Bis vor einigen Monaten waren die Grenzen klar abgesteckt: Mit dem Handy konnte man telefonieren, SMS-Kurznachrichten versenden und via WAP-Portal aufs Internet zugreifen. Mit dem PDA, dem „ Persönlichen Digitalen Assistenten” – einem handlichen Computer im Taschenformat –, ließen sich Adressen verwalten, Notizen speichern und Termine planen. Nun aber verwischt diese Trennung immer mehr: Längst verfügen auch viele Mobiltelefone über Adressbuch, Terminkalender und andere Office-Funktionen, und die Westentaschen-Computer mutieren allmählich zu multifunktionellen Tausendsassas, mit denen man MP3-Audiodateien abspielen, diktierte Notizen aufnehmen, digitale Fotos anschauen und bearbeiten oder sich mit Computerspielen die Zeit vertreiben kann. Nun kommen zudem Geräte auf den Markt, die es ermöglichen, via PDA zu telefonieren, E-Mails zu verschicken und Daten aus dem World Wide Web zu fischen. Einen großen Fortschritt bedeutet dabei das vor kurzem vorgestellte neue PDA-Betriebssystem von Microsoft, die „Pocket PC Phone Edition”. „Mit dieser Technologie bieten wir eine Plattform, die es Geräteherstellern erlaubt, die besten Eigenschaften des PDA mit denen eines Mobiltelefons zu kombinieren”, schwärmte Microsoft-Chef Steve Ballmer auf einer Pressekonferenz zur Cebit im März dieses Jahres – und kündigte gleichzeitig den ersten in Europa erhältlichen PDA an, der auf das telefontaugliche Betriebssystem des Software-Giganten aus Redmond baut: Den „xda” von mmO2 – einem britischen Unternehmen, zu dem auch der deutsche Mobilfunkbetreiber Viag Interkom gehört – soll es ab Ende Mai zu kaufen geben. Das Besondere an der darin werkelnden Microsoft-Software: Sie verschmilzt den Datenspeicher des Taschencomputers mit einer Mobiltelefon-Einheit. So genügt ein Klick auf eine in der Adressenliste eingetragene Telefonnummer oder E-Mail-Adresse, um eine Kurznachricht oder E-Mail abzuschicken oder die angeklickte Nummer anzurufen. Umgekehrt kann man während eines Telefonats per Eingabestift über das Display handschriftliche Notizen in den PDA eintragen. Außerdem lassen sich Mitschnitte des Gesprächs aufnehmen. Für die Übertragung von Daten via Internet nutzt die Pocket-PC-Software den vergleichsweise schnellen GPRS-Standard, bei dem die Informationen als kleine Paketchen verpackt übermittelt werden. Klar scheint: Die Pocket PC Phone Edition macht es einfacher, das PDA als Mobiltelefon zu nutzen. Bislang gab es dafür meist nur halbherzige und wenig praktische Lösungen: zum Beispiel das Telefonmodul „VisorPhone”, das sich an der Geräterückseite der Visor-PDAs des US-Herstellers Handspring aufstecken lässt und den Westentaschen-Computer so zum Handy aufrüstet – ihn aber gleichzeitig zu einem ziemlich unhandlichen Klotz werden lässt. Seit März dieses Jahres hat allerdings auch Handspring mit dem Treo 180 einen Pocket-Computer mit integrierter Telefoneinheit im Programm. Ab dem Sommer soll mit dem Treo 270 ein weiteres Gerät aus dieser Modellfamilie mit Farbbildschirm zu haben sein. Ebenfalls im Laufe des Sommers will Hewlett Packard mit dem Jornada 928 WDA einen PDA herausbringen, der wie der xda von mmO2 das telefonfähige Microsoft-Betriebssystem verwendet. Preis: rund 1000 Euro. Der Pocket-Computer wird zwei separate Displays besitzen: eine farbige Anzeige für die Eingabe von Daten sowie ein kleines, mit blauem Hintergrund beleuchtetes Display, das parallel zum Telefonieren verwendet werden kann. „Damit lassen sich Telefon- und Organizerfunktion unabhängig voneinander nutzen sowie Zeit und Batterie sparen”, preist Hewlett Packard die Vorteile des Display-Doubles. Mit der Pocket PC Phone Edition hofft Microsoft, bei den PDAs gegenüber dem Palm-OS-Betriebssystem an Boden zu gewinnen. Palm, der „Urvater der Taschencomputer”, dominiert bislang noch unangefochten den Markt der digitalen Assistenten. So ermittelte das Nürnberger Marktforschungsinstitut GfK für 2001 in Deutschland einen Marktanteil von rund 67 Prozent für die Geräte des kalifornischen Unternehmens, weitere sieben Prozent konnte der Palm-Ableger und jetzige Konkurrent Handspring für sich verbuchen, dessen PDAs ebenfalls mit der Palm-Betriebssoftware arbeiten. Andere Hersteller wie Compaq, Hewlett Packard, Toshiba und Casio, die statt dessen auf Systeme von Microsoft (bisher Windows CE, nun Pocket PC) setzen, brachten es im vergangenen Jahr insgesamt nur auf rund ein Viertel aller in Deutschland verkauften Pocket-Computer. Die Taschencomputer des britischen Herstellers Psion landen bei den Verkaufszahlen inzwischen unter ferner liefen. Dabei geht es auf dem PDA-Markt um viel. Den Mini-Rechnern im Westentaschenformat wird für die kommenden Jahre ein gewaltiger Aufschwung prophezeit: Während 2000 nach einer Analyse der Marktforscher von IDC weltweit rund 7 Millionen mobile Klein-computer verkauft wurden, sollen IDC-Prognosen zufolge 2003 bereits 19 Millionen Geräte über den Ladentisch gehen. Konkurrenz beim Wettlauf um die Vorherrschaft der Betriebssoftware bei den PDAs droht den beiden Kontrahenten Palm und Microsoft von Sony-Ericsson. Mit dem P 800 – einem so genannten Smartphone, das anders als ein PDA neben einem berührungsempfindlichen Touch-Screen auch eine gewöhnliche Tastatur besitzt – präsentierte das japanisch-schwedische Unternehmens-Doppel im Frühjahr einen sehr vielseitigen mobilen Begleiter. Das Multimedia- Telefon kann Dateien im Word, Excel- oder Powerpoint-Format lesen und bearbeiten, Fotos per E-Mail oder dem SMS-Nachfolgestandard MMS (Multimedia Message Service) verschicken, Videos und MP3-Musikdateien aus dem Internet herunterladen und abspielen. Einträge im Adressbuch kann das Gerät mit digitalen Fotos verknüpfen, sodass bei einem Anruf das Bild des Anrufers auf dem Display erscheint. Als Betriebssystem verwendet das P 800 eine Weiterentwicklung der von Psion-PDAs benutzten Symbian-Software. Die Vielzahl von Anwendungen, die es den Nutzern bietet, ist nicht allein eine Spezialität des Sony-Ericsson-Geräts. Funktionen wie ein MP3- Player, eine Spracherkennung oder die Möglichkeit, digitale Fotos und Videoclips von einer Digitalkamera zu überspielen, zu betrachten oder gar nachzubearbeiten, zählen mittlerweile zur Ausstattung vieler neuerer PDA- und Smartphone-Modelle. Hochauflösende, meist farbige TFT-Flachbildschirme sind bei den Displays inzwischen Standard. Mit der Nutzung der Bluetooth-Technik zur drahtlosen Datenübertragung zwischen dem PDA und anderen Geräten, mit der sich zum Beispiel ein Kopfhörer kabellos anschließen lässt, liegt das P 800 ebenfalls voll im Trend. Denn auf die Ankündigungen der letzten Jahre folgen nun Taten: Gleich mehrere Anbieter bringen Bluetooth-taugliche PDAs auf den Markt. So gibt es von Palm seit kurzem die „SD-Card” – eine Steckkarte, mit der sich alle Geräte des US- Herstellers für die Bluetooth-Funktechnik fit machen lassen. Damit kann man etwa auf einem Palm-PDA gespeicherte Adressdaten per Funk schnell und bequem mit dem Register auf einem PC abgleichen. Die Siemens-Tochter Fujitsu-Siemens hat für die nächsten Monate mit dem Pocket Loox den ersten Bluetooth-fähigen Pocket-Computer auf der Basis des Pocket PC-Betriebssystems angekündigt. Palm-Geräte lassen sich auch für WLAN-Funknetze aufrüsten. Sie besitzen mit rund 150 Metern eine deutlich größere Reichweite als Bluetooth und werden etwa zur drahtlosen Vernetzung von Firmengebäuden, Hotels, Bahnhöfen und Flughäfen genutzt. Die Möglichkeit der drahtlosen Vernetzung der PDAs mit ihrer Umgebung, so hoffen die Hersteller, soll deren Verbreitung weiter beschleunigen.
Enormer Energiehunger
Die wachsende Vielfalt von Einsatzmöglichkeiten stellt immer höhere Anforderungen an die Energieversorgung von PDAs: Leistungsfähige Prozessoren, anspruchsvolle Farbdisplays und besonders stromfressende Anwendungen wie Digitalkameras, MP3- oder Video-Player zwingen die Akkus schon nach kurzer Zeit in die Knie. Kaum ein neueres PDA-Modell bringt es auf mehr als acht bis zehn Stunden Akkulaufzeit. Leistungsfähigere Energiespeicher sind daher dringend gefragt. Ein erster Schritt ist der Ersatz der bisher üblichen Lithium-Ionen- durch Lithium-Polymer-Akkus. Sie enthalten statt eines flüssigen Elektrolyten ein zähes, Kunststoff-ähnliches Gel als elektrisch leitendes Material. Ihre Energiedichte ist um rund 20 Prozent höher als bei Lithium-Ionen-Akkus. Ein weiterer Vorteil: Lithium-Polymer-Akkus benötigen kein dickes Metallgehäuse und können daher deutlich kompakter gebaut werden. Eines der ersten Geräte, das seinen Saft aus Lithium-Polymer-Akkus bezieht, ist der Jornada 928 WDA von Hewlett Packard. Auf lange Sicht dürfte aber kein Weg an Miniatur-Brennstoffzellen als Energiespender für die immer leistungsfähigeren PDAs vorbeiführen. Erste Prototypen von winzigen Brennstoffzellen, die sich für den Betrieb von mobilen Geräten nutzen lassen, haben zum Beispiel der US-amerikanische Elektronikkonzern Motorola, die Münchner Firma Smart Fuel Cells und Forscher des Freiburger Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme vorgestellt. Sie nutzen Methanol als Brennstoffquelle und könnten schon bald PDAs, Handys oder Notebooks rund zehnmal mehr Energie liefern als aufladbare Batterien gleicher Größe.
Ralf Butscher




