Am 4. August 2003 war der Sprung in ein neues TV-Zeitalter vollbracht: In Berlin, Potsdam und den angrenzenden Teilen Brandenburgs endete die Umstellung der per Funkmast ausgestrahlten Fernsehprogramme von der herkömmlichen analogen auf die digitale Technik. Alle analogen Sender wurden abgeschaltet. Für die Fernsehgucker in der deutschen Hauptstadt und drumherum bedeutet das: Wer seine TV-Programme über Zimmer- oder Dachantenne empfängt und sein Fernsehgerät nicht für den digitalen Empfang umrüstet, bleibt vor einer schwarzen Mattscheibe sitzen. In die Röhre gucken allein in Berlin rund 150 000 Haushalte. Um ihre Flimmerkiste für das „Digital Video Broadcasting – Terrestrial”, oder kurz DVB-T, fit zu machen, benötigen sie ein spezielles Zusatzgerät, eine so genannte Set-Top-Box. Sie wandelt die über die Antenne aufgefangenen digitalen Daten in analoge Signale um, die das TV-Gerät versteht und auf den Bildschirm bringen kann.
Set-Top-Boxen für das digitale Antennenfernsehen gibt es im Raum Berlin seit dem Frühjahr 2002 zu kaufen – da begann die Umstellung des Sendebetriebs. Ihr Preis liegt derzeit je nach Modell zwischen 100 und 200 Euro. Seit kurzem bieten einige Hersteller wie Loewe, Panasonic und Sharp Digitalfernseher an, bei denen der Decoder bereits integriert ist. Diese so genannten IDTV-Geräte kosten meist zwischen 1200 und 2000 Euro. Quelle Universum hat einen IDTV-Fernseher für rund 800 Euro im Programm. Von Grundig und Metz gibt es Nachrüstsätze, mit denen sich ein konventioneller Fernseher für den digitalen Empfang aufmöbeln lässt.
Die Ausstrahlung digitaler Fernsehprogramme ist nicht grundsätzlich neu. Schon seit einigen Jahren können zahlreiche digitale Sender über Satellit oder Kabel empfangen werden. Doch bislang fanden die digitalen Programme bei den Fernsehzuschauern nur wenig Anklang: Der Anteil der Kunden, die per Kabel auf das digitale Angebot zugreifen, liegt unter 10 Prozent. Die Gründe für die Zurückhaltung sind vielfältig: Zum Beispiel ist auch für den digitalen Empfang per Kabel oder Satellit eine Set-Top-Box erforderlich. Außerdem kostet der Empfang vieler Programme eine Extra-Gebühr.
Die Einführung von DVB-T soll dem Dornröschen-Schlaf nun ein Ende bereiten, so die Hoffnung der deutschen TV-Plattform – einem Zusammenschluss von Programmmachern und -anbietern, privaten und öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und Netzbetreibern sowie Unternehmen und Forschungsinstituten, die sich die Etablierung des digitalen Fernsehens auf die Fahne geschrieben haben.
Ein Vorteil des Empfangs per Antenne gegenüber Satellit und Kabel: Es fallen neben den GEZ-Gebühren keine weiteren laufenden Kosten an. Der entscheidende Pluspunkt des DVB-T aber ist, dass es das Fernsehen mobil macht. Unabhängig von einem Kabelanschluss oder einer Satellitenschüssel kann man mit einem für die digitale Technik gerüsteten tragbaren Gerät eine Vielzahl von Fernsehprogrammen überall und in guter Qualität empfangen. Für einen störungsfreien Empfang, versprechen die Experten der Deutschen TV-Plattform, genügt meist eine kleine Zimmerantenne. Daher lässt sich etwa ein Formel-1-Rennen gemütlich im Garten oder auf dem Balkon genießen. Selbst im Auto, im Bus oder in der Bahn soll man das digitale Fernsehen mit entsprechend handlichen Geräten bald nutzen können. Auch Notebooks lassen sich mit einer DVB-T-Einsteckkarte für den mobilen Fernsehempfang aufrüsten. Spezielle besonders stromsparende TV-Receiver könnten das Fernsehen künftig sogar auf dem Mobiltelefon ermöglichen.
Die Mobilität erscheint als der bestechende Vorteil des digitalen Antennenfernsehens, für das findige Marketingstrategen daher auch den Begriff „Überall-Fernsehen” geprägt haben. Die Deutsche TV-Plattform wirbt mit weiteren Vorzügen. So haben die Fernsehbilder oft eine bessere Qualität als bei analogem Empfang. Zudem können Antennen-Nutzer per digitaler Technologie deutlich mehr Programme als bisher empfangen: Statt etwa einer Hand voll analoger sind es in Berlin nun 27 digitale Programme, die per Antenne auf die Mattscheibe kommen: Neben privaten wie Kabel-1, Super RTL oder N24 werden auch die beiden öffentlich-rechtlichen Programme ZDF.doku und ARDdigital übertragen.
Der Grund für die größere Vielfalt: Die digital ausgestrahlten Signale transportieren die Informationen in Form kleiner Datenpakte und werden zudem vor dem Senden reduziert und komprimiert, um die übertragene Datenmenge möglichst klein zu halten. Daher benötigen die digitalen Programme weniger Platz auf den Funkfrequenzen, was eine bessere Ausnutzung der Übertragungskanäle erlaubt: Auf einen normalen Fernsehkanal passen bis zu zehn digitale Kanäle.
Andere Vorteile der digitalen Technik sind noch Zukunftsmusik. So sollen durch digitales Fernsehen auch multimediale und interaktive Anwendungen möglich sein. Die einfachsten sind ein elektronischer Programmführer und eine Art aufgepeppter Videotext mit Zusatzinfos zu Programminhalten. Daneben sollen die Zuschauer künftig direkt ins TV-Geschehen eingreifen können – etwa bei Show-Sendungen per Fernbedienung mitraten oder abstimmen –, per Home-Shopping im Werbeblock vorgestellte Produkte einkaufen, oder via TV-Gerät im Internet surfen und E-Mails verschicken können.
Möglich macht das die „Multimedia Home Platform” – eine Technologie, auf die sich Programm- und Geräteanbieter geeinigt haben (bild der wissenschaft 1/2002, „Box-Kampf”). Der Fernseher wird dazu mit einem Rückkanal verbunden, über den sich Daten von zu Hause ins Studio senden lassen. Der Haken dabei: Da sowohl Satellitenschüssel als auch Hausantenne und TV-Kabel digitale Signale lediglich empfangen, nicht aber in die andere Richtung übertragen können, muss der Rückkanal über die Telefonleitung laufen. Von den für das terrestrische digitale Fernsehen verfügbaren Set-Top-Boxen besitzt jedoch derzeit keine einzige das dafür erforderliche Modem.
Es klemmt auch woanders: So können die bisher angebotenen digitalen Decoder-Boxen – wie auch beim Empfang per Kabel oder Satellitenschüssel – nur ein einziges Programm empfangen. Das bedeutet: Es ist unmöglich, zum Beispiel die Nachrichten anzuschauen und gleichzeitig mit dem Videorekorder einen Film aufzuzeichnen. Dazu müssen TV-Gerät und Videorekorder jeweils mit einer eigenen Set-Top-Box verbunden werden. Auch wenn der Sprössling auf dem Fernsehgerät im Kinderzimmer eine andere Sendung sehen will als die Eltern in der Wohnstube, braucht er dazu einen separaten Decoder. Das geht ins Geld. So genannte Twin-Boxen sollen deshalb den gleichzeitigen Empfang zweier digitaler Programme erlauben. Sie werden voraussichtlich im Laufe des Jahres auf den Markt kommen.
Derweil geht die Umstellung der Sender auf digitalen Betrieb schrittweise weiter. So können seit Ende Mai auch die Fernsehzuschauer in den Regionen Köln/Bonn, Hannover/Braunschweig und Bremen/Bremerhaven neben den analogen bis zu 24 digitale Programme per Antenne empfangen. Anfang November sollen Hamburg/Lübeck und Kiel sowie der Raum Düsseldorf/Ruhrgebiet folgen. Weitere Ballungsräume sind 2005 mit der Einführung von DVB-T an der Reihe. Bis spätestens 2010 soll das Überall-Fernsehen in ganz Deutschland zu empfangen sein. Dann werden die letzten analogen Sendemasten abgeschaltet – und der Wind durch den Antennenwald auf deutschen Dächern weht stets digital. ■
Cynthia Mouchbahani
COMMUNITY LESEN
Durchblick
Stiftung Warentest 5/2004, S. 42
INTERNET
Informationen rund ums Überall-Fernsehen:
www.ueberall-tv.de
www.tv-plattform.de/Content/3_FAQ/
FAQ.html
Liste aller verfügbaren und angekündigten Set-Top-Boxen, Fernseher, Nachrüstsätze und Antennen für DVB-T:
www.ueberall-tv.de/3content/eqip/ eqip.htm





