Etwa 30000 Gene besitzt ein Mensch. Da scheint ein einziges neues nicht sehr viel zu sein. Aber manchmal reicht es schon für ein neues Leben – zum Beispiel bei Patienten mit der Bluterkrankheit Hämophilie B, für die die amerikanische Biotechnologie- Firma Avigen eine Gentherapie entwickelt hat. Bei den weltweit rund 80 000 Betroffenen ist das Gen für den Blutgerinnungsfaktor IX defekt. Mit Hilfe des sogenannten Adeno-associated Virus (AAV) als Genfähre schleuste Avigen deshalb ein intaktes Gen in die Skelettmuskelzellen der Patienten ein – mit Erfolg: Sechs von neun Testpersonen in den derzeit laufenden klinischen Studien bilden seitdem anhaltend den Faktor IX.
Katherine High, Ärztin am Kinderkrankenhaus in Philadelphia und maßgeblich für den Erfolg der Therapie verantwortlich, schränkt jedoch ein: „Die Konzentration des Faktors IX im Blut ist für einen nachhaltigen therapeutischen Erfolg noch zu gering.” Dennoch scheinen die Aussichten so gut zu sein, daß der deutsche Chemie- und Pharmakonzern Bayer Ende letzten Jahres eine Zusammenarbeit mit Avigen über 60 Millionen Mark vereinbarte. „ Wir werden 2006 die erste Gentherapie auf den Markt bringen”, ist Anthony Nagel optimistisch, bei Bayer verantwortlich für die Kooperation. Laut Nagel hat Avigen auf diesem Feld rund zwei Jahre Vorsprung vor seinen Konkurrenten. Stefan Kochanek, Dozent am Zentrum für molekulare Medizin der Universität Köln, unterstreicht: „Ich halte den Ansatz von Avigen für sehr erfolgversprechend.” Schon im vergangenen Jahr hatte das Team von Alain Fischer in Paris berichtet, mehrere Kleinkinder mit schwerer angeborener Immunschwäche erfolgreich behandelt zu haben.
Warum es nach den Fehlschlägen nun geglückt ist, erste Erfolge zu melden, weiß niemand so recht. Ein Grund könnten die für den Transport benutzten Viren sein. AAV löst im Unterschied zu dem nicht mit ihm verwandten Adenovirus (AV) beim Menschen keinerlei Infektionen aus. So ist eine verheerende Immunreaktion, wie sie 1999 bei Jesse Gelsinger durch die benutzten Adenoviren auftrat und zum ersten Todesfall in der Geschichte der Gentherapie führte, ausgeschlossen. Der Gruppe um Stefan Kochanek gelang es inzwischen, Adenoviren herzustellen, die das Immunsystem nicht mehr herausfordern.
Auch in Zukunft wird man verschiedene Virentypen für die Gentherapie einsetzen, denn Viren sind gewebespezifisch. Die Genfähren müssen also je nach Krankheit auf das Gewebe zugeschnitten werden, in dessen Zellen man das therapeutische Erbmaterial einschleusen will. Das deutsche Pharmaunternehmen Schering beispielsweise greift für die Gentherapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen weiter zu Adenoviren. Die Forscher wollen Blutgefäße zum Wachstum anregen, um verengte Herzkranzgefäße zu umgehen. Die ersten Menschen sind bereits mit einigem Erfolg behandelt worden. Weitere Unternehmen entwickeln Methoden, um Krankheiten wie Krebs und sogar Aids anzugehen.
Robert Thielicke




