Plötzlich sprang ein Kind auf die Fahrbahn, Reifen quietschten, Autos krachten ineinander … Der Unfall fand allerdings nur auf einer Leinwand im Institut für Psychologie der Universität Würzburg statt. Die Zuschauer schrieben später auf, was sie von dem Film im Gedächtnis behalten hatten.
Mit einer anderen Unfallszene und den gleichen Probanden wiederholten die Psychologen Dr. Lioba Werth, Dr. Jens Förster und Prof. Fritz Strack den Gedächtnistest. Zuvor hatten sie die Teilnehmer falsch über die Ergebnisse der ersten Untersuchung informiert: Manchen Testpersonen sagten die Wissenschaftler, daß sie sich zwar gut Details wie etwa den Fahrzeugtyp gemerkt hätten, aber die Reihenfolge der Ereignisse falsch gewesen sei – obwohl das nicht stimmte.
Die Zuschauer ließen sich dadurch manipulieren und erinnerten sich nach dem zweiten Film deutlich schlechter an dessen zeitlichen Ablauf als beim ersten Test. “Weil sie glaubten, daß sie sich schlecht erinnern können, trauten sie ihren Erinnerungen nicht und machten Fehler”, erklärt Werth.
Manchmal kann das Gedächtnis eines Zeugen schon durch die Art, in der eine Frage gestellt wird, in die Irre geführt werden. So bejahen Menschen die Frage, ob sie “das rote Auto gesehen” haben, eher als die Frage, ob sie “ein rotes Auto” gesehen haben. Wenn ein Polizist den bestimmten Artikel verwendet, so unterstellen ihm unsichere Zeugen das Wissen, daß das Auto tatsächlich vorhanden war.
Die Würzburger Psychologen weisen darauf hin, daß auch zwei scheinbar ähnliche Fragen wie “Ist das Auto vor dem Kind ausgewichen?” oder “Erinnern Sie sich daran, daß das Auto vor dem Kind ausgewichen ist?” zu unterschiedlichen Antworten führen können. Der ersten Frage stimmen Zeugen häufiger zu als der zweiten.
Offensichtlich lassen sie bei der ersten Frage ihre Erfahrung einfließen, daß Autofahrer gewöhnlich alles versuchen, um einen Unfall zu verhindern. “Erinnerungen werden ständig durch Schlußfolgerungen beeinflußt”, ist Werth überzeugt.
Klaus Brath





