Um 3.45 Uhr hämmert es erbarmungslos an die Tür – ein unmissverständliches Zeichen aufzustehen. Nach einer kurzen durchschwitzten Nacht schlüpfen die Männer und Frauen unter ihren Moskitonetzen hervor. Ein Frühstück im Halbschlaf, eine Fahrt in Kleinbussen über Land- und Schotterstraßen. Pünktlich um 5 Uhr schwärmen dann an die 40 Archäologen, Studenten und einheimische Hilfsarbeiter auf die Grabungsfläche von Körtik Tepe aus. Ab jetzt will jede Minute genutzt sein. Denn schon gegen 11.30 Uhr wird die Julisonne erbarmungslos auf die anatolische Erde niederbrennen. An Arbeiten auf dem freien Feld ist dann nicht mehr zu denken.
Dass sich die Plackerei lohnt, erkennen auf den ersten Blick nur Eingeweihte. Denn einen bedeutenden Fund stellt man sich anders vor. Der Grabungshügel ist nicht mehr als ein großes kahl geschorenes Karree inmitten von Maisfeldern, das sich gerade einmal fünf Meter hoch sanft aufwölbt. Hier ragen keine bombastischen Pfeiler mit plastischen Tierfiguren in den Himmel wie auf dem 250 Kilometer entfernten Fundplatz Göbekli Tepe, der als „ältester Tempel der Menschheit” berühmt wurde (bild der wissenschaft 11/2010, „Der Gigant aufdem Göbekli”).
In Göbekli Tepe wurde allerdings kaum das gefunden, was es in Körtik Tepe haufenweise gibt: menschliche Skelette. Über 650 hat das türkische Archäologenteam bereits geborgen. Ein gutes Viertel davon ist mittelalterlich. Der Großteil aber stammt aus jener Zeit, als die Region des „fruchtbaren Halbmonds” zur Keimzelle einer neuen Menschheitsepoche wurde: des Neolithikums. Beginnend vor rund 12 000 Jahren wich das mobile Leben der Jäger und Sammler hier einer sesshaften Lebensweise, die mit Ackerbau und Viehzucht verbunden war.
So dachte man jedenfalls. Freilich nahm kein Forscher an, ein plötzlicher Sinneswandel habe die Menschen über Nacht umgepolt. Die Entwicklung dauerte Jahrtausende und hatte alle möglichen saisonalen und regionalen Zwischen- und Übergangsformen. Aber es herrschte Konsens darüber, dass die Jäger und Sammler mobil waren, um sich mit ausreichend Fleisch- und Pflanzenkost zu versorgen. Außerdem glaubten die Wissenschaftler, dass es – wie bei heutigen Jägern und Sammlern – vor 12 000 Jahren kaum soziale Unterschiede gab. „Aber Körtik Tepe wirft die bisherige Forschung zu prähistorischen Jägern und Sammlern völlig über den Haufen”, erklärt die Freiburger Archäologin Marion Benz, die seit zwei Jahren ein deutsches Teilprojekt leitet. Denn hier im oberen Tigris-Tal, so sagen die Daten, wohnten seit etwa 9600 v.Chr. Jäger und Sammler in einer Siedlung – jahrhundertelang. Und: Ihre Gesellschaft war hierarchisch gegliedert.
Braun in Braun
Sie hatten Rundhäuser errichtet, wie man sie von anderen neolithischen Siedlungen, etwa dem 50 Kilometer entfernten Hallan Çemi, kennt. 86 solcher Bauten haben die Archäologen in Körtik Tepe bisher gefunden. Sie liegen in mindestens sieben Phasen über- und nebeneinander. „Wir können einen Wandel der Baustrukturen erkennen”, erklärt Marion Benz. In den jüngeren Schichten wurde mehr gemauert. Die ersten Häuser waren hingegen einfache Pfostenbauten, die lediglich aus Holz und Lehm bestanden. Sie sind im Boden natürlich besonders schwer auszumachen.
Um eine solche Struktur überhaupt zu erkennen, braucht man einen geschulten Blick – wie Andreas Willmy. Gerade hat der Archäologe seine Helfer in dem fünf mal fünf Meter großen Grabungsschnitt gebeten, Kelle und Schaufel beiseitezulegen, um mit einem Pinsel den minimalen Farbunterschied zwischen der alten Lehmmauer, möglichen Pfostenlöchern und der Umgebungserde herauszukitzeln. Der Laie sieht nur Braun in Braun. Doch es ist ein Volltreffer: Hier lassen sich die ersten Reste eines Lehmbodens dokumentieren. Größe und Funktion des Gebäudes werden erst weitere Untersuchungen ergeben.
Es gibt drei verschiedene Hausarten in Körtik Tepe. Am häufigsten sind Rundbauten mit einem Durchmesser von 2,30 bis 3 Metern, quasi klassische Einfamilienhäuser. Nur selten – bisher vier Mal – haben die Ausgräber Reste von besonders großen Häusern ausgemacht. Diese hatten wohl eine Sonderfunktion als „ öffentliche Gebäude”, vermutet der türkische Grabungsleiter Vecihi Özkaya von der Dicle-Universität im 100 Kilometer entfernten Diyarbak1r etwas ratlos. Und dann gibt es noch mehr als 30 kleine Rotunden mit einem Durchmesser von 1,20 bis 2,10 Metern – zum Bewohnen ungeeignet, urteilen die Forscher. Die Böden waren mit Steinen „gekachelt”, auf denen Pflanzenreste lagen. „Das müssen Vorratskammern oder Kochstellen gewesen sein”, meint Özkaya. 2010 legten die Archäologen zwischen den Häusern sogar einen Ofen aus Lehmziegeln frei. „Der älteste, der je gefunden wurde”, sagt Marion Benz.
Welche Sonderstellung das kleine Dorf drei Kilometer nördlich des Tigris am Nebenfluss Batman einnehmen würde, hatte niemand geahnt, als im Jahr 2000 aufgrund des geplanten Il1su-Staudamms die Rettungsgrabungen begannen (siehe Kasten „Rettung vor der großen Flut” auf S. 72). „Die Amerikaner haben in den 1980er-Jahren mehrere Plätze in der Region oberflächlich sondiert. Diesen hier hielten sie für kupferzeitlich”, berichtet Özkaya. Stattdessen sprechen die Archäologen nun also von einem jungsteinzeitlichen Jägerwohnsitz, der – wie kaum eine andere neolithische Siedlung im Nahen Osten – den Beginn einer neuen Lebensweise markiert. „Die Siedler haben hier alle ihre Grundbedürfnisse gestillt: Essen, Wohnen und Religion, sprich das geistige Leben und den Umgang mit dem Tod. Außerdem hatten die Menschen Zeit, sich künstlerisch zu betätigen”, erläutert der türkische Chef-Ausgräber.
HAufenWeise Kostbarkeiten
Noch in einer anderen Hinsicht nimmt Körtik Tepe eine kulturelle Sonderstellung ein, verglichen mit räumlich und zeitlich nah gelegenen Siedlungen wie Hallan Çemi und Çayönü, in denen bereits erste Versuche mit Ackerbau und Viehzucht unternommen wurden. „In Hallan Çemi hat man keine Einzelgräber gefunden, in Çayönü ein ‚Schädelgebäude‘ mit einem Haufen Langknochen und Schädeln – aber keine Beigaben, die sich Individuen zuordnen lassen”, erklärt Marion Benz. In Körtik Tepe hingegen fanden die Ausgräber zahlreiche Einzelbestattungen. In manchen lagen haufenweise kostbare Grabbeigaben, in anderen so gut wie nichts.
„Die unterschiedliche Menge und Qualität der Beigaben belegt die soziale Hierarchie”, erklärt Benz. „Aus einer egalitären Gruppe, wie man sie von heutigen Wildbeutern kennt, war eine differenzierte Gemeinschaft entstanden”, betont die Freiburger Archäologin. „Es muss hochstehende Personen oder Gruppen gegeben haben, die mehr Prestige hatten als andere, zum Beispiel Schamanen, besonders gute Jäger oder ältere Menschen.” Diesen Hochrangigen haben die Dörfler massenhaft Steingefäße ins Totenreich mitgegeben – die Keramik war noch nicht erfunden. Die Töpfe, in denen auch Nahrung aufbewahrt wurde, waren in mühevoller Arbeit aus Blöcken des Minerals Chlorit geschabt worden. Die Behälter sind mit geometrischen Formen und Tierfiguren verziert, wie sie auch von den Fundplätzen Göbekli Tepe und Neval1 Çori bekannt sind: Gazellen, Vögel, Skorpione oder Schlangen. Die Körtik-Künstler hatten aber auch ihr eigenes Motiv-Repertoire, etwa Hirsche und Larven, und sie gestalteten die Tierwelt in ihrem eigenen Stil. „Nur auf fünf Gefäßen konnten wir bisher menschliche Figuren ausmachen”, sagt Aytaç Cos¸kun vom türkischen Grabungsteam.
UNZählige SteinPerlen
Kleine Sensationen in tausendfacher Ausführung sind winzige flache Steinperlen, von denen nirgendwo so viele gefunden wurden wie in Körtik Tepe: fast 170 000. Es muss eine Geduldsarbeit gewesen sein, die Löcher mit mikrolithischen, also extrem kleinen Steinbohrern, in die Scheibchen zu treiben. Vermutlich wurden sie auf Tiersehnen oder Pflanzenfasern zu Ketten aufgefädelt und dienten als Schmuck, Statussymbole oder Handelsobjekte. Vor allem aber wurden sie als Beigaben in die Gräber gelegt.
Die größte Überraschung bereitete den Ausgräbern ein anderes Totenritual: Die Siedler von Körtik Tepe haben einige ihrer Verstorbenen bemalt – und zwar nicht die Haut, sondern die Knochen. Rote und schwarze, teils gepunktete Linien führen parallel an Schädeln und Oberschenkeln entlang. Sie sind so deutlich zu erkennen, dass die Forscher eine zufällige ockerrote Verfärbung durch Pilzbefall ausschließen. Das Erstaunlichste daran ist: Die Knochen wurden nicht etwa einige Zeit nach der Bestattung ausgegraben und dann einzeln verziert. Denn die Skelette mit den farbigen Knochen lagen meistens noch im anatomischen Verbund, viele in Hockerstellung. Schnittspuren weisen vielmehr darauf hin, dass das Fleisch vom Knochen getrennt wurde. Es gibt aber auch Hinweise darauf, dass die Hinterbliebenen manche Körper den Geiern zum Fraß überließen, bevor sie zur Farbe griffen.
Sie GiPsten ihre TOTEn ein
Und das ist noch nicht alles: Einige der bemalten, aber auch manche unbemalte Skelette waren eingegipst. Teilweise fanden die Archäologen sogar mehrere Skelette in einem Gipsblock verbunden. So legten die Archäologen bei der Grabungskampagne 2010 eine in Gips gegossene Dreierbestattung frei, bei der es sich womöglich um eine Familie handelte. Jedenfalls ist ein Kind dabei, das zwischen sechs und neun Jahre alt gewesen sein muss, wie sich an den Zähnen ablesen lässt. Eine natürliche Gips-Quelle fanden die Siedler nur wenige Kilometer von Körtik Tepe entfernt. Vielleicht wollten sie ihre Angehörigen für ein Leben nach dem Tod konservieren.
Damit ist das Repertoire der rituellen Bräuche noch nicht erschöpft. Zeitweise pflegten die Menschen offenbar eine Art Schildkrötenkult. Denn in bisher 21 Gräbern stießen die Archäologen zu ihrem Erstaunen auf Reste der kleinen Reptilien. Manche hatten ebenfalls bemalte Knochen. Die Nachfahren haben offensichtlich jahrtausendelang dem Platz die Treue gehalten: Man sieht sie heute im Bächlein direkt bei der Grabungsstelle schwimmen.
Doch für die Schildkröten hat Christina Roth keinen Kopf. Wie eine Rettungssanitäterin flitzt die junge Frau mit Gummihandschuhen und Mundschutz über die Grabung. Sie sorgt sich nicht etwa um die Arbeiter, die in der brütenden Hitze kollabieren könnten. Vielmehr versucht die Mainzer Biologin die Reste der Toten zu retten: Zähne und Knochen für DNA- und Isotopenanalysen im heimischen Labor. Im 20-Minuten-Takt kommen an diesem Vormittag die Skelette ans Licht. Christina Roth muss warten, bis sie an der Reihe ist, denn jede Bergung folgt einem festgelegten Prozedere: Freilegen, Fotografieren, Zeichnen, dann erst Proben nehmen. Roth ist froh, wenn sie einen Zahn findet, der nicht gleich zwischen ihren Fingern zerbröselt. Das Material ist schlecht erhalten, wie sich auch später bei der Untersuchung im Mainzer Labor zeigen wird. Doch wenn etwas Brauchbares dabei ist, lässt die Forscherin nichts unversucht, die Proben zu sichern. Behutsam legt sie mit Zahnarztbesteck die Kieferhälfte frei, die von den Ausgräbern unberührt im Boden gelassen wurde. So schnell wie möglich verpackt sie die Zahnproben in einzelne Tütchen und verstaut diese in einer Kühlbox, um sie vor der zerstörerischen Hitze zu schützen.
Trotz der teils schlechten Bedingungen haben die Skelette schon einiges über die Körtik-Bewohner verraten. Diese Erkenntnisse sind Yilmaz Erdal von der Hacettepe-Universität in Ankara zu verdanken. Man sieht dem gelassenen großen Mann mit den leuchtend grünen Augen und den vielen Lachfältchen seine berufliche Obsession nicht an: Bei ihm lagern alle Knochen der wichtigsten Ausgrabungen in der Türkei. Aus Körtik Tepe hat Erdal bisher sterbliche Überreste von rund 160 Menschen untersucht. „ Verkürzte Zehenknochen und die Muskelansätze an den Ellenbogen sprechen für ein häufiges Arbeiten in der Hocke mit aufgestützten Armen, etwa beim Mahlen von Getreide”, sagt der Anthropologe. Zudem stellte Erdal fest, dass die Dörfler sehr wenig Karies hatten – ein typisches Merkmal von Jägern und Sammlern. Sie aßen offenbar trotz der aufreibenden Mahlarbeiten verhältnismäßig wenig Kohlehydrate aus stärkehaltigen Samen.
Sie Wurden gross und Starben jung
Erdals Vergleichsstudien zeigen, dass die Menschen hier viel größer waren als in anderen neolithischen Siedlungen. „Die Männer maßen im Schnitt 1,73 Meter, die Frauen waren rund zehn Zentimeter kleiner. Das spricht für eine reichhaltige und ausgewogene Ernährung mit viel Fleisch und Gemüse”, erklärt er. Versorgungsprobleme quälten die Gemeinschaft also offenbar nicht. Allerdings wurden die Menschen von allerlei Krankheiten geplagt. Tuberkulose, Lepra oder Syphilis? Genaues weiß Erdal noch nicht. Auf jeden Fall waren verschiedene Bakterien am Werk, was man an Ablagerungen an den Knochen sieht. Die Dörfler starben meist recht jung, was womöglich daran lag, dass sie eng beisammen wohnten. So konnten Krankheiten leicht kursieren.
Ihren ansonsten für diese Zeit saturierten Lebenswandel machten die günstigen Umweltbedingungen möglich. „Die Flüsse führten früher mehr Wasser, und es gab noch mehr Quellen in der Nähe”, weiß Erdal. Die Siedler von Körtik Tepe hatten sich ein feuchtes Gebiet ausgesucht, in dem Flora und Fauna ohne ihr Zutun prächtig gediehen. Doch welche Pflanzen standen auf dem Speiseplan?
Der Weg zu dieser Erkenntnis beginnt in einem fünf Meter tiefen Loch. Über eine Leiter steigt Deva Jebb mit Schaufel und Eimer gerüstet ins dunkle, kühle Erdreich hinab. Den Grabungsschnitt haben die Kollegen vor allem deshalb angelegt, um die Schichtverläufe nachvollziehen zu können. Er eignet sich aber auch, um Material für die Archäobotanik zu sammeln. Dunkle Schichten, die auf viel organisches Material hindeuten, lassen die Hoffnung steigen, dass verkohlte Pflanzenreste darin stecken. Sie sind für die Forscher besonders nützlich. Mit ihrem Eimer voller altem Dreck geht Deva Jebb zu dem Bach hinüber, in dem die Schildkröten baden. Hier hat das Grabungsteam eine Flotationsanlage mit einer kleinen künstlichen Kaskade von Wasserfällen eingerichtet. Sie dient dazu, die Pflanzenreste aus der Erde zu lösen. Da sie oben schwimmen, lassen sie sich leicht abschöpfen. Dann wickelt Deva Jebb die schwarze Masse in weiße Tücher, bindet sie zu kleinen Paketen zusammen und hängt sie zum Trocknen auf.
Die nächste Station des Materials ist Monate später das Institut für Naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Tübingen. Hier analysiert Simone Riehl die botanischen Makroreste. „Die Proben sind sehr fundreich”, freut sich die Archäobotanikerin. Vereinzelt birgt sie die Vorläufer heutiger Getreidesorten, Wildgerste und Emmer. Ansonsten aßen die Siedler von Körtik Tepe die Samen von Wildgras, namentlich Taeniatherum caput-medusae. „Möglicherweise gab es schon Anfänge der Kultivierung, die wir nur nicht sehen. Wenn jedes Jahr wieder Wildsamen untergemischt werden, bleibt der Anbau lange unbemerkt” , gibt Marion Benz zu bedenken.
Schafe – und manchmal ein Hase
Simone Riehls Kollegin in Tübingen, Katleen Deckers, hat mithilfe eines Auflichtmikroskops aus den Holzkohleresten herausgelesen, welche Baumarten von den Siedlern verwendet wurden: In der Nähe der Flüsse bedienten sie sich unter anderem bei Weiden, Tamarisken und Eschen. Aus der Baumsteppe nahmen sie Pistazien- und Mandelholz mit – wobei sie die Früchte sicher nicht verschmähten – und auch Kreuzdornholz. Die Fleischbeilage war sehr abwechslungsreich. Das stellte der Archäozoologe Benjamin Arbuckle schon zu Beginn der Grabung fest. 13 Kilogramm Knochen bekam er 2001 ins Labor des Peabody-Museums an der Harvard University geschickt. Ergebnis: Verspeist wurden hauptsächlich Schafe und Rotwild, aber auch Rinder, Ziegen, Gazellen, Schweine und ab und zu ein Hase. Um herauszufinden, ob es sich um wilde oder domestizierte Tiere handelt, stellte Arbuckle – mittlerweile Professor an der Baylor University in Texas – morphologische Vergleiche an. Große Knochen sprechen dafür, dass es sich um wilde Exemplare handelt. Und Arbuckle fand große Knochen.
Das ist eine weitere Bestätigung dafür, dass in Körtik Tepe Jagd und keine Viehwirtschaft betrieben wurde. Arbuckle möchte jedoch nicht ausschließen, dass man sich in einer Periode direkt vor der Domestikation befand, in der selektiv gejagt wurde – eine Vorstufe der Herdenhaltung (bild der wissenschaft 9/2009, „Ein echter Knochenjob”). Neben Säugetieren gab es auch Fische zu essen, etwa Karpfen. Davon zeugen nicht nur deren Wirbel, sondern auch Angelhaken aus Knochen, die die Archäologen fanden. Zudem Geflügel: Großtrappen, Eulen und Raben ganzjährig, Gänse im Winter, Stockenten im Sommer.
SEltenes HandelSgut
Bevor auf der Grabung die Mittagspause eingeläutet und die Mannschaft mit den Kleinbussen in die zum Grabungshaus umfunktionierte Schule zurückchauffiert wird, bringt Metin Kartal noch schnell seine neue Entdeckung in Sicherheit: ein Stück Radiolarit. Diese extrem harte Gesteinsart, das „Eisen der Steinzeit”, ist in Körtik Tepe soeben zum ersten Mal aufgetaucht. Bisher hatten die Ausgräber vor allem Werkzeuge, Behältnisse und Figuren aus Flint, Obsidian und Chlorit gefunden. „In der Region kommt Radiolarit nicht vor”, weiß der Steinexperte von der Universität Ankara. Wo kommt er dann her? Kartal vermutet: „Aus dem Taurus-Gebirge im Norden, das ist die naheliegendste Möglichkeit. Vielleicht gelangte er aber auch durch Handel von weiter her in die Hände der Körtik-Siedler.”
Abwegig ist das nicht. Der Obsidian, der in Körtik Tepe gefunden wurde, stammt aus der nördlich gelegenen Gebirgsregion in der heutigen Provinz Bingöl. Genau da kommt auch der Obsidian her, der in Hallan Çemi gefunden wurde. Ein Zufall? Vielleicht nutzten die Siedler einfach dieselbe Quelle. „Es kann aber auch ein Hinweis darauf sein, dass zwischen den neolithischen Siedlungen Handel getrieben wurde”, sagt Vecihi Özkaya. Und Metin Kartal stützt die These der Handlungsreisenden mit einem weiteren Beispiel: In Hallan Çemi sei sogar Material gefunden worden, das vom Mittelmeer in die Siedlung gelangt sein muss.
Ob der Kontakt der Körtik-Leute mit den Fremden immer friedlich abgelaufen ist? Schließlich hatte man jetzt einen festen Wohnsitz und damit ein Territorium, das es zu verteidigen galt. Die Vorstellung von Eigentum gewann Bedeutung. Vecihi Özkaya glaubt, dass die Waffen, die die Menschen herstellten, nicht nur zur Jagd, sondern auch zur Verteidigung genutzt wurden. Der Anthropologe Yilmaz Erdal kann aber kaum Spuren von menschlicher Gewalt an den Knochen finden – in Körtik Tepe nicht und ebenso wenig bei anderen neolithischen Fundplätzen in der Türkei. Zwar habe es in Körtik Tepe reichlich Schädelverletzungen gegeben, doch die hätten wohl rituelle Ursachen. Jedenfalls sei keiner daran gestorben, sagt Erdal.
Ein Rätsel, das Körtik Tepe mit vielen anderen historischen Quartieren weltweit verbindet: Wieso wurde es verlassen? Von Feinden vertrieben oder getötet wurden die ansässigen Jäger und Sammler offenbar nicht. Vielleicht wurde die Nahrung doch irgendwann knapp? „Wir wissen es nicht”, sagt Özkaya. Und selbst wenn die Grabungsstelle nicht in den Fluten des Il1su-Staudamms versinkt, ist es fraglich, ob dieses Rätsel gelöst werden kann. ■
von Cornelia Varwig




