Was in den Köpfen religiöser Menschen vor sich geht, war in den letzten Monaten Gegenstand zahlreicher Forschungen. Dabei hat sich zum Beispiel gezeigt, dass gewöhnliche religiöse Aussagen in erster Linie emotionale, nicht rationale Urteile sind (bild der wissenschaft 1/2010, „Gläubige Gehirne”). Wie aber kommen Menschen zu ihrem Glauben über Gottes Willen? Das haben Psychologen und Hirnforscher um Nicholas Epley von der University of Chicago anhand zufällig ausgewählter U-Bahnfahrer in Boston untersucht. Die überraschende Antwort: Nicht Glaubenszeugnisse anderer Menschen oder kulturell vermittelte theologische Lehren spielen die Hauptrolle, sondern Gläubige projizieren ihre eigenen Wertvorstellungen auf Gott.
Die Testpersonen sollten Aussagen über die Überzeugung von Menschen machen, die gut bekannt sind (wie George Bush) oder weniger gut (wie Bill Gates) sowie über die Überzeugung des „ Durchschnitts-Amerikaners”, über ihre eigene Überzeugung und über den Willen Gottes. Es ging dabei etwa um die Legitimität der Todesstrafe oder von Abtreibungen. Ergebnis: Bei verschiedenen Fragen blieben die vermuteten Meinungen anderer stets gleich, während die eigene Meinung und die Einschätzung Gottes variierten, und zwar bei ein und derselben Testperson auf die gleiche Weise. Gott wird also nicht als „andere Person” wahrgenommen.
Dafür sprechen auch Ergebnisse von Hirnscans mittels funktioneller Magnetresonanztomographie. Denkt man über die Überlegungen anderer Menschen nach, ist unter anderem die untere Stirnhirnregion aktiv. Reflektiert man hingegen seine eigenen Gedanken, sind besonders das mittlere vordere Stirnhirn, die vorderen Schläfenlappen, die Precuneus-Region im Scheitellappen und die Übergangsregion zwischen Schläfen- und Scheitellappen aktiv. Diese Bereiche arbeiten auch verstärkt, wenn die Testpersonen über die mutmaßlichen Einstellungen Gottes nachsinnen. Gott wird im Gehirn also nicht wie eine andere Person „verarbeitet”, sondern ist eine Projektion der eigenen Einstellungen, schlussfolgerten die Wissenschaftler.
„Die Intuition von Gottes Willen scheint das Echo der eigenen Ansichten zu sein”, schreiben die Forscher. „Menschen benutzen egozentrische Informationen, um auf Gottes Willen zu schließen, weil sie annehmen, dass die Meinungen religiöser Wesen wahr sind ,und weil jeder Mensch denkt, dass seine Meinung richtig ist.”




