von Dirk Eidemüller
Wissenschaftliche Großprojekte tauchen vor allem bei zwei Gelegenheiten in den Medien auf: entweder wenn ein spektakulärer Durchbruch gelungen ist – oder wenn ein Projekt ins Stocken gerät und Unsummen an Steuergeldern verschlingt. Dann steht schnell die Frage im Raum: Sind solche riesigen Forschungseinrichtungen wirklich unverzichtbar? Lassen sich mittlerweile nicht viele Ergebnisse einfach am Computer simulieren? Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Die Wissenschaft lebt immer von einem Wechselspiel zwischen Theorie und Experiment. Computersimulationen sind dabei hilfreich, ersetzen aber nicht die echten Daten aus dem Experiment. Unsere Autoren haben sich das im Detail angeschaut und geben auf den folgenden Seiten einen Überblick über die wichtigsten Großforschungsanlagen in Deutschland und Europa.
Es gibt auch in der Wissenschaft die Tendenz zum „höher, schneller, weiter“, und man kann und muss die Frage stellen, ob jede Investition sinnvoll ist. Insbesondere die Teilchenphysik hat mit dem Dilemma zu kämpfen, dass mittlerweile alle von der Theorie geforderten Elementarteilchen bekannt sind. Im Jahr 2012 wurde nach jahrzehntelanger Suche endlich das Higgs-Boson gefunden. Mit diesem spektakulären Fund hat der weltgrößte Teilchenbeschleuniger, der Large Hadron Collider am CERN, seinen Hauptzweck erfüllt.
Sein vorgeschlagener Nachfolger, der Future Circular Collider, soll noch deutlich größer und teurer werden und nach völlig unbekannten Teilchen Ausschau halten. Die Hoffnung ist es, die Tür zum „Dunklen Sektor“ aufzustoßen, also Hinweise auf Dunkle Materie zu finden, die im All mehr Masse ausmacht als unsere gewöhnliche Materie. Während man beim Higgs-Boson aber recht zuversichtlich war, dass man es mit dem Large Hadron Collider finden würde, ist der Bau des Future Circular Collider eine Wette mit völlig ungewissem Ausgang. Klar: Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Doch dieses Projekt ist durchaus umstritten, weil es große finanzielle und personelle Ressourcen bindet, die auch in der Teilchenphysik anderswo gebraucht werden.
Internationale Großprojekte
Einige Riesenprojekte tauchen auf den folgenden Seiten nicht auf, insbesondere das Fusionsexperiment ITER, die Internationale Raumstation ISS sowie Megateleskope wie das James-Webb-Weltraumteleskop. Zur Fusionskraft hatten wir erst kürzlich eine Titelgeschichte (Bild der Wissenschaft, 3/2026). Über die großen Teleskope berichten wir regelmäßig. Nur die ISS fällt aus dem Rahmen: Mit einem Gesamtbudget von weit über 100 Milliarden Euro ist sie mit Abstand teurer als alle anderen genannten Projekte – weshalb sie immer wieder hinterfragt wird. Sie ist allerdings auch vieles auf einmal: Außenposten der Menschheit im All, Technologielabor für den Sprung zum Mond oder zum Mars, Prestigeprojekt der beteiligten Nationen – und nicht zuletzt eine Wissenschaftsplattform, auf der Experimente zu ganz unterschiedlichen Fragestellungen durchgeführt werden.





