Auch als unsere Kinder noch klein waren, haben wir es ab und zu gewagt, ein Restaurant zu besuchen. Ich glaubte jedes Mal, dass das auch für die Kinder etwas Schönes sein müsse. In den ersten Minuten konnte ich an meinem Glauben festhalten: Die Auswahl des Tisches, der Getränke und Speisen und der erste Besuch auf der Toilette sorgten für Abwechslung. Aber wenn das erste Glas Limo verschüttet war, wurde die Lage kritisch. Für solche Situationen müssen Eltern vorbereitet sein. Ein Kartenhaus bietet sich an. Zwei Bierdeckel schräg aneinander zu stellen, ist noch einfach. Aber schon ein zweigeschossiges Kartenhaus bedarf der Konzentration. Man stellt zunächst zweimal zwei Karten schräg gegeneinander, legt darüber einen waagerechten Bierdeckel als Dach und türmt dann – vorsichtig, vorsichtig – noch einmal zwei Karten auf. Ob das Kartenhaus stabil ist, hängt auch von der Unterlage ab: Auf einem glatten Tisch flutscht das Ganze leicht zusammen. Auf einem Tischtuch hält das Kartenhaus viel besser, aber wenn Sohn Christoph sich herüberbeugt, um sich einen Bierdeckel zu grapschen, verzieht sich das Tischtuch – und man hat Glück, wenn nur das Kartenhaus einfällt. Ich kann Christoph verstehen, wenn er sich die letzten Bierdeckel sichert, denn die gehen schnell zur Neige. Schon sieben Pappen sind verbraucht. Wie viele brauchen wir, um ein dreistöckiges Kartenhaus zu bauen? Christoph und Maria raffen alle erreichbaren Bierfilze zusammen. Ich bin nicht so gut im praktischen Kartenhausbauen, daher überlege ich, wie viele Bierdeckel wir brauchen werden. Ich stelle mir vor, dass das bestehende zweistöckige Bierdeckelhaus die oberen beiden Stockwerke des neuen bildet. Das „ untergeschobene” Erdgeschoss besteht dann aus dreimal zwei aneinander gelehnten Karten und den zwei waagerechten Filzpappen als oberen Abschluss. Es kommen also 8 Karten hinzu, wir brauchen insgesamt 15. „Wie viele Bierdeckel brauchen wir für ein vierstöckiges Haus?” Offenbar habe ich die Frage laut gestellt, denn Maria antwortet entgeistert: „Du schaffst ja nicht mal ein dreistöckiges! Kannst du uns nicht ein bisschen helfen?” Aber Christoph weist sie zurück: „Bloß nicht, dann schaffen wir das nie!” Trotzdem frage ich mich, wie viele Karten man für vier Stockwerke… Klar, wir heben – in Gedanken – das dreistöckige Kartenhaus hoch und bauen ein neues Erdgeschoss darunter: 4 mal 2 Karten plus 3 Deckenkarten, also 11 zusätzliche Karten, ergibt insgesamt 26. Und wie geht’s weiter, wie heißt die nächste Zahl? Die nächste Zahl wäre 40. Gibt es auch eine allgemeine Formel? Ja. Für ein Kartenhaus mit s Stockwerken braucht man genau s(3s+1)/2 Bierdeckel. Für ein Kartenhaus mit 10 Stockwerken also 10 mal 31 geteilt durch 2, also 155 Bierdeckel. Schon die Griechen haben vor 2500 Jahren solche „figurierten” Zahlen studiert: Zum Beispiel Quadratzahlen, die entstehen, wenn man ein Quadrat mit Steinklötzchen auslegt: In ein Quadrat mit der Seitenlänge 2 kann man 4 Steinchen legen, bei 3 passen 9 Klötzchen hinein. Ich bin überzeugt, die Griechen hätten auch die Kartenhauszahlen 2, 7, 15, 26… studiert – wenn Bierdeckel gebräuchlich gewesen wären. „Papa, schau doch!” ruft Maria. Und tatsächlich: Meine Kinder haben ein Kartenhaus gebaut. Mit vier Stockwerken. Das ist eine echte Leistung. Ich bin begeistert und lobe sie gebührend. Dass sie genau 26 Bierdeckel gebraucht haben und keinen mehr, und dass die alten Griechen im Prinzip ähnliche Zahlenfolgen behandelt haben – das zu erzählen, bleibt mir und ihnen erspart. Denn jetzt kommen die unvermeidlichen Schnitzel mit Pommes.





