Wissenschaftler aus den USA entdeckten ein ungewöhnliches Mittel zur Behandlung entzündlicher Darmerkrankungen.
Wie Bakterien im Joghurt, könnten Eier von Spul- oder Fadenwürmern schon bald ein normaler Bestandteil darmfreundlicher Milcherzeugnisse sein – unserem Immunsystem zuliebe. Das ergaben Forschungen von Prof. Joel Weinstock von der University of Iowa. Dem Mediziner war aufge-fallen, daß entzündliche Darmerkrankungen wie Dickdarmentzündung und Morbus Crohn in den Industrienationen immer häufiger werden: In 60 Jahren stieg die Anzahl der Erkrankten um das Zehnfache. Allein in den USA leiden heute über eine Million Menschen an Morbus Crohn und damit unter krampfartigen Bauchschmerzen, Durchfall und Fieber. In Entwicklungsländern sind derartige Darmerkrankungen dagegen fast unbekannt. Für Weinstock steckt in diesem Zusammenhang der Wurm drin: „Spul- und Fadenwürmer, sogenannte Helminthen, leben schon seit über drei Millionen Jahren mit uns”, erklärt der Mediziner. „ Dabei nützen uns die Eingeweidewürmer mehr als sie schaden. Doch mit einer übersteigerten Hygiene verdrängen wir den Wurm in uns”, meint er. Das menschliche Abwehrsystem habe Probleme, sich auf die immer sterilere Umwelt einzustellen. Bei manchen Menschen käme es deshalb zu einer Überreaktion. „Würmer bieten ihrem Wirt aus Eigennutz einen Überlebensvorteil”, meint Weinstock – etwa durch eine Stärkung der Immunabwehr. Zur Untermauerung seiner Theorie verabreichte der Mediziner sechs chronisch darmkranken Patienten einen Drink, der mit etwa 2000 Wurmeiern aus Schweinedärmen angereichert war. Die Wirkung der Mixtur dürfte selbst Skeptiker überzeugen: Bei fünf Patienten klangen die Symptome innerhalb von drei Wochen völlig ab; beim sechsten trat immerhin eine Besserung ein. „Die Eier nisten sich in den Zwölffingerdarm ein und entwickeln sich dort binnen vier Wochen zu ausgewachsenen Tieren, die bis zu zwei Zentimeter groß werden” , erklärt Weinstock. Dagegen können sie sich im Darm der Patienten weder vermehren noch in das Gewebe eindringen. Spätestens nach acht Wochen werden sie vom Körper wieder ausgeschieden. Wie die fadenförmigen Darm-Gäste genau wirken, bleibt vorerst Spekulation. Weinstock bietet eine Erklärung an: Das menschliche Immunsystem reagiert auf Eindringlinge mit einer Attacke weißer Blutkörperchen vom Typ Th1 und Th2. Während Th1-Zellen die bereits infizierten Körperzellen angreifen, stürzen sich die Th2-Zellen auf die Eindringlinge selbst. „ Entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn entstehen immer dann, wenn der Körper auf normale Bakterien im Verdauungstrakt überreagiert”, vermutet Weinstock. In solchen Fällen werde eine große Zahl von Th1-Zellen erzeugt, die schließlich den gesunden Darm zerstörten. Laut Weinstock ist die Wurm-Kur erfolgreich, weil die Helminthen verstärkt Th2-Zellen produzieren, während zugleich weniger Th1-Zellen gebildet werden. Damit würden die fehlgeleiteten Attacken gegen gesundes Gewebe unterdrückt. Weinstock ist überzeugt: „In spätestens zwei Jahren wird die ungewöhnliche Wurm-Kur breite Anwendung finden.”
Désirée Karge




