Bis zu 15 000 Besucher strömen jeden Tag ins „Feiyu”, im Pekinger Universitätsviertel. Für drei bis fünf Yuan in der Stunde (umgerechnet etwa 30 bis 50 Cent) surfen sie in dem Café, dessen Name auf Deutsch etwa „Flug in den Kosmos” bedeutet. Sie schalten sich an einem der 1200 Computer ins Internet, verschicken E-Mails oder diskutieren in Foren. Denn wer in China das Internet nutzt, tut das meist in einem der rund 110 000 Internet-Cafés, auf Chinesisch: Wangba.
Bevor in einem Wangba die Rechner hochgefahren werden können, müssen die Betreiber diverse staatliche Auflagen erfüllen. Dazu gehört, dass Surfer keine anstößigen Inhalte zu sehen bekommen und dass Wangbas in Wohngebieten und in der Nähe von Schulen tabu sind. Dabei ist der elektronische Lifestyle gerade eine Sache der Jüngeren. Kaum ein Internet-Nutzer in China ist über 35, mehr als die Hälfte aber zwischen 17 und 24 Jahre alt.
Nicht alle Internet-Cafés sind öffentliche Technotempel wie das Feiyu. Um an den jungen Kunden zu verdienen, umgeht mancher Geschäftsmann staatliche Vorschriften und Jugendschutz und betreibt sein Wangba im Verborgenen. Wer in eines der illegalen Internet-Cafés Einlass begehrt, muss anklopfen, um das kleine, verrauchte Zimmer betreten zu dürfen. Drinnen stehen ein paar Computer, an denen jugendliche Nutzer laut johlend spielen oder im Internet surfen – oft die ganze Nacht lang. Sicherheitsvorkehrungen oder Brandschutzmaßnahmen gibt es hier keine – mit bisweilen fatalen Folgen: Nachdem sie nicht eingelassen wurden, legten zwei Jugendliche im Juni 2002 Feuer im Pekinger Internet-Café „Lan Si Ju” (übersetzt etwa: Blaues Supertempo). Da Türen und Fenster verrammelt waren, kamen 25 Besucher in den Flammen um. Die Behörden nahmen den Vorfall zum Anlass, alle auffindbaren Internet-Cafés im Land zu überprüfen und viele zu schließen.
Trotzdem gehört China – gemessen an der absoluten Zahl der Nutzer – zur Spitze der Internet-Nationen. 94 Millionen Chinesen haben nach Angaben des China Internet Network Information Center (CNNIC) Zugang zum Internet. Das sind mehr, als Deutschland Einwohner hat. Den Spitzenplatz nehmen die USA ein, wo über 200 Millionen Bürger online sind. Der Grad der Digitalisierung Chinas ist allerdings noch gering: Gemessen an der Einwohnerzahl sind die 94 Millionen nur eine Minderheit von 7,2 Prozent. In Deutschland sind mehr als die Hälfte der Bürger online, in den USA sogar knapp drei Viertel. Auch die Zahl der ans Internet angeschlossenen Computer in China ist mit 36,6 Millionen relativ gering. Positiv betrachtet bedeutet das: Das Wachstumspotenzial ist immens.
Gesurft wird hauptsächlich in den Städten und in Chinas entwickeltem Osten. Nach einer Studie der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften nutzen in Städten mit über 100 000 Einwohnern mehr als 27 Prozent das Web, in den Metropolen wie Peking, Shanghai oder Kanton jeder dritte Bewohner. In den ländlichen Gebieten Zentralchinas und im Westen des Landes hingegen, wo es oft genug am Nötigsten für das tägliche Leben fehlt, spielt das Internet kaum eine Rolle.
Die Zahl der chinesischsprachigen Internet-Seiten wächst unterdessen ständig. 626 000 Websites zählte das CNNIC im Sommer 2004, fast ein Drittel mehr als ein halbes Jahr zuvor. Um auch Nutzern mit wenig Computer- oder Englischkenntnissen das Netz zugänglich zu machen, werden Dienste auf die chinesischen Eigenheiten zugeschnitten: E-Mail-Adressen mit chinesischen Schriftzeichen vereinfachen die Kommunikation, ein spezielles System von Schlüsselbegriffen die Suche im Web. Da es in China kaum möglich ist, vom Namen eines Unternehmens auf dessen Web-Adresse zu schließen, hat der Anbieter Beijing 3721 Technology (kurz: 3721) ein System entwickelt, über das Nutzer ein Unternehmen im Internet finden können. Laut 3721 nutzen 90 Prozent der chinesischen Onliner diese Schlüsselwörter. Einen wahren Boom löste 2003 die Einführung der Möglichkeit aus, chinesischsprachige Internet-Adressen zu registrieren. Statt lateinischer Buchstaben erscheinen chinesische Zeichen in der Adresszeile des Browsers. Innerhalb von zwei Tagen wurden 450 000 neue Domains registriert.
Die Aktivitäten der chinesischen Internet-Nutzer unterscheiden sich kaum von denen bei uns. Zu den beliebtesten Online-Beschäftigungen gehören das Sammeln von Informationen (Nachrichten, Suchmaschinen, Online-Lektüre), Kommunikation (Chat, E-Mail, SMS, Diskussionsforen) und Unterhaltung, fand das IT-Beratungsunternehmen ChinaLabs heraus. Zurückhaltender sind die Chinesen, wenn es darum geht, online einzukaufen. Die rund 4000 E-Commerce-Anbieter der zweitgrößten Internet-Nation setzten 2003 lediglich 60 Milliarden Dollar um. Die Deutschen gaben im gleichen Jahr rund 138 Milliarden Euro im Netz aus.
Die erfolgreichsten Anbieter im chinesischen Web sind die drei Megaportale Sina.com, Sohu.com und NetEase. Sie bieten ihren Kunden alles, was das Onliner-Herz begehrt: Chat-Räume und Diskussionsforen, Web-Kataloge mit thematisch geordneten Link-Listen und Suchdienste, E-Mail-Accounts und Online-Spiele. Vor allem die Spiele sind beliebt: Bis zu 800 000 Spieler gleichzeitig tummeln sich in den virtuellen Welten von „Die Reise in den Westen” oder „Die Legende von Mir” und treiben die Kurse der Anbieter kräftig nach oben. Denn alle drei Portale sind börsennotiert – an der Nasdaq in New York.
Sie unterhalten zudem eigene Nachrichtenangebote. Dort dürfen zwar nur autorisierte Meldungen erscheinen. Dennoch sind die unabhängigen Anbieter eine ernst zu nehmende Konkurrenz für die Parteizeitung Renmin Ribao und die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua („Neues China”). Sie sind bunter, schneller – und oft auch frecher als die staatlichen Medien. „Die Portale probieren aus, wie weit sie gehen dürfen”, beschreibt Gudrun Wacker, Leiterin der Forschungsgruppe Asien bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, die Gratwanderung der Content-Anbieter. „Sie dürfen nicht an Attraktivität verlieren, weil sie nur noch Offizielles nachbeten. Aber es hat auch keinen Sinn, ständig auf Konfrontationskurs mit den Behörden zu gehen.”
Für die Regierung in Peking ist das Internet ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist ihr bewusst, dass zur Modernisierung des Landes und zum wirtschaftlichen Aufschwung moderne Kommunikationstechnik unerlässlich ist. Seit den Neunzigerjahren wird deshalb die Telekommunikations-Infrastruktur ständig ausgebaut. Inzwischen gehört das chinesische Telefonnetz mit über 300 Millionen Anschlüssen zu den größten der Welt. Nach einem Bericht des offiziellen China Internet Information Center gibt es in allen Gemeinden Chinas einen Telefonanschluss und in „ über 90 Prozent der Städte und Landkreise” einen Internet-Zugang. Doch die Regierung fürchtet einen ungehinderten Zugang zu heiklen Informationen und die unkontrollierte Kommunikation. Denn im Internet gibt es nicht nur die Web-Seiten der eigenen regulierten Medien, sondern auch solche von tibetischen Unabhängigkeitsgruppen und der verbotenen Sekte Falun Gong sowie taiwanesische Nachrichtenangebote und Seiten von Menschenrechtsaktivisten.
Damit derart Heikles gar nicht erst ins Land herein kommt, umgibt sich das virtuelle China – Tradition verpflichtet! – mit einer Großen Mauer. Sie ist nur von wenigen Toren durchbrochen, durch die bloß hereinkommt, was der Führung genehm ist. Die Tore in der digitalen Mauer sind die Gateway-Rechner, die das Land an die globalen Netze anschließen. Auf diesen Rechern laufen Filterprogramme, die die Adressen von Websites mit unerwünschten Inhalten blockieren und E-Mails nach Reizwörtern durchkämmen und filtern. Früher kamen solche Filterprogramme von amerikanischen Software-Schmieden wie Sun, Nortel, Cisco oder Microsoft. Inzwischen haben auch einheimische Hersteller entsprechende Produkte entwickelt, etwa „Wangluo Shentang” („Web-Detektiv”) des Shanghaier Unternehmens Rainsoft.
Jonathan Zittrain und Benjamin Edelman von der amerikanischen Harvard Law School wollten es genau wissen: 2002 testeten sie ein halbes Jahr lang von verschiedenen Orten in China aus den Zugang zu über 200 000 internationalen Web-Angeboten. Das Ergebnis: Bis zu 50 000 dieser Seiten waren während der Testphase mindestens einmal blockiert. 19 000 waren an mehreren Tagen von unterschiedlichen Orten nicht erreichbar. Doch die Blockaden sind nicht systematisch: So stellten die Harvard-Forscher fest, dass zwar die Seiten von Playboy und Penthouse nicht zugänglich sind, die vom Hustler Magazine hingegen schon. Westliche Nachrichtenangebote wie CNN oder BBC sind mal gesperrt und dann wieder nicht. Eine Sperrung der New York Times wurde aufgehoben, nachdem sie 2001 ein Interview mit dem damaligen Staats- und Parteichef Jiang Zemin veröffentlicht hatte.
Nicht nur politisch Missliebiges ist der Parteiführung ein Dorn im Auge. Im Zuge der jüngsten Anti-Pornographie-Kampagne im Jahr 2004 schlossen die Behörden über 1400 Angebote und nahmen mehr als 400 Verdächtige fest. Ihnen droht Hausarrest oder Haft. Besonders perfide: Das Strafmaß richtet sich nach der Beliebtheit der Website. Hatte das Angebot mehr als 250 000 Zugriffe, wandert der Betreiber sogar lebenslang hinter Gitter.
Doch nicht alles, was die Kommunistische Partei für Pornographie hält, würde man auch im Westen als solche betrachten. Die Grenzen sind eng gesteckt. China gibt sich, zumindest von offizieller Seite, prüde. Unbekleidete Körper sind etwas fürs heimische Schlafzimmer, aber nichts fürs Fernsehen oder die Leinwand.
Um sicher zu stellen, dass die Internet-Anbieter sich an die Vorgaben halten, hat sie das Ministerium für Informationsindustrie 2002 zur Selbstdisziplin verpflichtet. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua verdeutlicht den Kurs: „Die grundlegenden Prinzipien der Selbstdisziplin für die Internet-Industrie sind Patriotismus, Gesetzestreue, Fairness und Vertrauenswürdigkeit.” Für Anbieter von Inhalten, Zugangsprovider und Internet-Café-Betreiber bedeutet das, sie müssen verhindern, dass ihre Kunden Dinge zu sehen bekommen, die gegen diese Prinzipien verstoßen. Sie selbst verpflichten sich, solche Inhalte nicht zu verbreiten. Weil China für westliche Unternehmen wie Yahoo ein sehr interessanter Markt ist, beugen sie sich herrschenden Gepflogenheiten und unterzeichnen ebenfalls die Selbstverpflichtung.
Auch die Aktivitäten der Nutzer werden überwacht – von der „ Spezialpolizei zur Sicherheitskontrolle des Internet”. Gegen staatliche Auflagen zu verstoßen, ist nicht ratsam. Derzeit sitzen nach Angaben der Journalistenorganisation „Reporter ohne Grenzen” in China rund 60 Cyberdissidenten in Haft. Man wirft ihnen meist „Untergrabung der Staatsgewalt” vor.
Doch während Verhaftungen auch im Westen schnell bekannt werden, findet der größte Teil der Zensur im Verborgenen statt, in den beliebten Diskussionsforen und Chat-Räumen. Tausende Nutzer debattieren hier mit den Wangyou, den Cyber-Freunden, über Gott und die Welt. Kaum ein Internet-Angebot, das seinen Nutzern nicht die Möglichkeit zum Meinungsaustausch einräumt. Damit alle Debatten stets in den vorgesehenen Bahnen verlaufen, wachen Moderatoren im Auftrag der Betreiber über die Foren. Ihre Aufgabe ist es, Beiträge, die gegen die staatlichen Richtlinien verstoßen, zu entfernen, und die Autoren zu verwarnen.
Die Auswirkungen des Internet auf die chinesische Gesellschaft sind aller Zensur zum Trotz nicht zu unterschätzen. Im Netz haben sich die Chinesen Freiräume geschaffen, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wären. In den Foren und Chat-Räumen diskutieren sie offen über Themen wie Aids oder Homosexualität, die früher tabu waren. Hier bietet sich die Möglichkeit, anderen die eigene Unzufriedenheit mitzuteilen. Nachrichten über lokale Missstände erreichen in Windeseile den letzten Winkel der Nation, ohne dass die Mächtigen das verhindern können. So kam das ganze Ausmaß der Lungenkrankheit SARS, die die Führung 2003 zunächst herunterspielte, durch Diskussionen in Internet-Foren ans Licht.
Die Meinungsfreiheit ist in China schon viel größer, als es das Gesetz vorsieht. „Partei und Regierung kommen nicht mehr ohne weiteres an der öffentlichen Meinung vorbei”, resümiert Wacker. „ Man sieht immer wieder, dass das Volk Druck machen kann, wenn es will.” ■
Werner Pluta
Ohne Titel
• Rund 100 Millionen Chinesen haben bereits Zugang zum Internet.
• Besonders beliebt ist das Surfen in einem der zahlreichen Internet-Cafés.
• Die chinesische Regierung versucht durch Blockieren missliebiger Web-Seiten und harte Strafen, das Internet von unerwünschten Inhalten sauber zu halten.
COMMUNITY internet
Das Pekinger Internet-Café Feiyu:
www.feiyu.com.cn/wangba/index.php
China Internet Network Information Center:
www.cnnic.net.cn/en/index/index.htm
Die drei chinesischen Megaportale Sina.com, Sohu.com und NetEase:
www.sina.com, english.sina.com www.sohu.com, english.sohu.com www.163.com, corp.163.com
Zur Suchtechnik Beijing 3721 Technology:
www.3721.com, www.3721.com/english/about.htm
Die amtlichen Medien –
Renmin Ribao:
www.people.com.cn english.peopledaily.com.cn
Qiangguo Luntan („Starkes-Land-Forum”):
bbs.people.com.cn/bbs/chbrd?to=14
Xinhua:
www.xinhuanet.com www.xinhuanet.com/english
China Internet Information Center:
www.china.com.cn www.china.com.cn/german/index.htm
Ministerium für Informationsindustrie:
www.mii.gov.cn
„Empirical Analysis of Internet Filtering in China” (Studie der Harvard Law School):
cyber.law.harvard.edu/filtering/china/
lesen
Fang Weigui
Das Internet und China
Digital sein, digitales Sein im Reich der Mitte
Heise, Hannover 2004, € 16,–
ISBN 3-936931-20-8
Ohne Titel
Ein wichtiges ökonomisches Standbein der großen Web-Portale sind drahtlose Dienste wie der Versand von SMS oder News, heruntergeladenen Klingeltönen oder Spielen. Im Jahr 2003 machten diese Dienste 45 Prozent der Einnahmen der Webportale aus.
Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua sind die Chinesen Weltmeister im Versenden von SMS. 220 Milliarden Kurznachrichten sollen sie 2003 verschickt haben – die Hälfte aller SMS auf der ganzen Welt. Die Zahl erklärt sich auch aus den Nutzerzahlen: 260 Millionen Chinesen haben ein Mobiltelefon.
Die Sucht nach digitalen Nachrichten hat sogar neue Berufe hervorgebracht. Professionelle SMS-Schreiber verfassen im Auftrag der großen Web-Portale Mitteilungen für verschiedene Anlässe. Besonders beliebt sind Neujahrsgrüße übers Handy: Zum Beginn des chinesischen Jahres des Affen am 22. Januar 2004 verschickten die Chinesen insgesamt rund 10 Milliarden digitale Wünsche.
Der neueste Hype ist Literatur per SMS: Der Schriftsteller Qian Fuchang hat seinen Roman „Außerhalb der belagerten Festung” als Fortsetzungsgeschichte drahtlos verschickt. Dazu hat Qian den Text zunächst auf 4200 Zeichen gekürzt und in 60 handliche Fortsetzungen zu je 70 Zeichen aufgeteilt. Die Abonnenten bekamen je zwei Folgen am Tag aufs Display.





