Manchmal lässt Katrin Nitzschke ihre Gäste allein, schließt die tonnenschwere Brandschutztür hinter sich und wartet draußen. Dann knien und beten die Besucher drinnen vor einer Vitrine. Am 29. Juni 1992 wehte zum ersten Mal Weihrauch durch die Räume der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek in Dresden: Eine kleine Gruppe exotisch gekleideter Menschen aus Guatemala vollzog eine Weihehandlung, die Priesterin, Vilma Christina Poz Perez, dankte „dem Herzen des Himmels und dem Herzen der Erde”, die sie zu einem ihrer Heiligtümer geführt hatten. Solche Besuche aus der Ferne – „etwa 20 pro Jahr” – sind für die Leiterin des Dresdner Buchmuseums immer wieder Anlass darüber nachzudenken, „welche emotionale Wirkung diese Handschrift hat”. Den „Dresdner Codex” malten und schrieben Maya vor dem 16. Jahrhundert irgendwo auf der Halbinsel Yucatan. Weltweit existieren nur noch vier der antiken Maya-Bücher, die als eine Art Faltblatt gestaltet sind. Die unzähligen anderen Schriften der ersten Hochkultur in Mittelamerika hatten die christlichen Eroberer dem Scheiterhaufen übergeben. Das Exemplar in Dresden ist das umfangreichste und am besten erhaltene. Kein Wunder, dass die Handschrift immer wieder heutige Maya anlockt, ist sie doch ein Stück ihrer geschichtlichen Identität. Guatemala und Deutschland bemühen sich um die Aufnahme des Codex in die Welterbeliste der Unesco.
Die Dresdner Kostbarkeit hatte der kurfürstliche Hofkaplan und Bibliothekar Johann Christian Götze 1739 während einer Einkaufstour „bey einer Privat-Person in Wien gefunden, und als eine sonst unbekannte Sache gar leicht umsonst erhalten”. Weiter lässt sich der Weg von Mittelamerika ins Dresdner Buchmuseum – das auch Handschriften von Luther und Dürer sowie Notenblätter von Bach und Wagner beheimatet – nicht zurückverfolgen. Das exotische Unikat wurde unter den Merkwürdigkeiten der kurfürstlichen Sammlung als „mexikanisches Manuskript mit hieroglyphischen Figuren” rubriziert und gewichtigen Besuchern vorgeführt: Napoleon hinterließ seine Fingerabdrücke ebenso darauf wie der Humanist und Amerikaforscher Alexander von Humboldt.
WASSERSCHADEN UND BLATTSALAT
Darunter litt das Faltbuch und wurde 1830 zum Schutz auseinandergeklappt zwischen zwei Glasplatten gebettet. Die Bomben auf Dresden überstand der Codex im Keller des Japanischen Palais, aber die Feuchtigkeit durch einen späteren Wasserschaden beschädigte ihn erheblich. Konsolidierungsversuche brachten die Reihenfolge der Blätter durcheinander, einige stehen heute auf dem Kopf. An eine Restaurierung ist nicht zu denken, da die Farbpigmente der Handschrift zum Teil an den Glasscheiben haften. Der Dresdner Codex ist dennoch nicht nur in der abgedunkelten „ Schatzkammer” des Buchmuseums zu bewundern, sondern steht jedermann im Internet zur Betrachtung frei: Im Juni 2008 wurde das Maya-Buch digitalisiert. Das Museum musste für die Aktion eine Woche geschlossen werden. Jeweils zwei Faltblätter wurden für ein Bild eingescannt – mit 80 Millionen Pixeln pro Foto. Zum Schluss hatten die Dateien knapp 260 Megabyte. Das Ergebnis begeistert die Maya-Forscher: „Die Bilder sind gegenüber den herkömmlichen Reproduktionen so exzellent, dass wir erstmals auch kleinste Details unterscheiden können”, freut sich Nikolai Grube. Der Altamerikanist der Universität Bonn und Mayaschrift-Entzifferer kann nun exakt nachprüfen, wie zum Beispiel der Pinsel angesetzt wurde, wie die Linien geschwungen sind und welche Ausprägung die einzelnen Hieroglyphen haben. Das ist weit mehr als Kunstgeschichte, wie die Ergebnisse der nahezu kriminalistischen Arbeiten belegen.
Der Bonner Archäologe und Epigraphiker weiß jetzt: Der Codex wurde nicht in einem Arbeits- gang, sondern vermutlich über mehrere Jahre hinweg geschrieben. Er stammt nicht von einem einzelnen Schreiber, sondern von mehreren Autoren, die auch Texte korrigierten und Bilder übermalten. Manche Seiten wurden begonnen, aber nicht fertiggestellt – sie enthalten leere Felder und Kartuschen. Die jetzigen ersten drei Seiten waren zunächst nicht der Anfang des Buchs, sondern kamen erst später hinzu. Vor allem aber: Der Codex ist nicht so alt, wie die Archäologen bislang glaubten. Sie hatten angenommen, er sei im 13. Jahrhundert (Mittlere Postklassik) entstanden. Der Bonner Maya-Experte geht jetzt davon aus, dass er erst im 15. Jahrhundert verfasst wurde. Zum einen deutet die Tatsache, dass er nicht fertiggestellt wurde, auf einen Zeitpunkt kurz vor der Ankunft der Spanier in Mexiko hin. Zum anderen entsprechen etwa die im Codex abgebildeten Räuchergefäße klar der materiellen Kultur der Späten Postklassischen Zeit (15. und 16. Jahrhundert).
DER KOSMOS IN ZEHN KAPITELN
Durch die Entzifferung der Schrift verrät der Dresdner Maya-Codex weit mehr als die bislang propagierte Kalender- und Astro-Schau. Im Einzelnen liest Nikolai Grube aus dem heiligen Buch der Maya:
· Kapitel 1: Das sehr lange Einleitungskapitel stellt die 20 wichtigsten Götter des Maya-Pantheons vor. Sie werden angerufen, damit sie im weiteren Verlauf des Buches präsent sind.
· Kapitel 2: Der gleiche Schreiber stellt in immer neuen Abwandlungen die Mondgöttin vor. Vermutlich war dieser Abschnitt ein „Handbuch” über Krankheit, Heilung, Gefahren bei Geburt und Abwendung von Kindstod. In einigen Szenen werden die Götter als Kinder beschrieben, denn die Mondgöttin war für die Geburt der Götter ebenso zuständig wie für die der Irdischen.
· Kapitel 3: Ein neuer Schreiber (Grube: „Der große Intellektuelle”) ist hauptsächlich an esoterischen Dingen interessiert, insbesondere an astrologischen Fragen. Er stellt die Auswirkungen des Planeten Venus vor, der die Maya sehr faszinierte. Venus hatte nichts mit Liebe zu tun, sondern galt als aggressiv. Mit dem Venuskalender wurde der Erfolg von Kriegszügen berechnet.
· Kapitel 4: Der große Intellektuelle befasst sich ausgiebig mit Finsternissen. Die Maya kannten den Zusammenhang zwischen Sonnen- und Mondfinsternissen und wussten, wann eine Finsternis auftreten kann. Doch ob sie im Maya-Gebiet auch zu sehen war, konnten sie nicht voraussagen.
· Kapitel 5: Vom gleichen Schreiber stammen Multiplikationstafeln für die Zahl 78. Grube: „Die Bedeutung der Zahl kennen wir nicht. Aber es war sicher eine wichtige magische Zahl, die auch anderen Kalenderberechnungen zugrunde lag.”
· Kapitel 6: Der große Intellektuelle beschreibt Katastrophen, die am Ende eines Katuns auftreten können. Ein Katun war im Maya-Kalender eine 20- Jahres-Periode mit einem bestimmten Namen, die nach 13 Katun-Zyklen, also nach 260 Jahren, wiederkehrte. Dann drohten Hunger, Dürre und Erdbeben. Da im Dresdner Codex nur eine einzige Periode aufgeführt wird und nicht alle 13, „gehen wir heute davon aus, dass der Codex ursprünglich länger war und einige Seiten fehlen”, interpretiert Grube.
· Kapitel 7: Hier beginnt die Rückseite des Codex. Einige Seiten sind nicht beschrieben, „er war also nicht fertig, als er den Spaniern in die Hände fiel”, meint Grube. Der Esoterik-Experte der bisherigen Kapitel widmet sich hier der Herkunft des Regens und dem Ursprung der Zeit. Beides gehörte für die Maya zusammen. Diese Passagen entsprechen wortgleich steinernen Inschriften aus der Klassischen Zeit etwa in Palenque und Tikal.
· Kapitel 8: In seinem Weltuntergangsszenario berichtet der große Intellektuelle, wie das Universum in einer gewaltigen Flut untergehen könnte. Er versucht zu berechnen, wann die Gefahr dafür am größten ist. Dabei spielt das mysteriöse Datum „5Eb” eine wichtige Rolle (siehe Abbildung rechte Seite „Der Weltuntergang”). Grube spekuliert: „Inschriften der Klassischen Zeit deuten darauf hin, dass die gegenwärtige Welt 33 mal 400 Jahre dauern wird. Demnach würde das Ende im Jahr 8077 n.Chr. nahen.”
· Kapitel 9: Ein neuer Schreiber schildert detailliert wichtige Rituale, die der König und die Priester in den letzten fünf Tagen des Sonnenjahres durchzuführen hatten. „In diesem Kapitel sind die Räuchergefäße abgebildet, die typisch sind für das Keramik-Inventar der Postklassischen Zeit des 14. und 15. Jahrhunderts – und den Codex jünger machen”, erklärt Nikolai Grube.
Nach Kapitel 9 folgen wieder einige leere Seiten. In Kapitel 10 widmet sich ein abermals neuer Schreiber den Speiseopfern für den Regengott. Der sitzt an wechselnden Orten und bekommt unterschiedliche Gaben: Fleisch, Fisch, Maisfladen. Nikolai Grube: „Das sind exakt die Zeremonien, die die Maya-Schamanen auch heute auf den Maisfeldern durchführen.” Auf den Restseiten des Codex haben verschiedene Schreiber kurze Kapitel aufgetragen über die Reisen des Regengottes und den Mars und seine zyklischen Bewegungen. Welche Bedeutung der Mars für die Maya hatte, ist noch völlig unklar. Auf dem letzten Papierrest steht eine Multiplikationstafel für die Zahl 91 – was auch immer sie zu bedeuten hatte.
TRÄNEN IM MUSEUM
Der Codex, so resümiert Maya-Forscher Grube, „war ein Wahrsager-Handbuch für intellektuelle Maya-Schreiber, ein hoch esoterisches Buch, das sich nur an eine kleine Gruppe von Spezialisten wandte.” Es belegt jedoch – und das ist auch für die Experten neu –, dass mit dem Kollaps am Ende der Klassik nicht alles komplett zusammenbrach und „Dunkle Jahrhunderte” des Kulturverlustes über das Maya-Land hereinbrachen – wie am Ende der Bronzezeit im mediterranen und orientalischen Raum. Vielmehr machen die bildlichen und textlichen Zitate aus der Hochzeit der Maya-Kultur, die im Codex an vielen Stellen auftauchen, klar, dass es „Traditionskonstanten gegeben hat, die von der Klassik bis zur spanischen Eroberung andauerten, also über rund 800 Jahre” , wie Grube meint.
Was sich veränderte, war das Medium: Zur Zeit der Codex-Abfassung, der Postklassik, schrieb man nicht mehr in Stein wie in der Klassik, sondern auf Papier. Und das brannte rasch. Deshalb sind die vier geretteten Codices mehr als beschriebenes Papier. Und deshalb kann Katrin Nitzschke, auch „als etwas abgeklärte Europäerin” verstehen, wenn ein Maya-Besucher in ihrem Buchmuseum weint und sagt: Ich fühle mich meinen Vorfahren hier so nah. ■
von Michael Zick




