Der Darm spielt verrückt: Manche Patienten leiden an schmerzhafter Verstopfung, andere an heftigen Durchfällen. Bei vielen wechseln sich beide Beschwerden regelmäßig ab. Weil die Auslöser bisher im Dunkeln lagen, gibt es kaum eine Therapie, die wirklich hilft. Mediziner sprechen – die Verzweiflung der Betroffenen eher verharmlosend – von einem „Reizdarm”. Denn vor allem ein überreiztes Nervenkostüm soll die rhythmischen Kontraktionen des Darms (Peristaltik) stören, die normalerweise für einen geregelten Transport des Verdauungsbreis sorgen. Betroffen sind fast fünf Millionen Deutsche, Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer. Etwa die Hälfte aller Patienten in gastroenterologischen Abteilungen kommt mit einem „Reizdarm” in die Klinik.
Jetzt haben Wissenschaftler zumindest bei einem Teil der Patienten einen genetischen Defekt als möglichen Auslöser identifiziert. „Betroffene, die hauptsächlich an Durchfällen leiden, haben häufig einen veränderten Serotonin-Rezeptor in der Darmwand”, erklärt Beate Niesler, Biologin am Institut für Humangenetik des Uniklinikums Heidelberg. Der Botenstoff Serotonin hat im Körper vielfältige Aufgaben. Im Darm regt er die Peristaltik an, indem er an einen speziellen Rezeptor bindet. Dieser setzt sich aus fünf unterschiedlichen Eiweißbausteinen zusammen. Das Gen eines dieser Rezeptor-Proteine konnten die Heidelberger Forscher 2003 identifizieren. Es ist ausschließlich im Darm aktiv.
Bei genetischen Untersuchungen an über 300 Reizdarm-Patienten aus Deutschland und Großbritannien ist uns aufgefallen, dass bei ihnen dieses darmspezifische Rezeptor-Gen oft mutiert ist”, erklärt Beate Niesler. Geschädigt ist nicht das eigentliche Gen, sondern eine regulatorische Sequenz an seinem Ende. Dieser Abschnitt wird normalerweise nicht in ein Protein übersetzt, sondern hier kann sich ein kurzes RNA-Fragment anheften, das dann die Übersetzung des Gens hemmt. Die winzige Mutation – ausgetauscht ist nur ein einziger Buchstabe im genetischen Code – bewirkt, dass die hemmende RNA weniger fest bindet. Die Folge: Die Zellen der Darmwand produzieren zu viele Serotonin-Rezeptoren und reagieren deshalb sehr empfindlich auf das Hormon.
Diese Erkenntnis könnte schon bald die Reizdarm-Therapie verbessern. Seit neun Jahren gibt es mit Alosetron ein Medikament, das den Serotonin-Rezeptor blockiert. Allerdings ist es in Deutschland gar nicht, in den USA nur unter sehr strengen Auflagen zugelassen, denn es verursacht bei einem Drittel der Patienten gefährliche Verstopfungen. Beate Niesler: „Es ist nur für Patienten geeignet, bei denen der Serotonin-Rezeptor tatsächlich überaktiv ist. Bei allen anderen ist die Hemmung gefährlich.” Die Wissenschaftlerin hofft, dass sich mit einem Gen-Test künftig Patienten identifizieren lassen, die gut auf das Medikament ansprechen, und dass dessen Einsatz so sicherer wird. Die Biologin möchte mit ihren Ergebnissen auch dazu beitragen, die Kranken aus der „Simulantenecke” herauszuholen. „Reizdarm ist alles andere als eine eingebildete Krankheit, sondern verschlechtert die Lebensqualität von Millionen Menschen erheblich.” Dr. Ulrich Fricke
medinfo im September: Rheuma





