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Geerbter Schutz
Oliver Brendel ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Stehaufmännchen. Er ist Mitte 30, als er spürt, wie er nach und nach die Kontrolle über seine Arme und Beine verliert. Im Krankenhaus erfolgt dann die niederschmetternde Diagnose: Brendel hat das seltene Guillain-Barré-Syndrom (GBS), eine Autoimmunkrankheit, die…
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von CHRISTIAN WOLF
Oliver Brendel ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Stehaufmännchen. Er ist Mitte 30, als er spürt, wie er nach und nach die Kontrolle über seine Arme und Beine verliert. Im Krankenhaus erfolgt dann die niederschmetternde Diagnose: Brendel hat das seltene Guillain-Barré-Syndrom (GBS), eine Autoimmunkrankheit, die ihn innerhalb von Tagen zum Pflegefall macht. Seine Nervenbahnen sind entzündet, motorische Befehle werden nicht weitergeleitet, mehr und mehr Teile seines Körpers sind gelähmt. Im schlimmsten Fall droht ihm eine Lähmung der Atemmuskulatur.
Doch wo andere verzweifeln, bleibt er optimistisch und kämpferisch. Während andere oft Jahre brauchen, um von dieser Krankheit zu genesen, lernt er innerhalb von zwei Monaten wieder zu laufen. Ein Jahr später nimmt er sogar an seinem dritten Ironman teil und schafft den anspruchsvollen Triathlonwettkampf in Bestzeit. Über seine Erlebnisse hat Oliver Brendel ein E-Book geschrieben: „Ich bin dann mal gelähmt – Vom Ironman zum Pflegefall und zurück“. Die Geschichte ist eindrucksvoll – und unwillkürlich stellt sich die Frage, woher der Mann diese Widerstandskraft genommen hat, beziehungsweise ob andere mit dieser Krankheit klägliche Versager sind.
Bereits in den 1970er-Jahren hatte die US-amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner bei einer großen Studie über Kinder auf der hawaiianischen Insel Kauai „resiliente“ Menschen entdeckt. Das Wort ist abgeleitet vom lateinischen Wort „resilire“ für „zurückspringen, abprallen“ und bezeichnet Menschen, die psychisch besonders widerstandsfähig auf Stress und Schicksalsschläge reagieren. Bei Werners Studie wurden rund 700 Kinder seit der Geburt im Jahr 1955 über 40 Jahre beobachtet und getestet. Obwohl 200 von ihnen unter schwierigen Verhältnissen wie großer Armut aufgewachsen waren, wurden 70 davon nicht aus der Bahn geworfen. Sie waren weder straffällig geworden noch auf Sozialhilfe angewiesen, sondern hatten sich zu selbstbewussten Menschen entwickelt, die ihr Leben kompetent meisterten.
Brendel ist also kein Einzelfall. Doch woher kommt Resilienz, und was steuert diese Widerstandskraft?
Biologische Schutzmechanismen
Seit Anbeginn war menschliches Leben Gefahren wie Krankheit, Not, Stress und Schicksalsschlägen ausgesetzt: Durch diese harte Schule der Natur haben sich biologische Schutz- und Bewältigungsmechanismen entwickelt, die sich in unsere Gene eingeschrieben haben. „Gene spielen eine wichtige Rolle beim Thema Resilienz“, sagt der Psychiater Klaus-Peter Lesch von der Universität Würzburg. „Der Mensch ist ja ein Erfolgsmodell der Evolution und mit vielen Resilienzgenen ausgestattet. Sonst hätte er es nicht durch die Evolutionsgeschichte geschafft.“ Es gebe aber nicht ein einziges Resilienz-Gen. „Man muss vielmehr davon ausgehen, dass Hunderte von Genen im Zusammenspiel mit Umweltfaktoren wie der Erziehung zu einer höheren Resilienz beitragen.“
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Dass Persönlichkeitsmerkmale wie eine gute Motivation oder ein positives Gefühlsleben Menschen widerstandsfähiger gegen Stress und schwierige Lebenssituationen machen, ist schon länger bekannt. Solche Merkmale werden in der frühen Kindheit und Jugendzeit durch das Elternhaus und die Freunde in Schule oder Sportverein mitgeprägt. Zum anderen haben aber eben auch Gene ein gewichtiges Wörtchen mitzureden. Eine ganze Reihe von Genen nimmt Einfluss auf unser Gefühlsleben und unsere Motivation. „Der Hintergrund für eine resilienzfördernde positive Emotionalität sind Gene, die bestimmte Botenstoffsysteme im Gehirn beeinflussen, etwa das Serotonin- und das Dopamin-System“, sagt Klaus-Peter Lesch. Serotonin ist ein Botenstoff, der im Nervensystem Informationen weitergibt. Im Volksmund gilt es als „Glückshormon“, denn es beeinflusst wesentlich unsere Stimmung. Dopamin wiederum ist im Belohnungssystem des Gehirns der Hauptakteur und gilt daher als großer Motivator.
Lange oder kurze Gen-Variante?
Nicht alle Menschen sind gleichermaßen resilient. Ob sie von Schicksalsschlägen niedergestreckt werden oder sich wieder aufrappeln, hängt auch davon ab, in welchen Varianten bestimmte Gene vorliegen. Schon länger im Visier haben Forscher ein ganz bestimmtes Gen – SLC6A4 – im Serotoninsystem des Gehirns. Es enthält die Bauanleitung für den Serotonin-Transporter. Dabei handelt es sich um ein Molekül, das in den Synapsen, den Verbindungen zwischen Nervenzellen, die verfügbare Menge von Serotonin und damit die Stimmung eines Menschen beeinflusst. Auf dem Gen SLC6A4 gibt es zwei Varianten, eine lange und eine kurze. Dieser Längen-Polymorphismus wird als 5HTTLPR bezeichnet und ist mit individuellen Unterschieden in der emotionalen Belastbarkeit verbunden.
Bei der kurzen Variante kann die im Gen gespeicherte Bauanleitung nicht so gut abgelesen werden, und in der Folge werden im Gehirn weniger Serotonin-Transportermoleküle hergestellt. Klaus-Peter Lesch hat in Studien gezeigt: „Träger der verkürzten Variante des Serotonintransporter-Gens sind ängstlicher und stressempfindlicher als Menschen, die von ihren Vorfahren die lange Version des Gens geerbt haben.“ Das bedeutet umgekehrt: Menschen mit der langen Variante sind weniger ängstlich und stressanfällig. Sie haben von der Natur einen stärkeren psychischen Schutzschild mit auf den Weg bekommen.
Um zu verstehen, warum Menschen so unterschiedlich auf Stress reagieren, hilft ein genauerer Blick auf das Stresssystem. Geraten wir unter Druck, läuft ein evolutionär altes Programm in unserem Körper ab. Signale werden die sogenannte Stresshormonachse entlanggeschickt, an deren Ende Stresshormone wie Cortisol ausgeschüttet werden. In der Folge steigen die Herzfrequenz und der Blutdruck. Mehr Blut fließt zu den Muskeln. So kann der Organismus angepasst an den Stressauslöser antworten und mehr Energiequellen anzapfen. Es gibt auch eine eingebaute Stressbremse, um die Stressreaktion wieder herunterzufahren: Wenn Stresshormone wie Cortisol an entsprechende Rezeptoren im Gehirn andocken, wirken sie hemmend – sie dämpfen die Stressreaktion.
Wie schnell die Stressreaktion heruntergefahren wird, unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. Mitverantwortlich dafür ist das Gen FKBP5, das den Bauplan für das gleichnamige Protein enthält. „FKBP5 ist eine Art Stressschalter, der in vielen unterschiedlichen Geweben, etwa im Nervengewebe, durch Stresshormone angeschaltet wird“, sagt Elisabeth Binder, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. „Aus Tierstudien wissen wir: Wenn zu viel FKBP5 vorhanden ist, sind die Tiere weniger resilient gegen Stress und Traumata.“ Einer der Gründe dafür: Durch zu viel FKBP5 nimmt die Empfindlichkeit des Stresshormonrezeptors für Cortisol ab. Dadurch wird diese Stressbremse weniger stark aktiviert, was letztlich zu einer verlängerten Stressantwort führt.
Starker Stress in der Kindheit
„Der Körper will zwar, dass FKBP5 aktiviert wird, aber eine überschießende Aktivierung ist unvorteilhaft“, sagt Elisabeth Binder. Sie und ihre Kollegen haben in Studien gezeigt: Je nachdem, welche Genvariante von FKBP5 vorliegt, wird das Protein unterschiedlich stark durch Stresshormone angeschaltet. „Träger der Genvariante, die für mehr FKBP5 sorgt, sind in der Folge weniger resilient gegen Stress und Traumata und anfälliger für psychische Störungen wie Depressionen.“
Diese ungünstige Genvariante allein ist aber nicht verantwortlich für eine überschießende Aktivierung von FKBP5. „Hinzu kommen muss starker Stress in der Kindheit, der zu epigenetischen Veränderungen im FKBP5-Gen führt“, so die Münchner Psychiaterin. Ganz allgemein entscheiden epigenetische Mechanismen – im Prinzip biochemische Schalter an den Genen – darüber, ob ein Gen abgelesen und damit aktiv wird.
Bei extremem Stress in der Kindheit, etwa durch sexuellen Missbrauch, werden von der DNA im FKBP5-Gen sogenannte Metyhlgruppen abgespalten. Dadurch kann das Gen leichter abgelesen und aktiviert werden. Verfügen Menschen hingegen über die schützende Genvariante, bleibt es selbst bei diesem enormen Stress beim normalen Ablesen des Stressschalters und einer kürzeren Stressantwort. Wichtig für psychische Widerstandskraft sind also Genvarianten, die dafür sorgen, dass sich die Stressreaktion im Rahmen hält.
Eine Hirnregion, die mit körpereigenen Stressbremsen in Form von Stresshormonrezeptoren besonders reich ausgestattet ist, ist der Hippocampus. Das könnte einer der Gründe dafür sein, warum diese Seepferdchen förmige Hirnregion eine große Rolle für die psychische Widerstandskraft spielt. Denn mehr graue Substanz im Hippocampus, die hauptsächlich aus Nervenzellkörpern besteht, geht mit größerer Resilienz einher.
Und auch wenn viele Studien mit bildgebenden Verfahren wie Magnetresonanztomographie unter einer geringen Probandenzahl leiden: Es zeichnet sich ab, dass noch eine weitere Hirnregion als Schutzfaktor gegen die Anfeindungen des Lebens dient – der präfrontale Cortex, der direkt hinter der Stirn liegt. Mithilfe dieses obersten Kontrollzentrums im Gehirn gelingt es uns, Handlungen zu planen, unsere Impulse im Zaum zu halten und Emotionen zu regulieren.
Aktivierung des präfrontalen Cortex
In einer Übersichtsarbeit von 2018 berichtete der Psychiater Erich Seifritz von der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich von Untersuchungen, bei denen zwei Gruppen von Menschen mit traumatischen Erlebnissen wie sexuellem Missbrauch miteinander verglichen wurden: solche, die infolge der Erlebnisse eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt hatten, mit anderen, die trotz ähnlich schlimmer Erfahrungen gesund geblieben waren. Es zeigte sich: Die resilienten Probanden aktivierten bei Aufgaben, in denen sie bewusst ihre Emotionen regulieren sollten, stärker den präfrontalen Cortex. Die Fähigkeit, bei negativen Erlebnissen die Gefühle auf diese Weise herunterzuregulieren, könnte also helfen, sich nach schwer belastenden Erlebnissen neu zu justieren.
Dieses emotionale Anpassen an übermäßigen Stress oder Schicksalsschläge verlangt den grauen Zellen einige Flexibilität ab. Doch das Gehirn ist nicht immer dazu in der Lage, wie sich am Beispiel der Depression zeigt. Der präfrontale Cortex unterhält Verbindungen mit dem Mandelkern, einem wichtigen Emotionszentrum im Gehirn, das auch Ängste verarbeitet.
„Bei Menschen mit Depressionen korreliert die Aktivität des Mandelkerns stärker mit dem präfrontalen Cortex“, sagt Erich Seifritz. Das bedeutet: Diese Regionen schwingen stärker im Gleichtakt als bei Menschen ohne Depressionen. Sie sind starrer miteinander verkabelt. Um das zu illustrieren, greift Seifritz zu einer Analogie: „Ein Gummiball ist durch seine Elastizität resilienter als eine Glasflasche.“ Mit Resilienz wird in der Werkstoffkunde beschrieben, wie viel Druck und andere Kräfte ein Körper aushalten kann, bevor er bricht. In der Psychologie bezeichnet Resilienz, wie gut sich ein Gehirn oder ein Organismus bei äußerem Stress anpassen kann. „Sind Hirnregionen wie der Mandelkern und der präfrontale Cortex starrer miteinander verkabelt, ist das Gehirn vermutlich weniger ,elastisch‘, also weniger anpassungsfähig gegenüber äußeren Stressereignissen.“
Eine gewisse Elastizität der grauen Zellen ist also offenbar wichtig, damit in der Psyche nicht so schnell etwas zerbricht. So kann man auch nach einem harten Schicksalsschlag wieder aufstehen – wie der Ironman Oliver Brendel.
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