Als keltische Stämme am 18. Juli 387 v. Chr. die römische Streitkraft an der Allia, einem Nebenfluß des Tiber, in die Flucht jagen, betreten sie mit einem Donnerschlag die Bühne der Weltgeschichte. Drei Tage später versuchen sie, nachts den Burgfelsen des Kapitols in Rom einzunehmen. Es sind, so erzählt die Legende, die heiligen Gänse der Juno, die mit ihrem Geschnatter die Ewige Stadt vor dem Untergang bewahren.
Selbstbewußt und furchtlos begegnen keltische Stammesgruppen 335 v. Chr. an der unteren Donau keinem Geringeren als Alexander dem Großen, dem sie bei seinen weiteren Eroberungszügen als geschätzte Söldner dienen.
279 v. Chr. ist es das Apollo-Heiligtum in Delphi, das nur knapp einer Plünderung durch beutehungrige Kelten entgeht. Andere keltische Stämme ziehen weiter nach Kleinasien und bedrohen dort Pergamon. Ihre Anwesenheit in Palästina wird in der Bibel höchst negativ vermerkt. Die Griechen nennen die Unruhestifter Galater, die Römer Gallier.
Diese bedrohlichen Ereignisse prägten nachhaltig und einseitig die Berichte antiker Autoren. Tatsächlich brachten sich die Ungestümen aus dem Norden in den folgenden zwei Jahrhunderten als unberechenbare Gegner immer wieder in Erinnerung.
Gleichzeitig lebten keltische Stämme in der Umgebung von Bologna friedlich neben der etruskischen Bevölkerung. Europäische Metropolen wie London, Paris, Mailand und Budapest gehen auf keltische Gründungen zurück, sie markieren das keltische Siedlungsgebiet am Ende seiner größten Ausdehnung im 2. Jahrhundert v. Chr. Ortsnamen keltischen Ursprungs erinnern an dieses rätselhafte Volk: Vitudurum für Oberwinterthur in der Nordschweiz oder Cambodunum für Kempten.
Was ist sonst von diesen Völkern geblieben? Daß sie mehr waren als ungehobelte Krieger, belegen immer wieder Entdeckungen, die nicht nur die Archäologen faszinieren:
Das Gold
Die Kelten opferten das nördlich der Alpen damals reichlich vorhandene Gold, prächtig verarbeitet, ihren Göttern in Flüssen, an markanten Stellen in der Landschaft und in heiligen Hainen, berichten griechische und römische Quellen. Inspiriert von mediterranen Vorbildern ließen keltische Künstler ihrer Phantasie freien Lauf, kreierten eigenwillige Kompositionen, entwarfen zeitlos schönes Design und verliehen selbst Alltagsgegenständen wie Gürtelschnallen oder Broschen einen besonderen Zauber. In Manching bei Ingolstadt, der bekannten Kelten-Stadt in Deutschland, fanden Archäologen die Fragmente von keltischen Goldschmelzöfen und Gußformen, die ausgefeilte Erfahrung und metallurgisches Know-how vor über 2000 Jahren belegen. Die Analyse im Forschungsreaktor der TU München und nachahmende Experimente brachten die Archäologen Dr. Rupert Gebhard und Dr. Ute Steffgen von der Prähistorischen Staatssammlung auf die Spur: In nur fünf Minuten war im Holzkohleofen die Schmelztemperatur des Goldes von 1063 Grad Celsius überschritten. Das belegt technisches Wissen, das die keltischen Experten nur in enger Zusammenarbeit mit Schmieden gewinnen konnten.
Keltische Münzexperten prägten Gold- und Silbermünzen, gossen Bronzelegierungen als Kleingeld. Neue Analysen von Goldmünzen, gefunden in Bayern, setzten die Forscher in Erstaunen: Stahlgraue Einschlüsse, die als natürliche Legierungen der Platin-Gruppe identifiziert wurden, weisen auf eine Herkunft des Metalls aus Griechenland oder Kleinasien hin.
Im Herzen Frankreichs bauten Kelten südlich von Limoges goldhaltiges Quarz ab. Keine Inschrift, kein antiker Autor berichtet davon, doch die Jahresringe der hölzernen Stollenverschalung verraten, daß die keltischen Minenarbeiter seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. routinierte Spezialisten waren.
Das Salz
Hallstatt und Hallein im österreichischen Salzkammergut sind Bergwerke, deren Ursprünge bis in keltische Zeit zurückreichen. 1573 tauchte im Stollensystem des Dürrnbergs ein verschütteter Mann auf mit “Fleisch, Bein, Haar, Bart und Kleidung ganz unverwest, wie ein Stockfisch” – so ein zeitgenössischer Bericht -, der ähnlich gut erhalten gewesen sein muß wie Ötzi aus dem Gletscher. Das Salz hatte ihn konserviert, ebenso wie die zahlreichen Hinterlassenschaften der keltischen Bergleute.
Beim flackernden und rußenden Licht der Kienspäne folgten die Kumpel den salzhaltigen Schichten, von beißendem Rauch und unzureichender Belüftung geplagt. Auch ihre eisernen Pikkel, Schnüre, Reste von farbigen Stoffen und die Überbleibsel ihrer Hauptspeise, – eines Eintopfs aus einem Gerste-Hirse-Brei mit Bohnen – bewahrte das Salz. Kleine Schuhe belegen Kinderarbeit. Das “weiße Gold” war begehrt für die Konservierung von Lebensmitteln, der Handel florierte, die Kontakte reichten bis nach Italien und Frankreich. Das Salz verlieh den Salzherren Macht und Ansehen. Ein ähnliches Schicksal wie heute – der Abbau war unrentabel geworden – mag den keltischen Bergbau am Dürrnberg beendet haben: Nachdem die Römer spätestens 40 n. Chr. das Land beherrschten, verdrängte das billigere Meersalz das aufwendig geförderte aus dem Berg.
Die Städte
Ab 300 v. Chr. versuchten die Römer, Norditalien zu unterwerfen. 222 hatten sie Mediolanum (Mailand) erobert. Die dort lebenden Kelten verbündeten sich mit Hannibal, dem Feldherrn der Karthager, der mit Rom um die Vormachtstellung im internationalen Handel konkurrierte. Es waren keltische Stämme, die Hannibal mit seinen Elefanten 218 v. Chr. über die Alpen führten. Hannibal verlor, die Kelten gaben auf und zogen sich nach Norden, ins heutige Süddeutschland, zurück. Nach mediterranem Vorbild gründeten sie dort ab 200 v. Chr. ihre Städte, die “Oppida”. Das waren Zentren für Verwaltung, Rechtsprechung, Handel und zugleich Münzprägestätte, Burg, geschützter Versammlungsort, geistiger und religiöser Mittelpunkt. Im Schutze einer sieben Kilometer langen Mauer lebten 5000 bis 10000 Kelten im heutigen Manching bei Ingolstadt an der Donau.
Andere, heute noch bekannte Oppida in Deutschland sind Altenburg-Rheinau, Tarodunum, Heidengraben, Donnersberg, Steinsburg, Amöneburg, Dunsberg und Heidetränke (siehe Karte auf Seite 28). Für ihren florierenden Fernhandel nutzten die Kelten ein ausgedehntes Wegenetz.
Die Rituale
Die Kelten selbst haben nichts Schriftliches über Kult und Religion hinterlassen. Alle Kenntnis stützt sich auf Berichte aus zweiter Hand. Danach war ihr Leben stark durchdrungen von religiösen Vorstellungen. Caesar notierte: “Das ganze Volk der Kelten hält viel von rituellen Handlungen und Magie.” Den Druiden, der geistigen Elite, war die allgemeine und schriftliche Verbreitung ihres Wissens verboten. Sie hatten als Mitglieder des Adels gesellschaftspolitischen Einfluß, waren mitverantwortlich für die Gesetzgebung, sprachen Recht, entschieden über Krieg und Frieden. Und sie vollzogen die religiösen Opferhandlungen, von deren Ablauf wenig überliefert ist.
Ausgrabungen von Kultplätzen vor allem in Frankreich werfen etwas Licht auf die manchmal grausamen Opfersitten der Kelten und geben Indizien für Rituale höchst makabrer Art. Wie die uns oft nicht überlieferten Gottheiten ihren blutrünstigen Tribut forderten, schildert der römische Geschichtsschreiber Livius:
Nach einem Sieg über die Römer präsentierten die keltischen Boier Rüstung und Kopf des getöteten römischen Feldherrn in ihrem Tempel. Menschenopfer zelebrierten die Kelten in Ribemont unweit von Gournay: Gespenstisch waren hier mindestens 60 Körper von Gefallenen oder getöteten Kriegsgefangenen auf einem Podest am Heiligtum aneinandergereiht. Die enthaupteten Leiber wurden durch Austrocknen an der Luft mumifiziert. Ob Menschen auch in Friedenszeiten geopfert wurden, ist ungewiß.
Die Wissenschaft
Keltische Münzen aus Querbach bei Kehl. Die Kelten führten nördlich der Alpen das Münzwesen für den florierenden Handel ein. Dabei verwendeten sie auch Metalle, die aus Anatolien stammten. Doch die Kelten waren nicht nur blutrünstig: Die Druiden beschäftigten sich auch mit der Beobachtung der Gestirne. Das belegt exemplarisch ein Kalender, der 1897 im französischen Coligny in einem keltischen Heiligtum gefunden wurde. Die Bronzetafel war 150 mal 90 Zentimeter groß: Sie ist heute nur noch in Bruchstücken erhalten. Auf der Platte aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. sind fünf Jahre wiedergegeben. Nach jedem 30. Monat wurde ein zusätzlicher Monat mit 30 Tagen eingeschoben. Das Jahr hatte entsprechend 355 oder 385 Tage und war in sechs Monate Sommer- und sechs Monate Winterzeit eingeteilt. Der Kalender dokumentiert astronomische Denkmodelle, die nur auf jahrhundertelangen Überlieferungen, mathematischen Berechnungen und Beobachtungen des Himmels – auf Wissenschaftstraditionen – basieren können.
Das Ende
In Frankreich steht das Oppidum Alesia für den keltischen Widerstand gegen Caesars Expansionsdrang. Hier hatte sich Vercingetorix, die keltische Integrationsfigur, verschanzt. 52 v. Chr. besiegten die Römer die Gallier nach Belagerung, Vercingetorix wurde gefangengenommen und später in Rom hingerichtet, die Römer übernahmen die Macht in Gallien und vertrieben die Druiden. Etwas früher, um 50 v. Chr. ging die keltische Zivilisation in Süddeutschland zu Ende: Oppida wie Manching enden unvermittelt. Ohne zerstört worden zu sein, verschwinden sie im Dunkel der Zeit.
Elli G. Kriesch




