Daß sich Männer meist besser und rascher im Raum orientieren können als Frauen, liegt an den unterschiedlichen Gehirnaktivitäten. Bei beiden Geschlechtern sind beim Orientieren Teile des Scheitellappens und der rechte Hippocampus, eine Struktur im Schläfenlappen, aktiv. Aber Männer benutzen auch ihren linken Hippocampus, der für geometrische Berechnungen und die Erinnerung an bereits bekannte Orte zuständig ist. Bei Frauen feuert dagegen der rechte Stirnlappen – ein Zeichen dafür, daß sie einzelne Geländemarken im Arbeitsgedächtnis behalten. Zu diesem Ergebnis kamen Matthias Riepe und seine Mitarbeiter von der Universität Ulm. Sie maßen mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie die Gehirnaktivitäten von Menschen, die sich in Labyrinthen von Computerspielen zurechtfinden mußten. Frauen orientieren sich offenbar hauptsächlich an Geländemarken, während Männer auch geometrische Merkmale berücksichtigen, zum Beispiel den Winkel oder die Form von Ecken und Mauern. Bei Ratten wurden ähnliche Beobachtungen gemacht: Beeinträchtigungen des Stirnhirns führen bei Rattenweibchen, nicht aber bei deren Männchen, zu einem gestörten Richtungssinn. „Die Geschlechtsunterschiede sind wahrscheinlich nicht das Ergebnis von Erfahrung und Erziehung, sondern angeboren”, vermutet Riepe. Darauf deuten Experimente mit Ratten hin, die unter gleichen Umweltbedingungen aufgewachsen sind. Der definitive Beweis dafür steht aber noch aus.
Rüdiger Vaas




