanada gefördert werden. 26 spätere Nobelpreisträger, so vermerkt die Stiftung stolz, seien bislang durch dieses Programm unterstützt worden.
Jung berufen. Rix arbeitete gern am Steward-Observatorium. Er schätzte die amerikanische akademische Welt. Die Familie seiner Frau lebte in Tucson, und die grandiose Umgebung erlaubte ihm, seiner Leidenschaft für Bergsteigen und Wanderungen in der Wüste nachzugehen. Langfristig deutete alles auf eine Karriere als amerikanischer Professor hin.
Doch nach zwei Jahren warf eine Anfrage aus der alten Heimat Rix’ Lebensplanung gründlich um: Ob er interessiert sei, die Stelle eines Direktors am Heidelberger Max-Plack-Institut für Astronomie zu übernehmen?
„Ich hielt die Anfrage für einen Scherz”, beschreibt Rix seine erste Reaktion. „Ich war zu jung, hatte keine Führungserfahrung und konnte auf Anhieb fünf Kollegen nennen, die ich für besser geeignet hielt.” Doch ihm war klar: Eine solche Chance lässt man sich nicht entgehen. Und er sagte zu. Dann herrschte ein halbes Jahr Funkstille. Rix hatte das Thema schon abgehakt, als es plötzlich hieß, die Kommission habe ihn ausgewählt. Bis heute weiß Rix nicht, wer bei der Berufung die Fäden gezogen hat. „ Berufungen in der MPG sind insgesamt zwar erfolgreich, aber nie ganz durchsichtig”, meint Rix.
Der „Juniorprofessor” sollte am Heidelberger Institut als zweiter Direktor die extragalaktische Forschung und Kosmologie ausbauen. Die Verwaltung würde zunächst in den Händen des für den Instrumentenbau zuständigen Direktors Steven Beckwith bleiben. Dieses schöne Konstrukt fiel jäh in sich zusammen, als Beckwith kurz vor Rix’ Dienstantritt überraschend zum Space Telescope Science Institute in Baltimore wechselte.
Für Rix, der erwartet hatte, langsam in die Verantwortung hineinwachsen zu können, war es ein Sprung ins kalte Wasser. „Als Direktor war ich der Zweitjüngste unter den Wissenschaftlern des Instituts”, erinnert er sich. „Wie sagt man jemandem, der 30 Jahre älter ist, dass er das und das zu machen habe?”
Menschenführung war ein neues Kapitel für den frisch bestallten Direktor, der vorher nur zwei Doktoranden unter sich hatte und nun plötzlich die Erwartungen von 170 Leuten erfüllen sollte. „Ich musste mich durchkämpfen – als Autodidakt, denn Managementkurse im akademischen Bereich gibt es nicht”, sagt Rix bedauernd. Wissenschaftler, so weiß er heute, brauchen mehr als die rein fachliche Ausbildung. „Wie geht man mit Menschen um? Das zu wissen, ist enorm wichtig für den wissenschaftlichen Erfolg und das Klima in einem Institut.”
Inzwischen hat Rix sich frei geschwommen. Ein zweiter Direktor wurde berufen, der zurzeit die Geschäfte des Instituts führt. Verwaltungsaufgaben nehmen deshalb nur noch ein Drittel von Rix’ Zeit in Anspruch, der Rest ist Wissenschaft, einschließlich der Gespräche mit Kollegen und Doktoranden im Haus über Projekte. „ Mein Vorgänger hatte eine traditionelle Auffassung von Leitung”, erklärt Rix. „Er sagte, was zu machen sei – und alle haben es so gemacht.” Rix’ idealer Mitarbeiter wartet nicht auf Anweisungen. Er hat viele Ideen und Initiativen. Er, der Direktor, greife nur regelnd und filternd ein. „Gescheite Leute gibt es überall”, sagt er. „Wie produktiv sie sind, ist eine Frage von Forschungsumfeld und Forschungsklima.”
Sein früherer Mentor, Simon White, schätzt an seinem Direktorkollegen dessen positive Wirkung auf den Stil des Instituts. Er verstehe es, Mitarbeiter zu inspirieren, sagt er. Und vor allem habe er viele junge Wissenschaftler in das Institut gebracht. Viel habe sich in den letzten Jahren am „deutschen Wissenschaftsstil” geändert, sagt Rix. Nachwuchsforscher würden besser gefördert, das „Hochdienen” falle allmählich weg. Der Wissenschaftsbetrieb sei internationaler geworden, auch am Heidelberger Institut. Die Geschäftssprache ist Englisch. Doch alle ausländischen Postdocs lernen Deutsch. Es sei unhöflich, sagt ihnen der Direktor, drei Jahre hier zu arbeiten, ohne die Landessprache zu sprechen.
Seine Arbeitsplatzbeschreibung fasst Rix griffig zusammen: Dafür sorgen, dass Steuergelder in Wissenschaft von Weltklasse umgewandelt werden. Dafür stelle die Max-Planck-Gesellschaft ein ideales Umfeld bereit, lobt er und fügt hinzu: „Keine andere deutsche Einrichtung hätte mich zurücklocken können.”
Auch die europäische Astronomie biete inzwischen sehr günstige Voraussetzungen, um international zu glänzen. An dem Tag, als Rix bei der Max-Planck-Gesellschaft unterschrieb, lieferte das europäische Very Large Telescope (VLT) sein erstes Bild – für Rix ein symbolhaftes Zusammentreffen: Mit diesem neuen Teleskop, so habe sich damals absehen lassen, würde die europäische Astronomie eine führende Rolle in der beobachtenden Astronomie der nächsten Dekade übernehmen.
Technologie getrieben. Rix ist Kosmologe – genauer: ein beobachtender Kosmologe. „Reine” Kosmologen sind Theoretiker durch und durch. Sie suchen Antworten auf die Frage, wie das Weltall entstanden ist und wie es sich entwickelt hat. Ihnen reichen Papier und Bleistift, um mögliche Modelle zu berechnen. Heute hat sich die große Mehrheit der Kosmologen und Astronomen auf das Urknall-Modell geeinigt (bild der wissenschaft 5/2002, „ Urknall für Einsteiger”). Der beobachtende Kosmologe liefert zu solchen Modellen die Daten. Seine Beobachtung ersetzt das Experiment, das ansonsten in der Physik das Urteil darüber fällt, ob eine Theorie richtig oder falsch ist.
Ein immenser Fortschritt bei den Beobachtungstechnologien hat unser astrophysikalisches Wissen in den letzten Jahrzehnten geradezu explosionsartig vermehrt. Als Hans-Walter Rix vor 40 Jahren geboren wurde, hatte das größte Fernrohr der Welt, das Hale-Teleskop auf dem Mount Palomar in Südkalifornien, einen 5-Meter-Spiegel. Damit konnten die Astronomen zwei Milliarden Lichtjahre tief ins All schauen. Heute betreibt die europäische Südsternwarte ESO in Chile das Großteleskop VLT – an dem Rix nur den einfallslosen Namen bemängelt: „Sehr Großes Teleskop”, wie das schon klingt… Es hat vier Spiegel von je 8,2 Meter Durchmesser. Schaltet man sie – interferometrisch – zusammen, ergibt sich die Auflösung eines Fernrohrs von 100 Meter Durchmesser! Mit ihm können Astronomen bis in die Frühzeit des Universums schauen.
„Die Technologie treibt die Astronomie”, sagt Rix. „Neue Technologien öffnen neue Beobachtungsfenster, und dann findet man das Neue und das Unerwartete.” Auch das Heidelberger Institut arbeitet an neuartigen Instrumenten. Für das VLT entwickelte das Institut federführend die Infrarotrotkamera CONICA. Das tonnenschwere Gerät ist mit einer adaptiven Optik ausgerüstet, die atmosphärische Bildstörungen beseitigen kann. „Die Kamera liefert Bilder, die schärfer sind als die vom Hubble-Teleskop”, erklärt Rix stolz.
Eine weiteres Instrument des Heidelberger Instituts steht am größten Teleskop der Nordhalbkugel: In Arizona, drei Autostunden von Tucson entfernt auf dem Mount Graham, ging im Oktober das Large Binocular Telescope (LBT) in Betrieb. Seine zwei 8-Meter-Spiegel sind so nebeneinander montiert, dass sie zusammen die Auflösung eines 23-Meter-Teleskops haben. Die Heidelberger bauen – zusammen mit weiteren europäischen Partnern – die zimmergroße Kamera, die das Licht beider Spiegel zusammenbringt und zehnmal schärfere Bilder als das Weltraumteleskop erzeugen soll. Es ist mit einer adaptiven Optik ausgerüstet und liefert Bilder im nahen Infrarot und im optischen Bereich.
Die Heidelberger Astronomen haben einen guten Ruf in Sachen Infrarotastronomie. Das gilt nicht nur für die Instrumente, die sie entwickeln. Die Infrarotastronomie spielt auch bei den beiden Forschungsrichtungen des Instituts – beobachtende Kosmologie sowie Stern- und Planetenentstehung – eine enorm wichtige Rolle. Beide Forschungsbereiche brauchen den Blick ins Infrarote: Die Kosmologen, die untersuchen, wie Galaxien entstehen und sich entwickeln, wegen der Rotverschiebung. Denn je weiter die Galaxien entfernt sind, desto älter und desto stärker zum Infrarot verschoben ist deren Strahlung. Die Planetenforscher, weil Planeten um Sterne außerhalb des Sonnensystems im infraroten Bereich besser sichtbar sind. Und die Erforscher der Sternentstehung, weil sich die Geburtsstätten von Sternen meist hinter Staubwolken verbergen, die erst im Infraroten durchsichtig sind.
Trotz aller Tricks zur Überlistung der Atmosphäre – mit erdgebundenen Teleskopen bleibt die Infrarotastronomie ein mühseliges Geschäft: „Im Infrarotbereich ist der Himmel so hell wie im sichtbaren Licht zehn Minuten nach Sonnenuntergang”, klagt Rix. Allerdings sind große Teile des Himmels damit nicht abzudecken. Lichtschwache Objekte kann man, trotz großer Auflösung, nicht wahrnehmen. „Die zweite Stoßrichtung des Instituts ist deshalb die Beobachtung aus dem Weltraum”, sagt Rix.
In den nächsten Jahren endet die Lebenszeit des Hubble-Teleskops. Für den Nachfolger – geplanter Start in acht Jahren – bauen die Heidelberger Teile der Infrarotkamera. Allerdings: Das Gerät wird hinter den Mond geschossen, kann also nicht, wie das jetzige, gewartet werden. „Deshalb ist absolute Zuverlässigkeit gefordert”, sagt Rix. „Sonst setzen wir eine Milliarde Euro in den Sand.”
Zukunftsweisend. Technologie hat der Astronomie zu einer „ wahnsinnig raschen Entwicklung” verholfen. Vor zehn Jahren konnte man auf das erste Fünftel der kosmischen Geschichte zurückblicken. Heute kommen die Astronomen so nah an den Urknall heran, dass sie etwa 90 Prozent der Geschichte der Entstehung aller Sterne überblicken. Allein in den letzten fünf Jahren hat es dadurch eine Reihe großer Entdeckungen gegeben. Die sich beschleunigende Ausdehnung des Universums. Einen rund 13 Milliarden Lichtjahre entfernten Quasar. Die mögliche Existenz Dunkler Energie. Planeten bei anderen Sternen. Doch wie geht es weiter?
„Heute lässt sich kein Science-Plan für ein Instrument aufstellen, das im Jahr 2015 in Betrieb geht”, sagt Rix. Dieser Plan benennt die Fragen, die der Astronom mit dem Gerät beantworten möchte. Was werden in fünf Jahren die wirklich wichtigen Fragen sein?
Immerhin – für Rix sind die großen Herausforderungen klar. „ Wir verstehen, warum weitere Sterne dazu kamen, nachdem es die ersten gab. Aber wie sind diese ersten Sternen entstanden? Und was hat zu den ersten Schwarzen Löcher geführt? Wieso hat sich die Ausdehnung des Universums beschleunigt?”
Und dann gibt es da noch die lästige Leiche im Keller der Kosmologen: die Dunkle Materie. Materie, die nicht strahlt, aber vorhanden sein muss, wenn ihr Modell richtig sein soll. Dabei geht es um keine Kleinigkeit: Dem Modell fehlen immerhin über 80 Prozent der kosmischen Masse.
In der raschen Entwicklung der Astronomie sieht Rix große Chancen für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Auf vielen anderen Gebieten der Physik gebe es nur ein endliche Zahl von Fragen, so dass sich Studenten und Doktoranden zwangsläufig auf die gleichen Probleme stürzten. „In der Astronomie ist die Bandbreite der Themen hingegen so groß, dass jeder ein eigenes bearbeiten kann.”
Romantik ade. Astronomen – sind das noch die Sternengucker, die nächtens am Fernrohr sitzen, über sich der sternenübersäte Himmel? Die nie Gesehenes erblicken und ehrfürchtig staunen über die kosmischen Mysterien, derer sie als Einzige teilhaftig werden? Diese Zeiten sind vorbei. Ein Astronom von heute könnte forschen, ohne jemals einen Stern mit eigenen Augen zu sehen.
Rix schildert die typische Arbeitsweise eines modernen Astronomen: Zunächst beantragt er Beobachtungszeit, etwa für das VLT in Chile, und gibt an, was er beobachten will. Nicht immer erhält er die Zeit –die meisten Teleskope sind um das Zwei- bis Achtfache überbucht. Hat er Glück, fährt er ein Jahr später zum angegebenen Termin auf den Cerro Paranal. Dort sitzt er im Steuerungsraum vor einem Computer, gibt Himmelskoordinaten ein und begutachtet die Bilder und Spektren, die auf dem Schirm erscheinen. Schließlich, nach ein paar Nächten, fährt er mit fünf Datenbändern heim und verwendet das nächste halbe Jahr darauf, diese Daten zu analysieren. Im Prinzip kann man auch die Daten direkt von Chile nach Deutschland in einen simulierten Steuerraum übertragen. Doch noch ist es billiger, dass die Astronomen nach Südamerika fliegen. Rix bedauert, dass der emotionale Bezug zum Himmel langsam verloren geht. „Aber vielleicht bin ich mit 40 da auch schon altmodisch.”
Einen emotionalen Ausgleich findet er in der Musik und in den Bergen. In Heidelberg singt er im Bach-Chor, in den Alpen und in Arizona geht er in die Berge. „Am Berg”, sagt er, „bin ich glücklich. Die Seele findet Frieden. Probleme werden nichtig.” Spätestens da weiß Rix, dass er es gut getroffen hat im Leben. „ Das Schöne an einer wissenschaftlichen Karriere ist, dass man das macht, was man mag”, sinniert er. „Was so viel Spaß macht, ist keine Arbeit.” Da verliert dann auch die Lebensmitte ihren Schrecken. ■
HEINZ HOREIS hat bereits einige außergewöhnliche Wissenschaftler für bild der wissenschaft porträtiert, darunter die Nobelpreisträger Francis Crick und Murray Gell-Mann.
Heinz Horeis
COMMUNITY Internet
Max-Planck-Institut für Astronomie, Heidelberg:
www.mpia.de/
Steward-Observatorium, Tucson:
www.as.arizona.edu/
Large-Binocular-Telescope (LBT), Arizona:
en.wikipedia.org/wiki/LBT
Very Large Telescope (VLT) der Europäischen Südsternwarte:
www.eso.org/projects/vlt/
Ohne Titel
• Herkunft: Geboren 1964 in Erlangen, aufgewachsen in Regensburg. Vater Sprachwissenschaftler, Mutter Theologin.
• Karriere: Physikstudium in München. Astrophysik mit Promotion am Steward-Observatorium in Tucson, Arizona. Postdoc in Princeton. Professor in Tucson. Mit 34 Jahren Direktor am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg.
• Aufgabe: Steuergelder in exzellente Forschung umwandeln.





