Im Lebensmittelladen an der Ecke hievt Tom seine Einkäufe auf die Theke: einige Hühnerbeine, etwas Würzsoße und Eiscreme, dazu ein paar Flaschen Bier. “Das macht 167,47 Dollar”, sagt die Verkäuferin.
“Da muß ein Fehler vorliegen”, empört sich der schwergewichtige Kunde über den hohen Preis. Die Verkäuferin schüttelt den Kopf: “Darin sind über 100 Dollar Steuern enthalten”, klärt sie ihn mit einem Blick auf den Kassencomputer auf. “Aufgrund Ihrer Lebensumstände, Ihres Alters und Gewichts zählen Sie zur Risikogruppe für Herzanfälle. Die Steuern sind ein Vorgriff auf die vermutlichen Kosten für Ihre künftige medizinische Versorgung.”
Das Szenario scheint bizarr. Indes: “Wenn Sie glauben, die Geschichte von Tom sei weit hergeholt, dann wissen Sie nicht, was in den letzten Jahren geschehen ist”, mahnte Schriftsteller Pat Cadigan unlängst die Teilnehmer eines Treffens von Science-fiction-Autoren am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. Das Thema lautete: “Computer, Freiheit und Privatsphäre”.
Manche Geschichten über einen allwissenden “Big Brother” – erdacht vom Romancier George Orwell in seinem visionären Werk “1984” – könnten nach dem Stand der Technik heute wahr werden. Nach Orwell klingt beispielsweise dies: “Das FBI hat mir heimlich einen Mikrochip in die Gesäßbacke gepflanzt”, klagte Untersuchungshäftling Timothy McVeight, der Bombenleger von Oklahoma City. Die US-Bundespolizei wolle seine Schritte lückenlos überwachen. Skurril – aber das ginge heutzutage.
Zwar existieren vorerst lediglich Pläne, die Wanderbewegungen bedrohter Tierarten auf diese Weise zu verfolgen oder entlaufene Hunde aufzuspüren. Doch Wirtschaftswissenschaftler Roger Clarke von der Universität Canberra prophezeit: “Je weiter sich diese Technologie entwickelt, desto lauter wird die Forderung werden, solche Chips auch Menschen einzupflanzen. Damit niemand sie entfernt, könnte man die Siliziumscheiben in empfindlichen Körperregionen anbringen – zum Beispiel in der Nähe des Herzens.”
Gegenüber solchen Zukunftsszenarien wirken öffentliche Reizthemen der jüngsten Vergangenheit – wie computererfaßte Volkszählung, persönliche Kranken-Chipkarte oder Paß mit digitalem Fingerabdruck – kaum noch bedrohlich. Das Schreckensbild eines total überwachbaren Menschen belebten sie dennoch. “Eine zunehmende Ablehnung staatlicher Autorität” sieht Clarke als Folgeerscheinung voraus.
Simon Davies, Jurist und Computerspezialist von der Universität Essex, kommt in einer der wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema – Titel: “Wie biometrische Technologien Menschen und Maschine miteinander verschmelzen” – zu einem ähnlichen Schluß: “Eine allgemeine Verbreitung solcher Technologien würde eine neue Klasse von Ausgestoßenen entstehen lassen, die sich diesen Prozeduren entziehen”, warnt er. Den stärksten Widerwillen wecken die biometrischen Techniken. Kein Wunder, gehen sie doch buchstäblich unter die Haut.
Ein handelsüblicher Personal Computer wird durch Zusatzgeräte wie Scanner oder Sensoren zum elektronischen Körper-Kontrolleur. Sein Gedächtnis sind riesige Datenbanken, die er sekundenschnell durchforstet. Ausgestattet mit Infrarot-Augen, erkennt beispielsweise das System “Veincheck” anhand des individuellen Verzweigungsmusters der Adern in der Hand, wen es vor sich hat. Eine Entwicklung der Recognition Inc. ermittelt das Wärmemuster der Blutgefäße im Gesicht. “Selbst durch eine chirurgische Veränderung des Gesichts läßt sich das System nicht täuschen”, preist das Unternehmen seine Sicherheitstechnologie. Vom Rechner analysierte Gewebeproben oder eingescannte Fingerabdrücke verraten ebenso die Identität eines Menschen wie der von Sensoren erfaßte Körpergeruch, der Hauttyp, die Gesichtsform, die Regenbogen- und Netzhaut der Augen, die Geometrie der Hände sowie die Stimme.
Die neuen “Authentisierungs-Technologien” halten rapiden Einzug. Der vorerst größte Einsatz der neuen Kontrollsysteme geht über das Hüten von Grenzübergängen und Gebäuden weit hinaus. Tatsächlich liebäugeln staatliche Stellen in den USA schon heute mit der biometrischen Identifizierung, um den Sozialetat zu entlasten. Bis zur Jahrtausendwende will die US-Regierung flächendeckend das EBT-(Electronic Benefits Transfer-)Programm einführen. Dann sollen öffentliche Computerterminals und spezielle Geldautomaten die Sachbearbeiter ersetzen.
Das soll künftig den Mißbrauch erschweren – etwa den doppelten Empfang von finanziellen Zuwendungen. Rund 40 Millionen Dollar wollen die Behörden Jahr für Jahr bei der Ausgabe von Sozialhilfe, Pensionen und Lebensmittel-Gutscheinen einsparen: Die digitalen Zahlstellen spucken nur dann noch Geld oder Gutscheine aus, wenn sich der Empfänger über unverwechselbare Körpermerkmale ausgewiesen hat.
Schon heute testen einige US-Bundesstaaten in Pilotprojekten, wie praxisreif die Systeme sind. So prüft der Staat Illinois seit Anfang des Jahres sogenannte Retina-Scanner in zwei Sozialämtern der Stadt Madison. Für die Stadtverwaltung von Los Angeles entwickelte ein kalifornisches Unternehmen eine spezielle Software, die eingelesene Fingerabdrücke mit einer Liste vergleicht.
“Wohlfahrtsempfänger wollen nicht wie Kriminelle behandelt werden”, überzeugte John Siedlarz, Geschäftsführer der Firma IrisScan Inc., den Staat Connecticut. Der läßt seine Bedürftigen nun in eine Kamera blicken, die eine digitale Aufnahme der Iris speichert.
Die Technik ist allerdings wesentlich teurer als der Fingerabdruck. Preiswerter ist eine Entwicklung der Recognition Systems Inc. für den Bezirk Sacramento – sie erstellt eine Datei der Handkonturen -, aber sie liefert unzuverlässigere Aussagen als elektronische Fingerabdrücke.
So hat die EBT-Kommission jetzt schon ihren Testsieger erkoren: den digitalen Fingerabdruck als “kostengünstige und zuverlässige Methode der Identitätsprüfung”. Den letzten Ausschlag für die offizielle Empfehlung, das Verfahren in den nächsten Jahren bundesweit einzuführen, gab das überraschende Untersuchungsergebnis: Nur drei Prozent der Befragten war es bei der Registrierung ihres Fingerabdrucks unwohl.
Ermutigt greifen nun auch die Sozialbehörden im kanadischen Bundesstaat Ontario zum digitalen Erkennungsdienst. Dort wunderte man sich, wie bei einer Gesamtbevölkerung von 11 Millionen Menschen mehr als 12 Millionen in der Krankenversicherung gemeldet sein können. Viele US-Bürger, so die Vermutung, lassen sich auf Kosten der kanadischen Nachbarn gesundpflegen. So filtert derzeit die kanadische Regierung mit einem Daumenabdruck-Register ihrer Einwohner die US-Bürger aus dem System. Daumen-Scanner in Krankenhäusern und Arztpraxen entlarven die Schmarotzer.
Identifizierungs-Instrumente haben Konjunktur. Das 1920 beschlossene internationale Paßsystem mit Angaben wie Name und Geburtstag stellt Behörden und Geschäftsleute längst nicht mehr zufrieden. Schon gar nicht im weltumspannenden Computernetz Internet: Hier fordern Anbieter von Produkten und Dienstleistungen nicht selten vom Betrachter ihrer elektronischen Katalogseite, zusätzlich den Beruf, die Interessen und sogar die Nummer der Kreditkarte in eine vorgefertigte Maske einzutippen.
“Wer ohne den Schutz durch Verschlüsselung seine Kreditkartennummer oder ähnlich sensible Daten über das Netz weitergibt, handelt grob fahrlässig”, wundert sich Prof. Dr. Alfred Büllesbach von der debis, der Dienstleistungs-Tochter der Daimler-Benz AG, über die Leichtfertigkeit mancher Datenreisenden. Händler mit Verantwortungsgefühl sorgen von sich aus, via Server-Software, für automatische Verschlüsselung der übermittelten Daten. Ein kleines Schlüsselsymbol auf dem Bildschirm des Kunden zeigt dies an.
Wer darauf nicht achtet, zahlt die Zeche, wenn andere mit seiner Kartennummer auf Einkaufstour gehen. Der berüchtigte Kevin Mitnick fischte 21 000 Kreditkartennummern aus dem Zentralrechner des Internet-Anbieters Netcom. Doch Gefahr droht nicht nur durch kriminellen Datenklau. Auch die scheinbar namenlose Tour durch die Angebote in den Netzen kann Folgen haben.
“Jeder, der sich in Datennetzen bewegt, hinterläßt Spuren”, widerspricht Prof. Hermann Kubicek, Leiter der Forschungsgruppe Telekommunikation an der Universität Bremen, allen Illusionen von Anonymität im digitalen Zeitalter. Die Standard-Software eines Servers für das World Wide Web, den bekanntesten Teil des Internet, kann jeden “Besuch” mitsamt Rechneradresse, Datum, Zeitpunkt, Aktion und Zugriffsobjekt aufzeichnen.
Welche Angebote schaut der elektronische Gast an, mit wem nimmt er Kontakt auf, welche Waren kauft er? Computerprogramme registrieren die Haltepunkte auf der virtuellen Tour. Routinemäßig wertet der Rechner die Verbindungsdaten aus und speichert sie zur Abrechnung oder für andere Zwecke.
So entsteht mit der Zeit ein umfassendes Bild des Nutzers. Dieser individuelle Datenschatten verrät mehr, als manchem lieb sein kann. Theoretisch hat nur der Betreiber des Servers darauf Zugriff, und der ist zu Diskretion verpflichtet. Doch ob – und wie gut – die Benutzerdaten gegen Hacker-Angriffe geschützt sind, erfährt man allenfalls durch Nachfrage beim Server-Betreiber.
Die Goldgräberstimmung im Cyberspace läßt auch Unternehmen dreist jedes Persönlichkeitsrecht vergessen. Viel Schelte heimste im Herbst vergangenen Jahres der amerikanische Software- Gigant Microsoft ein: Kaum war sein neues Betriebssystem Windows 95 auf dem Markt, als Computertüftler feststellten, daß sie zusammen mit der Programm-Novität auf ihren Rechnern eine digitale Wanze installiert hatten.
Wählte man sich nämlich in den Online-Dienst Microsoft Network ein, spionierte ein kleines Programm automatisch die Festplatte des Benutzers aus und meldete gefundene Programme per Datenleitung an dessen Schöpfer. Dadurch könne man Kunden schneller über neue Programmversionen aufklären, versuchte Firmenchef Bill Gates die ungewünschte Zugabe als Dienstleistung zu verkaufen.
Wissen ist nun einmal Macht, auch Staatsmacht. Die Regierungen von China, Singapur und der USA – mit ihrem Anfang des Jahres verabschiedeten “Communications Decency Act” – haben sich die inhaltliche Kontrolle des Internet bereits auf die Fahnen geschrieben. Kein Wunder, daß auf der erwähnten MIT-Konferenz Orwellsche Visionen umgingen. Doch mehr noch fürchtete man dort die kommerziellen Datensammler.
“Angenommen, ich beteilige mich an einer Diskussionsgruppe von Motorradfans. Eine Untersuchung könnte zu dem Schluß kommen, Motorradfahrer hätten eine verstärkte Neigung, Fleisch zu essen. Bald darauf landet Werbung für Oscar Meyers Gefrierfleisch-Produkte in meinem E-mail-Briefkasten. Dann entscheidet ein Tabakkonzern, weil ich auf Oscar Meyers Liste stehe, müßte ich auch Raucher sein. So gerate ich in immer mehr Datenbanken”, prangerte Schriftsteller Cadigan die “Gier nach Information” an.
Zwar würden kryptografische Verfahren die Tür zu persönlichen Informationen schließen – zumindest gegenüber heimlichen Lauschern. Mit verschlüsselten Daten ließe sich auch im Netz ungestört kommunizieren. Doch viele Unternehmen vergessen die einfachsten Regeln des Vertrauensschutzes.
Hinzu kommt: Viele Politiker meinen, nur Verbrecher und Spione hätten etwas zu verbergen. Daher wollen sie Verschlüsselungsverfahren den Geheimdiensten vorbehalten und betrachten entsprechende Software wie etwa das Programm PGP (Pretty Good Privacy) mit Argwohn.
In Frankreich darf längst nicht jeder seine Daten codieren. In den USA verbieten strenge Gesetze den Export von Verschlüsselungs-Software. Das kleine, aber wirkungsvolle PGP-Programm des amerikanischen Computertüftlers Philip Zimmermann steht dennoch zum kostenlosen Herunterladen im Internet für jeden bereit – sogar auf einem amerikanischen Rechner. Die Internet-Adresse lautet: http://www.ifi.uio.no/pgp/
Krypto-Streit und Kassandrarufe, Hysterie und Euphorie bestimmen die Diskussion über die vernetzte Gesellschaft. Jede neue, in ihren Wirkungen noch nicht deutlich überschaubare Technologie gebiert ihre eigenen Phantome. Die ersten Computer in den fünfziger Jahren inspirierten Schriftsteller dazu, weltbeherrschende Elektronenhirne zu schaffen. Das neue Zeitalter der Computernetze schuf beispielsweise den Stoff für den Kinofilm “Das Netz”. Darin manipulieren machthungrige Computerspezialisten digitale Daten und bringen die Heldin um Identität und Freunde.
Auch schlichtes technisches Versagen der Maschinerie kann fatale Folgen haben. Das Schicksal von Martin Lee Dement ist nur eines von vielen. Zwei Jahre verbrachte der Kalifornier unschuldig im Gefängnis von Los Angeles. Er war das Opfer eines neu eingeführten, vollautomatischen Fingerabdruck-Systems. Anhand der eingescannten Daten brachte ihn das System mit einem Verbrechen in Verbindung. Erst die klassische Abnahme seiner Fingerabdrücke mit Tinte und Stempelkissen bewies nachträglich seine Unschuld.
Ernüchterndes förderte Anfang 1996 die Bilanz eines britischen Großprojekts zutage. In 250 Orten, verteilt über das ganze Land, hatte die Regierung Kameras installieren lassen. “Virtuelle Polizisten” sollten zum technologischen Flaggschiff im Kampf gegen die Kriminalität werden. Erst im November 1995 spendierten die Behörden für umgerechnet 60 Millionen Mark den Bürgern weitere 10000 elektronische Beobachter.
Zumindest in Kings Lynn in der Grafschaft Norfolk, einem Einsatzschwerpunkt der digitalen Überwacher, entpuppten sich die Ergebnisse nach einer Untersuchung des britischen Innenministeriums als banal: Am häufigsten erfaßten die Polizeikameras Mitbürger, die Unrat auf den Straßen fallen ließen oder öffentlich urinierten.
Ruth Henke





