„Wir wissen nicht, wann sie kommt. Wir wissen nicht, wo sie beginnen wird. Wir wissen nicht, wie schlimm sie wird. Wir wissen nicht einmal, welches Virus der Auslöser sein wird”, antwortete David Nabarro in einem Interview der BBC auf die Frage, wie groß die Gefahr einer weltweiten Grippe-Epidemie mit Millionen von Toten sei. Das war im November 2005. Kurz zuvor war Nabarro von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) abkommandiert und zum Chef-Koordinator der Vereinten Nationen im Kampf gegen die Grippe ernannt worden.
Nur eines sei gewiss, erklärte der frisch gekürte Seuchenwächter: „Früher oder später wird es die nächste Grippe-Pandemie geben.” Mit vielen Toten sei dann zu rechnen und mit „Schäden an den Sozial- und Wirtschaftssystemen” der Welt. Deren Ausmaß würde die Folgen der globalen Erwärmung und der Aids-Epidemie bei Weitem übertreffen. „Nein, nein und nochmals nein!”, rief er allen Zweiflern entgegen. „Die Welt ist auf einen solchen Ausbruch nicht vorbereitet.”
MAULKORB FÜR DEN EXPERTEN
Die politische Brisanz seiner Warnungen bekam Nabarro sofort zu spüren. Als er trotz aller Ungewissheiten Zahlen nannte und sagte, die kommende Seuche könne „zwischen 5 und 150 Millionen Menschen” töten, distanzierte sich die WHO sofort von ihrem früheren Mitarbeiter. „Ich denke nicht, dass Sie Dr. Nabarro so etwas noch einmal werden sagen hören”, formulierte Dick Thompson, Grippe-Sprecher der WHO, auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz und gab die „offizielle” Schätzung seiner Organisation bekannt: Zwischen 2 und 7,4 Millionen Menschen werden bei der nächsten Grippe-Pandemie sterben.
Das Hickhack um Nabarro illustriert die schwierige Gratwanderung der Experten: Die Öffentlichkeit soll gewarnt und die Entscheidungsträger in der Politik sollen zum Handeln getrieben werden. Gleichzeitig will sich niemand dem Vorwurf aussetzen, Panikmache zu betreiben. Das erklärt die enorme Spannbreite der Vorhersagen: Um das 75-Fache unterscheiden sich alleine die Zahlen im geschilderten Beispiel.
Dabei haben Genetiker und Epidemiologen, Molekular- und Mikrobiologen in den letzten Jahren enorm viel über die Grippe gelernt. Die wahrscheinlichsten Brutstätten für die nächste Pandemie wurden in Asien geortet, und die Ausbreitungsmuster der Erreger sind aufs Genaueste kartiert. Bis ins letzte Detail kennt man inzwischen das Erbgut von Hunderten von Virus-Stämmen, die heute virulent sind oder in der Vergangenheit kursierten – einschließlich des Auslösers der fatalen Pandemie von 1918.
VOM VOGEL AUF DEN MENSCHEN
Die nächste Pandemie kommt bestimmt, lautet heute das Credo der überwältigenden Mehrheit der Experten. Und deren Auslöser wird mit großer Wahrscheinlichkeit ein Vogelgrippe-Virus sein, das sich an den Menschen angepasst hat. Die ersten Schritte dazu sind bereits geschehen. Erstmals erkrankten 1997 in Hongkong 18 Menschen an dem derzeit kursierenden Typ H5N1 (siehe „Gut zu wissen: Drift und Shift”), 6 davon starben. Immer wieder ist das Vogelgrippe-Virus seitdem auf den Menschen übergesprungen. Wie gefährlich es ist, belegt die Tatsache, dass von mittlerweile 385 Infizierten 243 gestorben sind (Stand 19.6.2008). Gezählt wurden nur die Fälle, bei denen sich der Erreger im Labor bestätigen ließ. Für eine Pandemie fehlt nur noch, dass H5N1 lernt, sich schnell von Mensch zu Mensch zu verbreiten, so wie dies seine nahen Verwandten während der alljährlich auftretenden „ Wintergrippe” tun.
Mindestens Alarmstufe Gelb wäre angezeigt und stete Wachsamkeit – doch das Thema dringt derzeit kaum ins öffentliche Bewusstsein. Psychologisch ist das durchaus verständlich. „Ein fortwährender Warnzustand führt zu Ermüdungserscheinungen”, erklärt Walter Haas, Leiter der Abteilung Infektionsepidemiologie am Robert Koch Institut (RKI) in Berlin. Haas ist mit seiner Arbeitsgruppe maßgeblich am Nationalen Influenza-Pandemieplan für Deutschland beteiligt. Dem Anhang dieses Plans kann man mehrere mögliche Szenarien entnehmen: So würden bei einer geschätzten Erkrankungsrate von 30 Prozent 13 Millionen Menschen den Arzt aufsuchen. Etwa 374 000 müssten ins Krankenhaus eingewiesen werden und über 10 0 000 würden sterben, wenn sie ohne Notfallmedikamente den wütenden Viren ausgesetzt wären. Kein anderer Infektionserreger hat derzeit ein so hohes Schadenspotenzial.
Für Haas steht fest: „Es wird zu einer neuen Grippe-Pandemie kommen”. Mit dieser Einschätzung ist der Seuchenwächter in bester Gesellschaft. Allerdings auch mit seiner Unsicherheit: „Wir wissen nicht, wann es passieren wird”, sagt Haas unisono mit allen von bdw befragten Experten. Die Computersimulationen zur Vorhersage einer Pandemie enthalten trotz großer Fortschritte in der Wissenschaft noch immer zu viele Unbekannte. Geringfügig unterschiedliche Annahmen bei den Ausgangswerten führen zu extrem unterschiedlichen Ergebnissen.
GROSSE WISSENSLÜCKEN
Verlässliche Prognosen sind schlicht unmöglich, solange man nicht weiß, wie ansteckend und gefährlich der Erreger sein wird, wie viele Menschen wie schnell einen Arzt aufsuchen, oder wie wirksam die Gegenmaßnahmen sein werden. „Die Wissenslücken sind so groß, dass es keine wissenschaftliche Basis dafür gibt, irgendetwas vorherzusagen”, bekennt Yoshihiro Kawaoka, einer der renommiertesten Grippe-Forscher der Welt.
Experten, die allzu präzise Vorhersagen wagen, riskieren deshalb ihren guten Ruf. Man schützt sich mit vagen Schätzungen und wachsweichen Formulierungen. Wer andererseits auf sich aufmerksam machen will, nennt – wie eine obskure Gruppe russischer „Experten” – Fantasiezahlen von bis zu einer Milliarde Toten weltweit für die nächste Pandemie. Das komme gut an bei vielen Medien, meint Hans Georg Kräusslich, Direktor der virologischen Abteilung der Universität Heidelberg. Sein Vorwurf: Die Presse berichte bevorzugt über extreme Vorhersagen und lasse dadurch die Debatte eskalieren. Kräusslich erinnert an den Februar des Jahres 2006, als die Vogelgrippe – von Zugvögeln verschleppt – Deutschland, Österreich, Frankreich und Griechenland erreichte. Damals wurde die Pandemie-Gefahr wochenlang öffentlich diskutiert. Das Stichwort Vogelgrippe hatte seinerzeit bei Google News 70 000 Einträge. Knapp 500 waren es dagegen Anfang 2008 und nur noch 232 Ende Juni. Dennoch hat sich das Risiko für eine Grippe-Pandemie seit 2006 nicht grundlegend geändert, meint RKI-Experte Haas: „Was sich verändert hat, ist lediglich die Wahrnehmung des Risikos.” Bei diesem Auf und Ab ist es kein Wunder, dass Skeptiker argwöhnen, die Zahlen würden von Lobbyisten beeinflusst oder gar „frisiert”. Die Hauptverdächtigen sind schnell gefunden. „Ein Gewinner steht bereits heute fest: die Pharmaindustrie, vor allem die Hersteller antiviraler Medikamente und Grippe-Impfstoffe”, heißt es wörtlich in dem Report „Pandemie – Risiko mit großer Wirkung”, den die Allianz, das führende Versicherungsunternehmen Deutschlands, gemeinsam mit dem Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI Essen) Mitte 2006 vorgelegt hat. Die Kosten einer Grippe-Impfung für Selbstzahler liegen bei etwa 25 Euro, Notfallmedikamente wie Tamiflu und Relenza gibt es in der Apotheke für etwa 35 Euro pro Packung. Auf Kongressen und in Fachzeitschriften sind Unternehmen wie GlaxoSmithKline, Sanofi-Aventis, Roche und Novartis allgegenwärtig. Fast alle unterhalten eigene Webseiten zum Thema, beliefern Ärzte mit kostenlosen Informationsmaterialien für die Praxis, und auch an der Finanzierung des deutschen und des europäischen Überwachungsnetzwerkes zur Influenza mit jeweils Tausenden von Teilnehmern ist die Pharmaindustrie beteiligt.
SCHLAGZEILEN SORGEN FÜR IMPFSTOFFE
Und doch war sie nicht die Erste, die Alarm schlug. „Wir müssen fairerweise sagen, dass die Arznei- und Impfstoffherstellung bei der Industrie zunächst nicht besonders verfolgt wurden”, sagt Hans-Dieter Klenk vom Institut für Virologie der Universitätsklinik Marburg. „Erst durch die Appelle und Warnungen von uns Wissenschaftlern ist die Öffentlichkeit aufmerksam geworden. Die WHO sowie einzelne Länder und Betriebe haben auf unser Drängen hin Notfallpläne verabschiedet – und erst dann hat die Industrie sich vermehrt um das Problem gekümmert.”
Die Nachfrage bestimme eben das Angebot, erklärt Florian Martius, Pressesprecher der Firma GlaxoSmithKline. „Als 2006 die Vogelgrippe in Deutschland Schlagzeilen machte, standen die Vertreter von rund 50 Regierungen bei unserer Firma Schlange, um sich mit Medikamenten einzudecken und die Versorgung mit Impfstoffen für den Ernstfall sicherzustellen.” Doch kaum war das Medienecho vorbei, stornierten auch schon die ersten Kunden ihre Bestellungen. „Erst gab es fast eine Hysterie, und nun wird das Thema weggedrückt”, kommentiert Florian Martius. Vorwürfe, dass Pharmaunternehmen die Hysterie mit angefacht hätten, weist er zurück. „Wir beraten natürlich gerne auf Anfrage, aber letztlich sind es die Politik und die Gesellschaft, die über die Höhe des Schutzwalls entscheiden müssen.”
Politiker haben ihren eigenen Mix an Interessen: Sie müssen für Sicherheit und Ordnung sorgen, dabei aufs Image achten – und Kosten sparen. Doch eine gute Vorbereitung gibt es nicht zum Nulltarif. Das hat auch der viel gescholtene US-Präsident George W. Bush erkannt. Er nutzte den Presserummel um die Vogelgrippe Ende 2005, um ein 3,8 Milliarden Dollar teures Bündel von Abwehrmaßnahmen gegen eine Pandemie in die Wege zu leiten. Schritt für Schritt haben die USA seitdem die Empfehlungen eigener und internationaler Experten umgesetzt und ihren Pandemieplan nun bereits zum fünften Mal überarbeitet.
VIER GÜLTIGE REZEPTE
Die gute Nachricht lautet, dass sich die internationalen Experten weitgehend einig sind darüber, welche Gegenmaßnahmen in welcher Reihenfolge ergriffen werden müssen, um die sich anbahnende Katastrophe in Grenzen zu halten:
· Der beste Schutz vor einer Pandemie wäre, einen möglichst großen Teil der Bevölkerung möglichst früh zu impfen. Zwei Hindernisse gilt es dabei zu überwinden: Erstens ist der genaue Typ des Erregers erst zum Zeitpunkt des Ausbruchs bekannt, eine vorsorgliche Produktion mit Lagerhaltung ist daher bisher nicht möglich. Das zweite Problem besteht darin, den Impfstoff binnen kürzester Zeit in der nötigen Menge herzustellen. Für die „ normale” Wintergrippe beträgt die Produktionskapazität derzeit annähernd 350 Millionen Dosen weltweit. Selbst wenn alle Produktionsstätten zur Herstellung eines pandemischen Impfstoffes genutzt würden, ließe sich damit nicht einmal ein Drittel der EU-Bevölkerung versorgen. Mit verschiedenen Kunstgriffen hofft man zwar, im Ernstfall den Ausstoß zu verzehnfachen. Die Vorlaufzeit zur Produktion des Impfstoffes von mindestens drei Monaten ließ sich bisher aber nicht wesentlich verkürzen. Und zur Herstellung von 80 Millionen Impfdosen für die deutsche Bevölkerung würden zumindest weitere zehn Wochen benötigt, urteilen Experten des Paul-Ehrlich-Instituts.
· Als erste Verteidigungslinie sollen daher im Ernstfall spezielle Medikamente die Ausbreitung der Seuche bremsen: die Neuraminidase-Hemmer. Sie greifen einen Eiweißkörper auf der Außenseite des Grippe-Virus an (siehe „Gut zu wissen: Drift und Shift”). Zwei Präparate stehen zur Verfügung: Tamiflu und Relenza. Laut einer Empfehlung der WHO sollen davon Vorräte für 20 Prozent der Bevölkerung angelegt werden. Vermutlich würde dies ausreichen, um die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten.
· Die Koordination zwischen den Behörden und dem Katastrophenschutz, zwischen Ärzten, Sanitätern und der Polizei muss verbessert und eingeübt werden, damit im Ernstfall kein Chaos ausbricht.
· Um den Schutzwall weiter zu erhöhen, steht seit Mai ein „ Prä-Pandemischer Impfstoff” der Firma GlaxoSmithKline bereit, der schon vor dem Ausbruch einer Pandemie verabreicht werden kann. Er besteht aus einem Mix der „üblichen Verdächtigen” unter den derzeit kursierenden Grippe-Viren – und man hofft, dass er auch gegen eine neue Variante hilft. Die Schweiz hat bereits acht Millionen Dosen dieses neuen Impfstoffes gekauft. Auch Finnland will ihn haben, während deutsche Behörden zurzeit noch über die Zuständigkeiten diskutieren.
MITTELALTERLICHE KLEINSTAATEREI
Gesundheit ist in Deutschland Ländersache. Zwar existiert ein Nationaler Influenza-Pandemieplan, und der strotzt vor wissenschaftlich abgesicherten Empfehlungen. Die Umsetzung durch die Bundesländer erinnert jedoch mehr an mittelalterliche Kleinstaaterei als eine koordinierte Gefahrenabwehr. Alle Bundesländer hätten mittlerweile konkrete Pandemiepläne und arbeiteten an deren Umsetzung, versichert Walter Haas vom RKI. Aber: Noch sind längst nicht alle Länder der Empfehlung im Nationalen Influenza-Pandemieplan gefolgt, antivirale Arzneimittel für 20 Prozent der Bevölkerung zurückzulegen (siehe Karte „Defizite im Norden”).
Im Krisenfall, sagt Haas voraus, werden die Menschen die regional unterschiedliche Vorbereitung bemerken und dementsprechend „kritisch reagieren”. Doch er legt Wert auf die Feststellung, dass man in Deutschland „auch ohne große Schlagzeilen in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht” habe – was immer das bedeuten mag „Die Betten für Infizierte in deutschen Krankenhäusern dürften im Katastrophenfall nicht ausreichen”, heißt es dagegen im Allianz-Report. Und weiter: „Im Falle einer schweren Pandemie stünde beispielsweise in Berlin nur für jeden vierten Patienten ein Intensivbett zur Verfügung.”
Nicht alles, was machbar ist, sei auch sinnvoll, betont dagegen Hans-Dieter Klenk. Der Marburger Virologe hat Verständnis dafür, dass in Deutschland nicht jede erdenkliche Vorsorgemaßnahme ergriffen wird. „Medikamente und Impfstoffe halten jeweils nur wenige Jahre. Erste Fälle von Resistenzen gegen die Neuraminidase-Hemmer sind aufgetaucht und sorgen in Expertenkreisen für Beunruhigung. Und ob der Prä-Pandemische Impfstoff wirklich schützt, wird sich erst im Ernstfall erweisen.” Zudem müsste er in Abhängigkeit von den sich stets verändernden Viren alle paar Jahre erneuert werden. All das koste eine Menge Geld, das möglicherweise anderswo nutzbringender wäre.
Dennoch warnt der Influenza-Experte: „H5N1 ist nach wie vor unter uns, und das Risiko hat in den vergangenen fünf Jahren eher zu- als abgenommen. Das Problem ist nicht vom Tisch, die Bedrohung ist da. Auch wenn manche Medien 2006 beim erstmaligen Auftreten der Vogelgrippe in Deutschland vielleicht überreagiert haben, so ist heute und in Zukunft Wachsamkeit dringend geboten.” ■
bdw-Autor MICHAEL SIMM wohnt in Offenburg. In Frankreich oder in der Schweiz würde er sich sicherer fühlen, wenn die große Grippe kommt.
von Michael Simm
GUT ZU WISSEN: DRIFT UND SHIFT
Anders als bei vielen anderen Krankheitserregern muss der Grippe-Impfstoff ständig an die neuen Viren angepasst werden. Denn die Erreger wechseln immer wieder ihre Hülle. Zwei Eiweißmoleküle auf der Oberfläche – Hämagglutinin (H) und Neuraminidase (N) – sind entscheidend dafür, dass die Viren sich an die Zellen der Atemwege anheften können und nach erfolgreicher Vermehrung wieder freikommen. 16 H- und 9 N-Varianten sind bekannt. So besitzen die aktuell kursierenden gefährlichen Vogelgrippe-Viren die Kombination H5N1, während die bei uns im Winter grassierenden saisonalen Grippe-Epidemien zuletzt von Viren des Typs H1N1 und H3N2 verursacht wurden.
Durch zufällige kleine Mutationen verändern sich H und N im Laufe der Zeit – ein Vorgang, der als Antigen-Drift bezeichnet wird. Bei der wohl schlimmsten Seuche der Geschichte, der Spanischen Grippe von 1918, hat die Antigen-Drift dazu geführt, dass ein reines Vogelgrippe-Virus die Artgrenze übersprang und sich mit tödlicher Effizienz von Mensch zu Mensch ausbreitete.
Sehr viel seltener als Antigen-Drift ist Antigen-Shift. Hier kommt es durch den Austausch von Genen zu einer sprunghaften Veränderung der Virusoberfläche. Dies kann beispielsweise geschehen, wenn ein Vogelgrippe-Virus und ein menschliches Grippe-Virus in der gleichen Zelle aufeinander treffen, sei es in einem Menschen oder in einem Tier. Derartiges hat 1957 zur Asiatischen Grippe und 1968 zur Hongkong-Grippe geführt, den beiden letzten Pandemien mit jeweils etwa einer Million Toten.
KOMPAKT
· Die Prognosen über die Folgen einer neuen Influenza-Pandemie gehen weit auseinander.
· Das liegt weniger an unterschiedlichen wirtschaftlichen Interessen als am prinzipiell kaum berechenbaren Verhalten der Viren und der Menschen.
· Politiker richten ihr Handeln nicht nach wissenschaftlichen Empfehlungen. Sie folgen den Medien, bei denen das Thema Grippe mal Konjunktur hat, mal nicht.
Internet
Informationen zu allen Aspekten der Grippe vom Robert-Koch-Institut: www.rki.de (Infektionskrankheiten von A–Z, Stichwort: Influenza)
Nicht leicht zu finden, aber ausführlich – der Nationale Influenza-Pandemieplan des RKI: www.rki.de/cln_100/nn_200120/ DE/Content/InfAZ/I/Influenza/ Influenzapandemieplan.html
Vorbildlich und übersichtlich – der Pandemie-Plan der Schweiz: www.bag.admin.ch/influenza/
Google Earth bietet eine animierte Ausbreitungskarte des Vogelgrippevirus: www.nature.com/nature/multimedia/ googleearth/Timeseries.kml (Datei herunterladen und mit Google Earth öffnen)
LESEN
Barbara Müller, Hans-Georg Kräusslich Wo bleibt die nächste Pandemie? Spektrum der Wissenschaft 4/2008, S. 78–82
„JEDER SOLLTE SICH IMPFEN LASSEN”
Kann man als Privatperson für eine Grippe-Pandemie vorsorgen?
Kaum. Es wird empfohlen, Vorräte für 14 Tage anzulegen, um sich im Fall einer Erkrankung selbst versorgen zu können. Ansonsten ist die Vorbereitung auf eine Pandemie eine klassische Aufgabe für das Gemeinwesen.
Sollte man sich vor Anbruch des Winters impfen lassen? Oder gilt das nur für bestimmte Risikogruppen?
Wir empfehlen die Impfung für die gesamte Bevölkerung. Möglicherweise bietet die normale Grippe-Impfung bei einer Pandemie einen partiellen Schutz gegen schwere Verläufe. Das lässt sich aber nicht genau vorhersagen.
Spricht etwas dagegen, dass ich mir zu Hause einen Vorrat an Grippe-Medikamenten wie Tamiflu oder Relenza anlege?
Ich sehe das kritisch. Denn die Indikation, das Medikament einzunehmen, muss ein Arzt stellen. Es wäre problematisch, wenn hochwirksame Medikamente einfach so angewendet würden. Etwa wenn jemand einen grippalen Infekt hat und denkt, es sei die Grippe. Dann gibt es mehrere negative Effekte: Das Mittel wirkt nicht. Er hat vielleicht Nebenwirkungen. Und es werden Resistenzen gefördert.
Sie befürchten nicht, dass die öffentlichen Vorräte zu knapp werden?
Es ist schon denkbar, dass es zu einem Engpass kommt. Trotzdem: Ich sehe mehr Nachteile als Vorteile in einem persönlichen Arzneivorrat.
Fühlen Sie sich für den Fall der Fälle ausreichend vorbereitet?
Ja. Hier in Stuttgart haben wir früh mit der Pandemie-Planung angefangen. Und wir haben sie abgeschlossen.
Wer wird dann Ansprechpartner für die Bürger sein?
Wir verwenden das Stuttgarter Bürgertelefon als Grippe-Hotline. Und es wird Informationen im Internet geben.





