Wenn wir versuchen, uns an Ereignisse aus unserer frühen Kindheit zu erinnern, bleiben unsere ersten Lebensjahre meist im Dunkeln. Bei den meisten Menschen setzen die frühesten Erinnerungen erst ab einem Alter von etwa drei Jahren ein. Doch was ist die Ursache dieser sogenannten kindlichen Amnesie? Eine Erklärung besagt, dass die für das episodische Gedächtnis verantwortliche Hirnregion, der Hippocampus, in den ersten Lebensjahren noch nicht ausgereift genug ist, um Erinnerungen zu speichern. Andere Erklärungsansätze gehen eher davon aus, dass die Erinnerungen zwar gespeichert werden, aber im späteren Leben nicht mehr abrufbar sind.
Kleinkinder im MRT
Um herausfinden, inwieweit schon Kleinkinder Erinnerungen bilden können, hat ein Team um Tristan Yates von der Columbia University in New York 26 Kinder im Alter von vier bis 25 Monaten im Hirnscanner untersucht. Die Forschenden zeigten ihren kleinen Probanden eine Reihe von Bildern, darunter Gesichter, Objekte und Landschaften, und beobachteten mit Hilfe von funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT), was währenddessen in ihrem Gehirn vor sich ging.
Nachdem die Kinder zahlreiche Bilder gesehen hatten, zeigten die Forschenden ihnen einige der zuvor gesehenen Bilder erneut neben einem unbekannten Bild. Die Idee dahinter: „Wenn Babys etwas schon einmal gesehen haben, erwarten wir, dass sie es beim nächsten Mal genauer betrachten“, erklärt Co-Autor Nicholas Turk-Browne von der Yale University in New Haven. „Wenn ein Säugling bei dieser Aufgabe also mehr auf das zuvor gesehene Bild schaut als auf das neue Bild daneben, kann das so interpretiert werden, dass das Baby sich daran erinnert und es als vertraut erkennt.“
Kodierung im Hippocampus
Tatsächlich zeigten die Kinder im Experiment häufig ein erhöhtes Interesse an zuvor gesehenen Bildern. Doch nicht nur das: Wie die fMRT-Daten enthüllten, stand dieser Ausdruck von Erinnern im Zusammenhang zur Aktivität im Hippocampus. Je stärker der Hippocampus beim ersten Betrachten eines Bildes aktiv war, desto länger betrachteten die Kinder dieses Bild, wenn es später erneut auftauchte. Die höchste Aktivität war dabei im hinteren Bereich des Hippocampus zu beobachten, der auch bei Erwachsenen am stärksten mit dem episodischen Gedächtnis in Verbindung gebracht wird.
„Das deutet darauf hin, dass die Fähigkeit, individuelle Erinnerungen zu kodieren, bereits im Säuglingsalter aktiviert wird“, erklärt das Forschungsteam. Am deutlichsten ausgeprägt war der Effekt bei kindlichen Versuchsteilnehmern, die bereits ihr erstes Lebensjahr vollendet hatten. Die Forschenden gehen deshalb davon aus, dass das episodische Gedächtnis ab einem Alter von etwa zwölf Monaten grundlegend dazu in der Lage ist, Erinnerungen zu kodieren. „Diese Erkenntnis ist auch mit jüngsten Erkenntnissen aus Tierversuchen vereinbar, nach denen die kindliche Amnesie kein Problem der Kodierung, sondern des Abrufens ist“, sagt Turk-Browne.





