Sie haben eine Vorliebe für Comicfiguren auf Kleidung und Alltagsgegenständen, ziehen sich Rockmusik aus dem Internet und sind Stammgäste in den Szenelokalen der deutschen Großstädte. Sie wohnen noch bei den Eltern oder in Wohngemeinschaften, haben keine feste Beziehung und keinen Arbeitsvertrag. Die Eltern müssen ihnen finanziell zur Seite springen. Hier ist nicht etwa die Rede von wilden Teenagern, sondern von Erwachsenen zwischen Mitte 20 und Mitte 40. Der Erziehungswissenschaftler Heinz Reinders von der Universität Mannheim ordnet etwa ein Viertel der jungen Männer und Frauen dieser Gruppe zu, die es mit dem Erwachsenwerden nicht eilig hat. Das Phänomen ist in vielen westlichen Gesellschaften und allen Bildungsschichten zu beobachten.
Die Phase, in der man Geld verdient, mit einem Partner zusammenzieht, Kinder bekommt und den Eltern nicht mehr auf der Tasche liegt, verschiebt sich immer weiter nach hinten. „Diese Schritte dienen als Definition für das Erwachsensein”, erklärt der Soziologe Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld. Sie gehen mit psychologischer Reifung einher, mit Verantwortungsbewusstsein und emotionaler Kompetenz. Der Tübinger Soziologe Steffen Hillmert hat mit Kollegen am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin in einer Längsschnittstudie von 1983 und 2005 verglichen, wann bei den Deutschen diese entscheidenden Ereignisse eintreten. Bundesweit hatten 11 280 Bürger aus den Geburtsjahrgängen 1919 bis 1971 teilgenommen. Probanden, die zwischen 1949 und 1951 geboren sind, hatten im Schnitt mit knapp 20 Jahren die erste Festanstellung, im Alter von 24 den ersten eigenen Haushalt und zwei Jahre später eine feste Bindung. Mit 30 Jahren kam der erste Nachwuchs.
Anders beim Geburtsjahrgang 1971: Die erste Stelle traten die Befragten mit 23 Jahren an, ein bis zwei Jahre später zogen sie in die eigenen vier Wände, und das Kinderkriegen wurde – sofern es überhaupt geschah – auf über 35 verschoben. Ein beträchtlicher Teil der jungen Erwachsenen bleibt im „Hotel Mama” oder kehrt nach einem ersten Auszug wieder ins Elternhaus zurück – und das nicht nur aus finanziellen Gründen. „Viele junge Erwachsene fürchten sich vor dem, was die Zukunft bringt. Sie wird als unsicher empfunden, das Elternhaus und die eigene Kindheit dagegen als sicher”, meint der britische Soziologe Frank Furedi von der University of Kent. In Deutschland wohnt laut dem Mikrozensus von 2005 jeder dritte junge Erwachsene noch nach seinem 25. Geburtstag bei den Eltern. 1972 war es nur jeder fünfte. In Großbritannien ist es noch extremer: Dort zogen laut einer Studie der Bank Abbey National im Jahr 2001 tatsächlich 46 Prozent der Jugendlichen vorübergehend wieder bei den Eltern ein.
Doch wie kommt es zu der Nesthockerei? Hurrelmann sieht als Hauptursache die schwierige Lage am Arbeitsmarkt: Junge Menschen müssen oft lange auf einen Ausbildungsplatz warten. Laut dem aktuellen Nationalen Bildungsbericht sucht jeder zweite Hauptschüler länger als ein Jahr danach. Als Grund für die lange Wartezeit wird oft die mangelnde Ausbildungsreife genannt. Experten des Bundesinstituts für Berufsbildung beklagen, dass Eltern für die Ausbildung wichtige Werte wie Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Rücksichtnahme nicht mehr vermitteln würden. Laut der 15. Shell-Jugendstudie beginnt der Einstieg in die berufliche Ausbildung heute etwa im Alter von 18 Jahren. „Das ist gegenüber früheren Zeiten eine enormer Aufschub im Lebenslauf”, betont Hurrelmann. Das Durchschnittsalter von Auszubildenden liegt bei etwa 20 Jahren. 1970 waren sie im Schnitt 16,5 Jahre alt. Auch die Ausbildungs- und Studienzeiten haben sich ausgedehnt. Im Schnitt verbrachte im Jahr 2005 ein Student 14 Semester an der Uni. 1993 waren es 11,7 Semester, 1960 lediglich 10.
Auf die akademische Ausbildung folgen heute häufig mager bezahlte Praktika. Nur ein geringer Teil der Berufseinsteiger macht aus der Not eine Tugend. Wie die Anhänger der „digitalen Bohème”: Der Begriff stammt von den Berliner Autoren Holm Friebe und Sascha Lobo und meint junge Kreative, die jenseits einer Fest- anstellung ihren Lebensunterhalt in den Medien verdienen. Sie schreiben Blogs im Internet, produzieren Podcasts, vernetzen sich in Kreativ-Foren und arbeiten an ihren Laptops Texte und Webvideos aus. Geld ist der digitalen Bohème nicht so wichtig wie Anerkennung, Aufmerksamkeit und das Zugehörigkeitsgefühl.
„Solange der Job kein regelmäßiges Geld in die Tasche bringt, gründet man keine Familie, bleibt also auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen unverbindlich”, ist Hurrelmann überzeugt. Die Zahlen geben ihm recht: Männer heiraten heute im Schnitt erst mit 30 Jahren, Frauen mit 27,6. Dabei wird nur jede zweite langjährige Partnerschaft junger Menschen mit einer Eheschließung besiegelt. Dass ein Trauschein nicht mehr so attraktiv ist, hat sicher auch damit zu tun, dass heute Sexualität und Zusammenleben problemlos außerhalb der Ehe möglich sind. An diesem Punkt setzt Christian Lüders, Erziehungswissenschaftler am Deutschen Jugendinstitut in München an. Er glaubt nicht an die These vom desolaten Arbeitsmarkt: „Der wichtigste Schritt für das Erwachsen-Fühlen ist das Kinderkriegen.” Dass das aufgeschoben werde, liege nicht an Arbeit oder Geld, sondern an der „Pluralisierung der Lebensformen” : Es gibt immer weniger traditionelle Familien, dafür viele Patchwork-Familien, alleinerziehende Eltern, nichteheliche Lebensgemeinschaften und Single-Haushalte. Das Leben in dieser Vielfalt ist keineswegs einfacher: „Partnerschaft und Erziehung werden als extrem anstrengend erlebt”, erklärt Lüders. Er sieht darin den Grund, warum Beziehungen heute schneller scheitern als früher und der Wunsch nach Kindern oft auf der Strecke bleibt. Durch diesen Unwillen zur Bindung sind die jungen Erwachsenen zur „Generation Vielleicht” geworden.
„Die Art, wie die Kinder in den letzten Jahren erzogen wurden, verstärkt diesen Trend”, sagt die Entwicklungspsychologin Inge Seiffge-Krenke von der Universität Mainz. „Kinder gelten heute oft als Partner auf Augenhöhe, wodurch entwicklungsfördernde Konflikte in der Pubertät häufig vermieden werden.” Eltern versuchten zudem, die Härten des Alltags von ihren Kindern solange wie möglich fern zu halten, „pamperten” sie mit monatlichen Geldzuschüssen und vermittelten kuschelige Nestwärme. Dazu würden vor allem Scheidungseltern tendieren, die ihre Kinder auf diese Weise an sich binden wollten.
„Die Freizeit wird von vielen jungen Erwachsenen als einziger Bereich erlebt, in den es sich lohnt zu investieren”, sagt Klaus Hurrelmann. Der Freundeskreis ist ihnen extrem wichtig, das Treffen in Lieblingskneipen, die Gespräche über Kleidung, Computerspiele und die neuesten Songs. Benjamin Barber, Politologe an der University of Maryland, spitzt es zu: „Mit der Generation Vielleicht ist eine neue Art Konsument entstanden mit erwachsener Kaufkraft, aber einem kindischen, uniformierten Geschmack. Der wird durch Fastfood, pseudosportliche Kleidung, die globale Popkultur des Musiksenders MTV und Hollywoods Trickfilme befriedigt.” Das Durchschnittsalter von Videospielern ist seit den 1990er Jahren von 18 auf 29 Jahre gestiegen, stellt Johannes Fromme, Medienwissenschaftler an der Universität Magdeburg, fest. Laut einer Umfrage der Werbeagentur Jung von Matt 2006 zählen 54 Prozent der Computerspieler zum Typ „ gelegentlicher Freizeitspieler”. In dieser Gruppe liegt das Durchschnittsalter bei 44 Jahren. Die Musikindustrie überlebt derzeit fast ausschließlich deshalb, weil 30- bis 40-Jährige noch Geld für CDs ausgeben.
Auch im Design von Alltagsgegenständen lässt sich die Infantilisierung der Gesellschaft erkennen, berichtete die Journalistin Cornelia Haff in der Zeitschrift „Inspiration”. Blumenvasen in Form von übergroßen Legosteinen zeugten ebenso davon wie als Feuerwehrautos gestaltete TV-Geräte. „Solche Produkte sollen das Gefühl von Geborgenheit vermitteln”, erklärt Thomas Friedrich, Designwissenschaftler an der Freien Akademie der Künste Rhein Neckar. Am meisten überrascht: Jeder fünfte dem Alter nach Erwachsene löffelt laut Studien der Firma Hipp Babynahrung – ebenfalls mit steigender Tendenz. In Werbespots sind deshalb immer wieder Frauen um die 30 zu sehen, die von der Gläschenkost als schlank machende Mahlzeit schwärmen.
Heinz Reinders sieht auch Vorteile dieser Entwicklung: „Die Jugendlichen können sich Möglichkeiten schaffen, die bei der späteren Bewältigung des Erwachsenseins nützlich sind.” Beispielsweise hätten die ersten jungen Computerfreaks in den 1980er Jahren zwar wenig Zeit in ihre Ausbildung investiert, dafür würden sich ihre selbst beigebrachten IT-Kenntnisse heute im Berufsleben auszahlen. Hurrelmann ist da kritischer: „Es wird kaum Leistung erbracht, und Energie sowie Kreativität gehen verloren.” Durch die Ungewissheit nimmt auch die psychische Belastung zu. „Erhöhte Aggressionsbereitschaft, Drogenmissbrauch und sogar Essstörungen können die Folge sein”, meint Hurrelmann. Auch Inge Seiffge-Krenke, die kürzlich eine psychologische Studie zu „Nesthockern” vorlegte, ist skeptisch: „Die Betroffenen befinden sich in einem Entwicklungsstopp, sie stellen sich nicht den Aufgaben des Erwachsenseins und sind weniger beziehungsfähig.”
Die nachfolgenden Generationen leiden unter den Nesthockern: „ Das Absetzen von den Älteren wird erschwert, weil die Konfrontation fehlt”, erklärt Hurrelmann. Fest steht: Identität und Profil finden Jugendliche vor allem durch den Generationenkonflikt. Und das funktioniert nicht, wenn die Eltern sich als Kumpels ihrer Kinder gebärden. „Zu akzeptieren, dass man als Vater und Mutter zu den Älteren zählt, fällt vielen Eltern schwer”, meint Allan Guggenbühl, Psychologe an der Pädagogischen Hochschule in Zürich. „Sie wollen lieber sportlich, dynamisch, cool und locker sein.” ■
Kathrin Burger, Jahrgang 1973, gehört zur „Generation Vielleicht”. Auch sie fühlte sich erst richtig erwachsen, als sie ihr erstes Kind bekam.
von Kathrin Burger




