2009 wird Charles Darwin überall gefeiert. Einer feiert nicht mit: der Freiburger Mediziner Joachim Bauer. In seinem aktuellen Buch fordert er die Wissenschaft sogar auf, „Abschied vom Darwinismus” zu nehmen („Das kooperative Gen”, Hoffmann und Campe, € 19,95).
Ist Bauer ein Spielverderber? Oder gar ein fromm gewordener Wissenschaftler, der zur Schöpfungslehre übergetreten ist? Beides nicht. Der ehemalige Genforscher – Spezialgebiete: Immunsystem und menschliches Gehirn – hat nur die aktuelle Fachliteratur der Genomforscher genauer studiert als andere Evolutionstheoretiker. Und da hat er einiges gefunden, was zur alten Lehre von Mutation und Selektion als alleinigen Triebkräften der Evolution nicht recht passen will. Und schon gar nicht zu Darwins Vorstellung vom „Kampf ums Dasein”.
Zum Beispiel die „springenden Gene” oder „Transposons”, die sich auch im menschlichen Gen-Bestand reichlich finden. Entdeckt wurden sie in den 1940er Jahren von der amerikanischen Botanikerin Barbara McClintock beim Mais: Gene, die sich von ihrem angestammten Ort wegbewegen, anderswo eingliedern und dort Unfug anrichten – oder eine neue Mais-Variante erzeugen. Mit so etwas hatten die Kollegen der Genforscherin nicht gerechnet, und so dauerte es bis 1983, dass sie den Nobelpreis erhielt. Bis dahin hatte sie weitere Erkenntnisse über die springenden Gene gewonnen, die sie so zusammenfasste: „Ein Genom kann sich verändern, wenn es mit ungewohnten äußeren Bedingungen konfrontiert ist.” Das hat die moderne Genomforschung eindrucksvoll bestätigt.
Bauer beschreibt anschaulich und im Detail, was man darüber weiß: Genome verändern sich unter Umweltstress nicht blind zufällig, aber auch nicht exakt determiniert, sondern geradezu künstlerisch-kreativ, wie es nur das Leben selbst fertigbringt. Ein so verstandenes Genom ist eben nicht wehrlos dem Wüten des Zufalls ausgeliefert, und es muss nicht auf den Ausleseprozess der Umwelt (den Selektionsdruck) warten, um neue Lösungen für geänderte Zeiten zu produzieren.
Fazit: Die Evolution zeigt ein neues Gesicht, das nur ein neuer Darwin überzeugend beschreiben könnte. Bauer ruft dazu auf, den Jubilar zu korrigieren, wo es nötig ist. JR





