Ein Fund, der für Schlagzeilen sorgte: 2004 berichteten Anthropologen von den Überresten einer unbekannten Menschenform von der Insel Flores, die wegen ihrer seltsamen Merkmale schnell den Spitznamen „Hobbit“ erhielt. Den Untersuchungen zufolge wurden diese menschlichen Wesen nur etwa einen Meter groß und besaßen archaische Merkmale. Datierungen legen nahe, dass diese Hobbit-Menschen bis vor etwa 60.000 Jahren auf der Insel gelebt haben. Der Fund sorgte unter Anthropologen zunächst für heftige Kontroversen. Es schien unklar, ob es sich wirklich um eine neue Spezies aus der Gattung Homo gehandelt hat. Mittlerweile gilt dies als bestätigt – man gab den Hobbits den Namen Homo floresiensis.
Doch die Hobbits geben Anthropologen noch immer viele Rätsel auf. Es bleibt unklar, wie sie in den menschlichen Stammbaum einzuordnen sind und ob sie vielleicht genetisches Erbe in heutigen Menschen hinterlassen haben – ähnlich wie dies mittlerweile von den Neandertalern und Denisova-Menschen belegt ist. Vor allem ein Aspekt drängt diese Frage geradezu auf: Noch immer gibt es auf der Insel Flores Ureinwohner, die ebenfalls auffallend kleinwüchsig sind – sie werden nur etwa 1,45 Meter groß. Sind diese „Flores-Pygmäen“ die Erben der Hobbits?
Keine Spur von Hobbit-DNA
Um dieser Frage nachzugehen, haben die Forscher um Serena Tucci von der Princeton University nun genetische Analysen durchgeführt. 32 Flores-Pygmäen haben den Wissenschaftlern dazu ihr Erbgut zur Verfügung gestellt. Die Personen stammen aus einem Dorf in der Nähe der Liang-Bua-Höhle, in der 2004 die Hobbit-Fossilien entdeckt worden waren. Bei der Studie gab es allerdings ein Problem: Vergleichsmaterial gibt es nicht. Im Gegensatz zu Fossilien von Neandertalern konnten Wissenschaftler aus den Überresten von Homo floresiensis keine DNA gewinnen. Tucci und ihre Kollegen haben deshalb nun auf indirekte Weise nach Spuren der Hobbit-DNA im Erbgut der Flores-Pygmäen gesucht. Wie sie erklären, gibt es Hinweise im Erbgut, die Rückschlüsse darüber ermöglichen, ob bestimmte Genabschnitte von artfremden Menschenformen ins Erbgut von Homo sapiens gelangt sind – wie etwa vom Neandertaler, vom Denisova-Mensch oder aber von einem Wesen „X“.
Wie die Forscher nun berichten, fanden sie keine Hinweise auf chromosomale Stücke unbekannter Herkunft im Erbgut der Flores-Pygmäen. Mit anderen Worten: Zwischen den modernen kleinwüchsigen Inselbewohnern und den ausgestorbenen “Hobbits” scheint es keine genetische Verbindung zu geben. Im Gegensatz dazu fanden die Forscher im Erbgut der heutigen Insulaner durchaus Spuren von Genen der Neandertaler und der Denisova-Menschen. “Sie haben definitiv Neandertaler- und ein bisschen Denisova-Erbe in sich. Wir haben das erwartet, weil wir wussten, dass es eine Migration gab, die von Ozeanien nach Flores führte – also gibt es eine gemeinsame Herkunft dieser Populationen”, erklärt Tucci. Sie und ihre Kollegen sind sich recht sicher, dass sie entdeckt hätten, wenn es auch einen genetischen Einfluss des Hobbits gegeben hätte. „Es gibt aber keine Hinweis auf einen Genfluss von den Hobbits zu heutigen Menschen”, resümiert Co-Autor Richard Green von der University of California in Santa Cruz.





