Die Berufswahl von Jugendlichen hängt entscheidend davon ab, in welchen Bereichen sie ihre persönlichen Begabungen sehen. Wer meint, in Mathe gut zu sein, wird sich eher für naturwissenschaftliche und technische Berufe entscheiden als jemand, der froh ist, Mathe nach der Schule los zu sein. Studien zeigen, dass Jungen ihre Mathefähigkeiten oft höher einschätzen als Mädchen und später häufiger in gut bezahlten MINT-Berufen arbeiten. Als eine Ursache dafür gelten Genderstereotype, denen zufolge Mädchen nur geringe mathematische Kompetenzen haben und brauchen.
Wie der Freundeskreis die Selbsteinschätzung prägt
Ein Team um Isabel Raabe von der Universität Zürich hat nun den Fokus auf einen weiteren Faktor gelegt: „Bisher war kaum bekannt, wie der Peer-Kontext die Selbstwahrnehmung von Kompetenzen prägt und wie dieses Selbstbild die soziale Integration und Beliebtheit von Mädchen und Jungen beeinflusst“, erklären die Forschenden. „Wir haben für 358 Schulklassen aus Deutschland und Schweden Freundschaftsnetzwerke analysiert und Zusammenhänge zur Wahrnehmung der eigenen Mathefähigkeiten von fast 7.500 Jugendlichen hergestellt.“
Dabei nutzten die Forschenden Längsschnittdaten, bei denen Jugendliche zunächst im Alter von 14 bis 15 Jahren und erneut ein Jahr später zu verschiedenen schulischen Themen befragt wurden. Unter anderem sollten sie angeben, wie sie ihre eigenen Kompetenzen in verschiedenen Fächern einschätzen, welche Noten sie haben und wer ihre besten Freunde sind. Diese Daten setzten Raabe und ihr Team mit statistischen Methoden in Zusammenhang.
Selbstüberschätzung bei Jungen
Erwartungsgemäß zeigte sich eine starke Beziehung zwischen den eigenen Schulnoten und der Selbsteinschätzung in Mathe. Dabei gab es jedoch einen auffälligen Geschlechterunterschied: „Jungen neigen dazu, sich in Mathe besser einzuschätzen, als ihre Noten nahelegen“, berichtet das Team. Bei Mädchen dagegen ist es andersherum: Ihre Selbsteinschätzung in Mathe stimmt weitgehend mit den Noten überein. Dabei haben sie die Tendenz, sich selbst für schlechter zu halten, als sich in den Noten spiegelt. Das galt sowohl für Schweden als auch für Deutschland.
„Insgesamt neigen Mädchen dazu, dieselbe Mathematiknote in eine niedrigere, aber genauere Selbsteinschätzung des eigenen Mathefähigkeiten zu übersetzen als Jungen“, so die Forschenden. „Das legt nahe, dass die unterschiedlichen Selbstbilder in Bezug auf die Mathefähigkeiten bei Mädchen und Jungen eher auf eine Selbstüberschätzung bei den Jungen zurückzuführen sind, als darauf, dass Mädchen sich schlechter einschätzen als sie sind. Diese Beobachtung bezieht sich allerdings nur auf Mathe, nicht auf andere Fächer.“





